«Wir sind eher das Rennboot, das dreimal um das Kreuzfahrtschiff fährt»

Tobias Stepinski

Ein neunköpfiges IT-Unternehmen aus Wallisellen steckt hinter der Software, die an Schwingfesten in der ganzen Schweiz die Ranglisten in Echtzeit ausspielt. Gregor Favre, Gründer der INSOR AG, über den Mut zur Selbstständigkeit und darüber, ob er die Informatiklehre heute noch empfiehlt.

Das Büro der INSOR AG an der Rosenbergstrasse in Wallisellen wirkt unauffällig: ein paar grüne Pflanzen, an den Wänden Bilder von Bergen, ein leicht gräulicher Teppichboden. Man würde nicht vermuten, dass von hier aus an Wochenenden Schwingfeste in der ganzen Schweiz mit Live-Ranglisten versorgt werden. Gregor Favre hat die Firma gegründet und führt sie bis heute. Neun Leute arbeiten inzwischen hier und entwickeln Software für Aufgaben, für die es bisher keine Lösung gab. Beim Schwingen war das lange die Kreidetafel – bis Favres Team den Sport ins digitale Zeitalter holte.

Gregor Favre, bevor wir zur Technik kommen: Standen Sie selbst schon einmal im Sägemehl?

Nein, dafür bin ich zu alt, die Schwinger fangen ja schon als Buben an. Früher wusste ich über das Schwingen gar nichts, ich war auch kein Fan. Heute gehe ich durchaus zu Festen und schaue gerne zu. Mir ist es auch als Informatiker wichtig, vor Ort zu sein und nicht nur hinter dem Schreibtisch zu entwickeln – man muss die Atmosphäre spüren und sehen, wie die Leute arbeiten. Am Anfang war ich vor allem im Rechnungsbüro, der Zen­tralstelle an einem Schwingfest, und da natürlich extrem nervös, weil die eigene Software im Parallelbetrieb lief. Das erste Fest, das ich wirklich geniessen konnte, war der Olma-Schwinget, weil ich dort nicht in meiner Funktion dabei war.

Sie sind gelernter Informatiker. Wie sind Sie zur eigenen Firma gekommen?

Nach der Lehre absolvierte ich ein Vollzeitstudium an der ZHAW. Daneben unterrichtete ich nebenberuflich an der HSO und übernahm später die IT-Leitung im Support. Parallel dazu programmierte ich und betreute eigene Kunden – irgendwann wurde das zu viel. Der Entscheid, den sicheren Job aufzugeben, brauchte gut zwei Jahre – mehr als zwei, drei schlaflose Nächte. Der Auslöser war ein Auftrag, bei dem mich ein Kunde für 40 Tage buchte, da ging es mit Ferien und unbezahltem Urlaub nicht mehr. Der Vorteil: Ich startete nicht am leeren Schreibtisch, durch die Nebentätigkeit hatte ich immer ein paar Kunden. Am Anfang war ich allein, nach einem Jahr kamen die ersten zwei Mitarbeiter dazu, danach wuchs es stetig. Heute sind wir neun Leute.

 

«Früher war ich einen Tag lang damit beschäftigt, ein Angriffsmuster in Millionen Zugriffen zu finden – mit KI geht das in fünf Minuten.»

 

Können Sie in einfacher Sprache erklären, was INSOR macht?

Software gibt es überall – wir programmieren das, was es noch nicht gibt. Beim Schwingen etwa gab es keine Software. Bis vor wenigen Jahren wurde alles auf Kreidetafeln geschrieben, und Meldeläufer rannten zwischen Rechnungsbüro und Kampfrichtertisch hin und her. Ein anderes Beispiel: Wenn man heute hindernisgerechte Wohnungen baut, haben wir eine App gemacht, mit der man durchs Gebäude geht und prüft, ob etwa die Steckdose auf der richtigen Höhe ist. Am Schluss ist es grün oder rot, und es wird ein Zertifikat generiert. Das andere Standbein sind Webauftritte. Unsere Kunden kommen aus den verschiedensten Branchen und Grössen.

Wie kommt ein KMU aus Wallisellen zu einem so grossen Auftrag des Eidgenössischen Schwingerverbands?

Über Mundpropaganda. Ein Bekannter aus der Branche kannte jemanden aus der IT-Kommission des Verbands. Die brauchten etwas Einheitliches, das auch für grosse Feste funktioniert, ohne dass immer jemand vor Ort sein muss. Wir ­waren nicht die Einzigen im Rennen, es gab auch grössere Anfragen, unter anderem an ein grosses Schweizer Unternehmen. Das konnte den Auftrag aber nicht übernehmen, weil es etwas so Spezifisches ist. Das ist der Vorteil als KMU: Man ist wendig. Die Grossen sind wie Kreuzfahrtschiffe – wenn die einmal fahren, läuft es komfortabel, aber wenn der Eisberg kommt, muss man rechtzeitig ans Steuer. Wir sind eher das Rennboot: Man macht eine Kurve, es spritzt Wasser, und man fährt noch dreimal um das Kreuzfahrtschiff herum. Kurz gesagt: Als KMU können wir uns an einen solchen Auftrag besser anpassen.

Man unterschätzt wohl, wie viel Fachwissen in einer solchen Software steckt.

Es ist erstaunlich. Ein Beispiel: die Rangliste. Man denkt, das sei eine Liste, die man nach der Punktzahl sortiert. Dahinter stecken aber sieben Sortierkriterien. Ganz am Schluss, wenn alles genau gleich ist, muss alphabetisch sortiert werden – aber wer mit Z beginnt, wäre dann immer zuhinterst, das ist unfair. Deshalb wird in geraden Jahren von A bis Z sortiert, in ungeraden von Z bis A. Ich erzählte das einem Kampfrichter, und er sagte, das habe er gar nicht gewusst. Da komme ich als Greenhorn und muss mich mit Spezifikationen auseinandersetzen, die in der Praxis fast niemanden interessieren.

War der Entscheid für dieses Grossprojekt Kopf oder Herz?

Das Herz. Von der Technik her hatte ich das Gefühl, dass wir es schaffen würden. Betriebswirtschaftlich nötig wäre es nicht gewesen, die Firma lief gut. Ich war aber sehr nervös, weil ich die Materie nicht kannte. Die Community ist riesig: rund 50 Schwingklubs, etwa 300 Feste pro Jahr – ein Fehlschuss spricht sich schnell herum. Die Feste sind an den Wochenenden – da fragte ich mich schon, ob ich wirklich jedes Wochenende nervös sein wollte. Meine Frau war immer sehr verständnisvoll. Wenn man so unter Druck steht, ist das keine Selbstverständlichkeit.

Millionen Zugriffe an einem Wochenende – wie behält man das im Griff?

Vor allem am Anfang kam das System schon mal an die Grenzen. Vor ein paar Wochen, beim Berner Kantonalen, waren es 1500 Zugriffe pro Sekunde. Das kann man sich kaum vorstellen – ein Zugriff ist ja nicht nur ein Anklopfen, es geht auch etwas zurück, eine Rangliste zum Beispiel. Man sitzt am Samstag vor dem Bildschirm, sieht die Auslastung steigen und kann kaum kurzfristig aufstocken. Mittlerweile haben wir aber gute Erfahrungswerte.

Ein Thema, das inzwischen jede Branche umtreibt, ist künstliche Intelligenz. Wie stark nutzen Sie KI in Ihrer Arbeit?

Mittlerweile ist es in unserem Arbeits­alltag vollkommen integriert. Beim Programmieren im Assistenzmodus – vergleichbar mit einem Spurhalteassistenten im Auto. Auch bei der Analyse hilft es enorm. Und beim Schwingen: Als Nationalsport mit grosser Bedeutung gibt es auch Angriffe auf die Infrastruktur. Da hilft KI, in Echtzeit herauszufinden, woher sie kommen und wie man sie abwehrt. Früher war ich einen Tag lang damit beschäftigt, ein Angriffsmuster in Millionen Zugriffen zu finden – mit KI geht das in fünf Minuten. Es ist einfach schnelllebig geworden: Früher überlegte man ein halbes Jahr, ob man eine neue Software einsetzt, heute ist sie zwei Monate später fast schon veraltet.

Würden Sie einem 14‑Jährigen heute noch empfehlen, eine Informatiklehre als Applikationsentwickler zu machen?

Das kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Lehrlinge lernen in der Praxis viel über einfache Aufgaben, bei denen man Fehler machen darf. Und genau diese Aufgaben werden gerade zunehmend von der KI übernommen. Das Schwierige dabei: Ein 14‑Jähriger unterschreibt einen Vertrag für vier Jahre, in einer Phase, in der sich diese Entwicklung fast im Halbjahrestakt verändert. Er weiss schlicht nicht, wie die Informatik aussehen wird, wenn er fertig ist. Das ist eine andere Ausgangslage als noch vor einigen Jahren, und ich finde es ehrlich gesagt schwierig, in dieser Unsicherheit eine klare Empfehlung abzugeben.

Sie klingen unsicher, ob Sie es heute noch empfehlen würden.

Bin ich auch, ehrlich gesagt. Der Beruf als Ganzes hat Zukunft, Netzwerk, Support und so weiter wird es immer brauchen. Aber gerade beim Einstieg über die Lehre bin ich mir nicht mehr sicher, wie sich das entwickelt, wenn die ein­fachen Aufgaben wegfallen, an denen man bisher wachsen konnte. Das ist auch für mich als Geschäftsführer eines Betriebs eine Frage, die ich mir stelle, nicht nur für die Jugend­lichen.

Und was raten Sie jemandem, der wie Sie von der Selbstständigkeit träumt?

Einfach machen. Man macht sich viel zu viele Gedanken. Viele scheuen das Administrative, AHV, Pensionskasse, Versicherungen. Doch das ist kein Hexenwerk: Man ruft dort an, fragt nach und bekommt Hilfe, notfalls von einem Treuhänder. Man muss einfach starten und nicht zu lange überlegen.

Worauf sind Sie nach all den Jahren am meisten stolz?

Dass die Firma gut läuft und wir kaum Fluktuation haben. Man trägt für die Leute Verantwortung – sie kommen jeden Tag freiwillig zur Arbeit. Und man sieht, wie sie wachsen: Ein Mitarbeiter ist seit der Lehre bei mir und hat sich nun ein Haus gekauft. Man ist ein kleiner Punkt in der Gesellschaft, aber im eigenen Umkreis ermöglicht man den Leuten, ihr Leben zu führen. Nicht die Menge macht es aus – es braucht zwei, drei gute Geschichten. Beim Schwingen etwa weiss ich: Jede rote Einblendung, die am Sonntag im Fernsehen erscheint, kommt von uns.

Zur Person

Gregor Favre (46) ist Gründer und Geschäftsführer der INSOR AG in Wallisellen. Nach einer vierjährigen Informatiklehre schloss er ein Studium an der ZHAW School of Engineering als dipl. Ing. FH in Informatik ab. Parallel unterrichtete er an der HSO Erwachsene in Informatik – von Office-Kursen bis zur Programmierung – und übernahm dort später die IT-Leitung im Support. Vor rund 12 Jahren wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und baute die ­INSOR AG auf, die heute neun Personen zählt. Früher lebte Favre in Wallisellen, mittlerweile wohnt er mit seiner Frau in Wetzikon. 

 

Das digitale Nervensystem des Schwingens

Seit März 2023 wickelt der Eidgenössische Schwingerverband seine Wettkämpfe über das von INSOR entwickelte Ranglistensystem RP23 ab. Es bildet den gesamten Ablauf eines Schwingfests digital ab – von der Anmeldung der Teilnehmer über die Einteilung bis zur Rangliste, die nach jedem Gang live aktualisiert wird. Sobald ein Kampfrichter eine Note auf dem Tablet erfasst, steht sie innert Sekunden bereit: auf dem Speakerdisplay, in der Presseansicht und über eine Schnittstelle direkt beim Schweizer Fernsehen SRF, das damit die Live-Einblendungen speist. Über die Jahre hat das System mehr als 780 Veranstaltungen, rund 131 600 Schwinger-Teilnahmen und über 970 000 Live-Resultate verarbeitet. Am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest (ESAF), das alle drei Jahre stattfindet und über 350 000 Besucher anzieht, verzeichnet die parallel betriebene Verbands-Website rund 30 000 Seitenaufrufe pro Minute. Der ESV zählt rund 70 000 Mitglieder und ist damit einer der grössten Sportverbände der Schweiz.