Walliseller tat sich die «Tortour» an
Aller guten Dinge sind drei: Der Walliseller Gärtnermeister Rolf Wegmüller hat bei seinem dritten Versuch die mehr als 1000 Kilometer und fast 14 000 Höhenmeter des Ausdauer-Velorennens «Tortour» bezwungen.
Die Saat für dieses sportlich sehr anstrengende Unterfangen wurde schon in Rolf Wegmüllers Jugend gelegt. Es war ein TV-Bericht über das legendäre «Race Across America». Er habe noch immer eine Szene vor seinen Augen, in welcher der Kommentator sagte, dass die Athleten sogar während des Radfahrens schlafen würden. «Die Aussage ist natürlich Quatsch. Schlafen und gleichzeitig Velo fahren geht nicht», sagt Wegmüller. Der Radmarathon führt heute von der entspannten Küstenstadt Oceanside in Kalifornien über eine Strecke von rund 5000 Kilometern nach Atlantic City, das Las Vegas der Ostküste in New Jersey.
Der junge Rolf Wegmüller wusste damals nicht, dass ihn dieser Moment viele Jahre später zur Teilnahme am Schweizer Ausdauer-Velorennen «Tortour 1000» motivieren würde. «Als junger Mann war ich eher unsportlich», erinnert sich der heute 55-Jährige. Lange sei seine Devise gewesen, dass er als Gärtner sowieso genug Bewegung habe. Erst mit 42 Jahren kaufte er sich ein Mountainbike.
Anfangs war Wegmüller im Wald in der Region unterwegs, irgendwann kamen immer längere Strecken dazu. «Dann kam mir plötzlich die Dokumentation über das ‹Race Across America› wieder in den Sinn», erzählt der Gärtnermeister. Er wagte sich auf die Strasse – zuerst weiterhin mit dem Mountainbike. Auf Empfehlung von Ruedi Hafner vom Walliseller Velogeschäft Hafner’s Rad und von einem Bekannten kaufte er sich ein Rennvelo. «Man kommt mit dem Rennvelo einfach weiter», sagt Wegmüller.
Ohne seine Crew geht es nicht
Womit wir wieder bei der «Tortour» wären. Das Hauptrennen führt über 1000 Kilometer und mehrere Alpenpässe quer durch die Schweiz. Fast 14 000 Höhenmeter gilt es innerhalb von zwei Tagen zu bezwingen. Es ist ein offizielles Qualifikationsrennen für das «Race Across America».
Seit vier Jahren trainiert Wegmüller strukturiert, dies auch dank der Hilfe von Trainerin Jamie Besse von Performance & Joy aus Nänikon. 2023 stieg der Walliseller mit der «Tortour 250» – ein Rennen über die Distanz von 250 Kilometern – richtig ins Wettkampfgeschehen ein. Er belegte in seiner Kategorie den 3. Platz, was ihm für die «Tortour 1000» einen weiteren Motivationsschub gab.
Den ersten Versuch, das hochgesteckte Ziel zu erreichen, wagte Wegmüller 2024 als Solo-Fahrer – begleitet von einer Crew im Auto, bestehend aus seiner Frau und zwei Freunden. «Die Crew füttert mich, tränkt mich und hat Ersatzkleider dabei», erklärt der passionierte Velofahrer. Sie habe die Aufgabe, dass er immer fahren könne und auch mal eine Schlafpause im Auto einlegen könne. Bei 750 Kilometern musste er seinen ersten Versuch dann aber abbrechen. «Ich hatte einige Anfängerfehler gemacht», sagt der Chef der Wegmüller Gartenpflege AG. Einerseits war das Wetter schlecht und es herrschten im Juli auf den Pässen eisige Temperaturen. «Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, im Sommer Kleider für kalte Tage mitzunehmen. Ich habe richtig gefroren.» Andererseits habe er während des Rennens zu wenig gegessen und es fehlte ihm am Ende die Energie.
2025 war bei 807 Kilometern Schluss. Wegmüller kämpfte mit Müdigkeit, die Knie schmerzten und er musste aufgeben. «Aber was schon viel besser funktioniert hatte, war die Ernährung und die Kommunikation mit meiner Crew», resümiert der Walliseller.
Probelauf im Juli hatte geklappt
Doch die «Tortour» liess Wegmüller einfach nicht los. Sogar die Arbeit musste für die Vorbereitung des dritten Versuchs in den Hintergrund treten. Er machte viel Ausdauer- und Krafttraining. Ausserdem absolvierte der Unternehmer ein 24-Stunden-Training und pedalte 33,5 Runden um den Greifensee, was am Ende 648 Kilometer auf den Velotacho brachte.
Wegmüller fuhr im Juli als Probelauf das 555-Kilometer-Rennen «Bavaria Extrem» von Eschwege in Hessen nach Garmisch-Partenkirchen in Bayern. 21 Stunden und 41 Minuten brauchte er für die Strecke: «Da war ich mega happy.» Aber die rund 4600 Höhenmeter seien im Vergleich zur «Tortour» nichts gewesen. «Die ist schon viel brutaler.» Wegmüller muss es wissen. Insgesamt hatte er 2026 bis zum Start der «Tortour» 9200 Trainingskilometer abgespult.
Im Renn-Chat wurde er angefeuert
Mitte August galt es dann ernst. Der dritte Versuch stand an. Seine Crew begleitete ihn in einem Mercedes T 180, einem Freizeitvan, der neben Platz für Wegmüllers Team auch eine Schlafmöglichkeit bot. Auf dem Veloträger war ein Bergvelo mit einer kleineren Übersetzung dabei, auf das Wegmüller bei steilen Anstiegen umsattelte.
Und dieses Mal klappte alles wie erhofft. Die Energie reichte und nach rund 50 Stunden und 20 Minuten fuhr Wegmüller in der IWC Arena in Schaffhausen ein. Zum Vergleich: Der Erstplatzierte in der Kategorie «Solo Master Men begleitet» hatte die gleiche Strecke in etwa 44 Stunden und 30 Minuten geschafft.
Geholfen hat der eigens für Wegmüller eingerichtete Renn-Chat auf Whatsapp. 125 Mitglieder tummelten sich in der Gruppe und feuerten ihn während des Rennens an. «Meine Crew hat Bilder und News hochgeladen. Bei den Anstiegen hat mir die Crew zwischendurch die Nachrichten vorgelesen.» Das sei immer sehr unterhaltsam gewesen. «Dieser Chat war auch ein Grund, weshalb ich durchgezogen habe», ist Wegmüller überzeugt. Es habe ihn gefreut, dass so viele Menschen hinter ihm gestanden und ihn unterstützt hätten.
Im Ziel angekommen war Wegmüller im ersten Moment völlig erschöpft. Die Mühen hatten sich gelohnt, das langersehnte Ziel war endlich erreicht. Obwohl sich um 2 Uhr morgens nicht mehr viele Leute in der Schaffhauser Eishalle herumgetrieben hätten, sei die Stimmung grossartig gewesen, wie der Walliseller erzählt. Den Siegerbrunch am nächsten Tag liess Wegmüller jedoch sausen. Ausschlafen im eigenen Bett war ihm nach dieser «Tortour» lieber.
Vorerst keine Rennen geplant
Nun will sich der Gärtnermeister wieder auf sein Unternehmen konzentrieren. «Für ein Jahr lang werde ich jetzt wieder gewöhnlicher Hobby-Velofahrer, der ab und zu eine längere Tour macht.» Falls es ihn trotzdem packen sollte, dann lockt da nächstes Jahr das 24-Stunden-Velorennen «Rad am Ring» auf dem Nürburgring in Rheinland-Pfalz. Da würde auch seine Frau mitfahren. «Sie trainiert zwar nicht viel, ist aber trotzdem mega gut.»
Den Plan für eine Teilnahme am «Race Across America» hat Rolf Wegmüller jedoch inzwischen ad acta gelegt. Erstens findet das Ultrarennen nächstes Jahr gar nicht statt. Zweitens musste er sich selbstkritisch eingestehen: «Wenn ich an den 1000 Kilometern schon so knorze, dann sind für mich die fast 5000 Kilometer nicht machbar.»