Kloten findet zurück ins Kino
Am Nachmittag bleibt das Cinema Claudia noch fast leer. Rund 30 Personen sehen den Klassiker «Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten» von 1965. Am Abend folgt «Grounding» – ein erster Test für das neu belebte Kino.
«Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein», singen die Swissair Voices, nachdem sich die letzten Gäste am Apéro riche bedient und auf den roten Sitzen Platz genommen haben. Einige scheinen einen Moment nostalgisch geworden zu sein und stimmen leise mit – die Melodie von Reinhard Mey schwebt noch in der Erinnerung. Viele Chormitglieder haben selbst bei der Swissair gearbeitet oder standen ihr über Jahre nahe; ihr Gesang ist zugleich Musik und Erinnerung. Danach betritt das Co-Präsidium des Vereins Kulturkino Claudia, Matthias Ettlin und Hanna Schmid, die Bühne. Am folgenden Tag wird Cristine Bölsterli Schmid ablösen. Ettlin richtet noch einige Worte an den Vorstand: «Es macht Spass, mit euch zusammenzuarbeiten, Projekte zu entwickeln, und heute ist der Anfang, heute ist der Start.»
Dass die ersten Filme thematisch das Fliegen berühren sollten, war kein Zufall. «Durch die Verbindung zu Kloten war klar: Die ersten Filme sollten etwas mit Fliegen zu tun haben», sagt Ettlin. Am Nachmittag lief «Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten» – eine kleine Vorstellung mit rund 30 Personen. Am Abend zeigt sich bei «Grounding», dass das Interesse doch gross ist: Über 130 Tickets wurden im Vorverkauf verkauft, weitere Besucherinnen und Besucher kamen an der Abendkasse hinzu.
Kino als gemeinsamer Moment
Der Saal wird dunkel, «Grounding» beginnt – ein Spielfilm, der Archivmaterial über den Zusammenbruch der Swissair im Oktober 2001 verwebt. Er rekonstruiert riskante Expansionsstrategien, Managemententscheidungen und politische Machtspiele, zeigt aber vor allem die menschlichen Folgen: plötzlichen Jobverlust, Unsicherheit, wirtschaftliche und persönliche Krisen. Für das Publikum in Kloten, das teilweise selbst mit der Swissair verbunden war, wird der Film zur lebendigen Erinnerung.
«Das Kino solle kein fertiges Produkt sein, sondern ein offener Prozess. Wir wollen ausprobieren und sehen, was funktioniert.»
Doch an diesem Abend steht weniger der Film als das gemeinsame Erleben im Mittelpunkt. «Kino ist nicht nur Filme- schauen. Es ist etwas, das man zusammen macht», sagt René Kraft und Felix Koster ergänzt: «Man wartet auf die Pause. Dieses Warten unterscheidet das Kino vom Streaming. Zu Hause kann man jederzeit aufstehen, im Kino wartet man gemeinsam – und beginnt danach zu sprechen.» Die Pause wird so selbst zum Erlebnis: Manche setzen sich nochmals hin, andere bilden kleine Gruppen auf den bunten Sesseln im Foyer oder draussen vor dem leuchtend gelben Schild, ein Glas Wein in der Hand.
Erinnerungen an einen Ort
Kraft erzählt von seiner Frau, die in Kloten aufwuchs: «Früher gab es hier zwei Kinos, neben dem Claudia auch das Rex, dort, wo heute die Rex-Apotheke ist.» Kino war Treffpunkt und kulturelle Selbstverständlichkeit zugleich. Dass das Cinema Claudia heute wieder als sozialer Ort gedacht wird, sei für ihn und seine Frau von besonderer Bedeutung. Auch aus pragmatischen Gründen freut sich Bernhard Graf über das lokale Angebot: Am Abend nach Zürich zu fahren, sei anstrengend.
Die Hauptmieterin des Cinema Claudia ist die Freie Evangelische Gemeinde (FEG) Kloten; die Freizeitvereinigung Kloten nutzt den Raum ebenfalls, vor allem für Kinderfilme. Der Verein Kulturkino Claudia entstand aus dem Projekt «Volles Programm im Cinema Claudia» der Landsgemeinde Kloten und wurde dort mit dem zweiten Platz ausgezeichnet. Matthias Ettlin beschreibt die Anfangsphase als Zusammenschluss von Filmverrückten und Filmfreunden. Das Kino solle kein fertiges Produkt sein, sondern ein offener Prozess: «Wir wollen ausprobieren und sehen, was funktioniert.»
Ein Projekt in Bewegung
Die Offenheit zeigt sich im Programm: Neben ausgewählten Filmen am Abend gibt es Lunchkino über Mittag und Filmabstimmungen über die Plattform «The Ones We Love». Im Foyer hängt ein Flipchart, auf dem das Publikum Vorschläge eintragen kann. Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, aktiv mitzuwirken und eigene Ideen einzubringen. So entstehen Formate wie das Trendphänomen Strick- oder Häkelkino für gemütliche Filme wie «Mamma Mia!», Rubik’s-Cube-Abende oder Veranstaltungen, die Film mit Musik und Theater verbinden. «In konventionellen Kinos gibt es ein Überangebot an Blockbustern. Wir wollen Menschen durch andere Formate ins Kino holen», sagt Ettlin.
Nach einem halben Jahr wird Bilanz gezogen. Dann zeigt sich, welche Formate sich bewährt haben. Auch Kloten begleitet den Neustart aktiv. Vanessa Kumar, Fachspezialistin Kultur bei der Stadt, betont die besondere Rolle des Cinema Claudia: «Das Kino ermöglicht Begegnungen, die sonst kaum noch stattfänden. Der heutige Abend hat uns einen Push gegeben, weiterzumachen.»
Kino und Generationen
Eine Herausforderung wird sichtbar: «Das Publikum ist mehrheitlich über vierzig, jüngere Menschen sind selten vertreten», sagt Daniel Neukom. Umso wichtiger seien niederschwellige Angebote und neue Formate, die unterschiedliche Generationen ansprechen – nicht nur über Inhalte, sondern über die Art, wie Kino erlebt wird.
Eine zentrale Figur der Aufbauphase ist Hanna Schmid, die an diesem Abend aus dem Co-Präsidium zurücktritt. Sie richtet Worte an Heidi Howald vom Kino Orion in Dübendorf, die den Verein in der Gründungsphase begleitet hat. Über die Bedeutung des Kinos für die Babyboomer-Generation sagt Schmid: «Wir sind ohne Internet, ohne Handy aufgewachsen. Kino und Film waren für uns extrem wichtig.» Viele gesellschaftliche Entwicklungen hätten sich in der Filmkultur niedergeschlagen – politische Umbrüche, neue Rollenbilder, Fragen von Freiheit und Gemeinschaft. Kino sei für ihre Generation nicht nur Unterhaltung gewesen, sondern ein Ort, an dem sich gesellschaftliche Veränderungen spiegelten und gemeinsam verhandelt wurden.
Diese Perspektive möchte Schmid weiterhin in die Programmgruppe einbringen: als Erinnerung daran, dass Kino immer auch ein sozialer Raum war – und als Impuls dafür, wie unterschiedliche Generationen heute wieder miteinander ins Gespräch kommen könnten.
Der Abend im Cinema Claudia zeigt, welches Potenzial in diesem Ort liegt: nicht als Konkurrenz zum Streaming, sondern als Raum für gemeinsames Erleben, Austausch und Erinnerung. Menschen, die gemeinsam warten – auf den Film, auf die Pause, auf das Gespräch danach –, machen deutlich, dass Kino hier mehr ist als Leinwand und Licht.