Sunrise plant 190 Entlassungen

Roger Suter

Der Telekom-Anbieter Sunrise baut weitere Stellen ab – darunter auch Führungspositionen. Ausgenommen sind Lernende, geschont werden Shop- und Kundendienstmitarbeitende. Bereits vor einem Jahr mussten 166 gehen.

Der Handymarkt ist gesättigt, der Konkurrenzkampf unter den drei verbliebenen grossen Anbietern in der Schweiz tobt. Sunrise, die Nummer 2 im Markt, will nun «im Rahmen der kontinuierlichen organisatorischen Weiterentwicklung» ihre Strukturen vereinfachen und weiter verschlanken, wie es in einer ­Mitteilung heisst. Man fokussiere auf ­vereinfachte Unternehmensstruktur und ­effiziente Prozesse. Auch «Effizienzsteigerungen unter Einsatz neuer Technologien» sind ein Thema. Gemeint ist der Ersatz von menschlicher durch künstliche Intelligenz.

Konkret bedeutet dies den Abbau von bis zu 190 Stellen, darunter auch zahlreiche Führungspositionen, wie das Unternehmen weiter schreibt. Ziele seien kürzere Entscheidungswege dank grösserer Führungsspannen und weniger Hierarchieebenen. Sunrise-Shop- und -Kundendienstmitarbeitende mit direktem Kundenkontakt seien dabei weitestgehend vom Stellenabbau ausgenommen. Lernende sollen gar keine entlassen werden, versichert das Unternehmen mit Sitz an der Thurgauerstrasse beim Glattpark. 

Kündigungen ab Februar

Der geplante Stellenabbau werde mit der Arbeitnehmendenvertretung und der Gewerkschaft Syndicom geprüft, schreibt Sunrise. Für unvermeidbare Kündigungen werde der bestehende Sozialplan zur Anwendung kommen. Sunrise hat deshalb vergangene Woche für die geplanten Entlassungen das Konsultationsverfahren eingeleitet. Nach dessen Abschluss werde Sunrise «unter Berücksichtigung der Ergebnisse den Entscheid über die allfälligen Kündigungen fällen und diese voraussichtlich im Februar und im März 2026 vornehmen».

«Sofern das Konsultationsverfahren zeigt, dass Entlassungen unumgänglich sind, werden die betroffenen Mitarbeitenden mit dem geltenden Sozialplan nicht nur finanziell unterstützt», so Sunrise, wobei dieser als fair und solide bezeichnet wird:

Er gelte für alle Mitarbeitenden und berücksichtige das Alter und die Dienstjahre der Mitarbeitenden. Betroffene ­Mitarbeitende würden mit einem «Newplacement-Programm» professionell unterstützt. Zudem stelle Sunrise einen Fonds für individuelle Überbrückungsmassnahmen bereit, wie zum Beispiel für individuelle Härtefälle oder Qualifizierungsmassnahmen.

Ältere Mitarbeitende ab dem vollendeten 58. Altersjahr erhielten einen befristeten Arbeitsvertrag bis zum Erreichen des 62.  Altersjahres. Ab dem vollendeten 62.  Altersjahr leiste Sunrise Beiträge im Hinblick auf eine vorzeitige Pensionierung. Jüngere Mitarbeitende sollen möglichst schnell wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Syndicom: «Nicht nachvollziehbar»

Die involvierte Gewerkschaft Syndicom brandmarkt die «erneute Massenentlassung bei Sunrise»: «Mitarbeitende verdienen Sicherheit, keine Kündigungen», betitelt sie ihre Mitteilung. Für die Gewerkschaft sei dieser Schritt nicht nachvollziehbar. Bereits Anfang 2024 seien 166 Mitarbeitende entlassen worden, in den letzten Jahren waren es insgesamt mehr als 600.

«Die erneuten Abbaupläne sind inakzeptabel», sagt Dominik Fitze, Mediensprecher von Syndicom. «Die Belegschaft hat in den  letzten Jahren viel geleistet – sie verdient Jobsicherheit statt weiterer Abbaupläne.» Diesmal seien rund 7 Prozent der Belegschaft betroffen– ein harter Schlag für die Arbeitnehmenden. Die Gewerkschaft fordert Sunrise im Rahmen des Konsultationsverfahrens auf, ernsthaft nach Alternativen zu suchen und auf Kündigungen zu verzichten. Im nun angestossenen Konsultationsverfahren mit der Gewerkschaft und der Arbeitnehmendenvertretung verlangt Syndicom, dass echte Alternativen geprüft werden.

Bereits die zweite Abbauwelle

Der Abbau kommt auch für Wirtschaftskreise überraschend, da der Konzern ja bereits 166 Stellen abgebaut und seine Jahresziele bestätigt habe, wie die «Finanz und Wirtschaft» schreibt: Der Abbau werde sich erst mittelfristig auszahlen und zuvor wegen des Sozialplans zu höheren Kosten führen. Danach aber könne das Unternehmen den bereinigten freien Cashflow wie geplant mittelfristig auf über 410 Millionen Franken steigern (2024 waren es 362,5 Millionen), «was wiederum ermöglicht, die generöse Dividendenpolitik fortzuführen und die – hohen – Schulden allmählich abzubauen», so die Wirtschaftszeitung. Eine Schätzung geht von einem Sparpotenzial von 20 Millionen Franken aus.

An der Börse hatte der Schritt bisher wenig Auswirkungen: Nach der Mitteilung am letzten Mittwoch hat die Sunrise-Aktie am Wochenende 60 Rappen an Wert eingebüsst (auf 41.14 Franken am Montagabend bei Redaktionsschluss), dafür ist das Handelsvolumen von 224 555 auf 446 352 Einheiten gestiegen. Und beim aktuellen Kurs von gut 41 Franken entspricht dies einer Dividendenrendite von über 8 Prozent – was im Vergleich zum restlichen Schweizer Markt hoch ist.

Laut dem Branchenmagazin «Inside Pa­radeplatz» muss im Rahmen des Programms auch Chief Consumer Officer Christoph Richartz gehen. Sunrise widerspricht aber gegenüber der Nachrichtenagentur AWP, dass dies einen Zusammenhang mit dem Stellenabbau habe.

Boni in der Kritik

Sunrise hatte im Frühling von sich reden gemacht, als es um Geschäftsberichte und Boni ging: Sunrise gehört zu den Firmen mit den höchsten Salären, wie SRF im März berichtete. Allein Firmenchef André Krause erhielt 2024 Zahlungen und Boni von 15 Millionen, die Sunrise mit dem Börsengang im Herbst 2024 begründete. Zum Vergleich: Der Swisscom-Chef erhält weniger als 2 Millionen. Auf der Gegenseite hat der Amerikaner Michael Fries, VR-Präsident von Sunrise und gleichzeitig Chef der Sunrise-Besitzerin Liberty Global, in den letzten 10 Jahren Saläre und Boni von insgesamt mehr als einer halben Milliarde Dollar kassiert.

Dabei läuft es bei Sunrise geschäftlich nicht übermässig gut: Der Umsatz beläuft sich seit Jahren um die 3 Milliarden Franken, und die Wachstumsmöglichkeiten sind im kleinen Schweizer Markt begrenzt. Über die letzten vier Jahre hat der Telekom-Anbieter einen Verlust von 662 Millionen Franken ausgewiesen. Zudem lasten Schulden von 5 Milliarden Franken auf dem Unternehmen.