Rechenpower bringt Wärme
Der Finanzplatz Zürich mausert sich zusehends auch zum Informatikplatz. Überall in der Umgebung werden Datencenter im grossen Stil gebaut: Zürich und Limmattal, Winterthur, Dielsdorf, Rümlang, Glattfelden – und zuletzt wieder Glattbrugg respektive Rümlang. Hier hat der Betreiber Digital Realty den Spatenstich für «ZUR4» vollzogen, das vierte Rechenzentrum an der Grenze von Glattbrugg und Rümlang.
Ein erstes, ZUR1, wurde schon vor 26 Jahren eröffnet – in den ehemaligen Räumen von Océ Messerli an der Sägereistrasse, die zwar gross, aber nicht als Rechenzentrum gebaut waren. Das zweite folgte 2020 und war mit 13,4 Megawatt IT-Leistung mehr als doppelt so gross. ZUR3 kam 2023 hinzu und wird mit 25,4 Megawatt auch in Zukunft das grösste Rechenzentrum im «ZUR Campus» sein. Denn ZUR4, das sich derzeit im Bau befindet, wird «nur» 15 Megawatt leisten. Bis auf ZUR1 befinden sich alle Zentren auf Rümlanger Boden, die Erschliessung erfolgt aber via Glattbrugg.
Diese Häufung ist kein Zufall: Mit den international renommierten technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne verfüge die Schweiz über ein «einmaliges Ökosystem» für Informatik, tiefe Zinsen und eine verlässliche Energieversorgung, sagte Yves Zischek, Managing Director von Digital Realty in der Schweiz und Österreich, beim kürzlich erfolgten Spatenstich mit Podium. Seine Firma verfügt weltweit über 2980 Megawatt IT-Kapazität; weitere 730 Megawatt sind im Bau, unter anderem in Frankfurt und Wien. Der Zürcher Campus soll über 200 Kunden mit weltweit mehr als 300 Rechenzentren und über 6000 Unternehmen verbinden. Dabei soll ZUR4 die nächste Generation KI-fähiger Infrastruktur der Schweiz liefern und 2028 fertig werden. Damit verringere man die Abhängigkeit von ausländischen Diensten, betonten die eingeladenen Gäste, FDP-Kantonsrätin Barbara Franzen, die nach der Deindustrialisierung der letzten 50 Jahre neue Hoffnung für den Industriestandort Zürich sieht; auch EVP-Nationalrat Nik Gugger schätzt es, wenn Daten physisch in der Schweiz bleiben und so Schweizer Recht und Aufsicht unterstehen; er schränkte allerdings ein, dass man trotzdem mit amerikanischen oder chinesischen Servern arbeite, in denen taiwanesische Computerchips stecken. «Es geht deshalb weniger um digitale Souveränität als vielmehr um Resilienz.»
Abwärme für Opfikon
Während vor allem in den USA Kritik am Bau der ressourcenhungrigen Rechenzentren aufkommt, hat man mit der Umweltgesetzgebung in der Schweiz vorgesorgt: «Wir verbrauchen hier kein Trinkwasser zur Kühlung», versichert Yves Zischek. Vielmehr werde die Wärme der Prozessoren in einem geschlossenen Wasserkreislauf nach aussen geführt. Und in naher Zukunft soll sie auch nicht mehr übers Dach verpuffen, sondern ins Opfiker Wärmenetz eingespeist werden, das derzeit gebaut wird. ZUR4 soll dabei auch als Übergabestation dienen; ZUR3 ist bereits für Fernwärme vorbereitet. Bei ZUR2 wird der Anschluss ans Wärmenetz schwierig, da es zwischen Bahntrassee und Strasse liegt; man versuche aber, die Anschlusskosten auf ein vertretbares Mass zu senken, versicherte Zischek. ZUR1 schliesslich ist zu klein für einen Anschluss und könnte allenfalls direkte Nachbarn mit Abwärme versorgen.
Kälteanlagen bleiben für Notfall
Dass die Kühlanlagen trotzdem bestehen bleiben, liegt daran, dass die Betreiberin ihren Kunden – von Adobe über Disney bis Syngenta – 99,9999% Verfügbarkeit garantiert und deshalb auch bei Störungen oder Wartungsarbeiten am Fernwärmenetz Kühlung braucht.
Betrieben werde das Datencenter gemäss Digital Realty ausschliesslich mit erneuerbarer Energie, wurde betont. ZUR2 wurde bereits für seine Energieeffizienz von der Swiss Datacenter Efficiency Association (SDEA) ausgezeichnet; ZUR4 soll darauf aufbauen. Ziel ist es gemäss Yves Zischek, weniger CO2 zu verursachen, als man durch die Wärmeabgabe vermeiden kann.