Mit 99 hängen seine Bilder im Bubenholz
Von der Brücke in Maine über Lavendelfelder in der Provence bis zum Bauernhof in Opfikon: Im Tertianum Bubenholz hängen derzeit Bilder eines besonderen Bewohners. Pierre Vuille wird dieses Jahr 100, war jahrzehntelang für die Swissair unterwegs und hielt viele seiner Reisen malerisch fest.
In den Gängen des Tertianums Bubenholz in Opfikon bleiben derzeit immer wieder Bewohnende und Mitarbeitende staunend stehen. Der Grund: An den sonst eher blassen, hellbraunen Wänden ist plötzlich Farbe eingezogen. Zu sehen sind Küstenlandschaften aus der Normandie, Lavendelfelder aus der Provence, weite amerikanische Landschaften sowie winterliche und frühlingshafte Motive aus dem alten Dorfkern von Opfikon. Gemalt hat sie alle Pierre Vuille, ein heute 99‑jähriger Bewohner des Hauses.
«Viele bleiben stehen und schauen sie an», sagt Noelia Almeida, Leiterin Aktivierung und Veranstaltungen im Tertianum. «Man merkt, dass die Bilder etwas auslösen.» Die Idee zur Ausstellung kam von der Aktivierungsleiterin, die einige der Bilder gesehen hatte und sie unbedingt zeigen wollte. Da Pierre Vuille nicht mehr gut hört, wandte sie sich zunächst an seine Tochter Françoise Stucki-Vuille, genannt Fränzi. «Sie hat mich gefragt, ob wir die Bilder zeigen dürfen», erzählt die Tochter. «Ich war sofort begeistert von der Idee.»
34‑mal die Strecke zum Mond
Wenn es um sein fast 100 Jahre währendes Leben geht, gibt es viel über Pierre Vuille zu erzählen. Vieles davon hat seine Tochter Françoise Stucki-Vuille zusammengetragen. Geboren wurde Pierre Vuille am 4. Juli 1926 im französischen Fischerort Fécamp in der Normandie. Seine Eltern führten dort eine Patisserie-Confiserie. Als er drei Jahre alt war, zog die Familie nach Rouen, wo er seine ersten Schuljahre verbrachte.
Anfang der 1930er-Jahre kehrte die ursprünglich aus der Schweiz stammende Familie aus Frankreich in die Heimat zurück. Über Stationen im Kanton Neuenburg und in Montreux gelangte sie nach Lausanne, wo Pierre Vuille eine Ausbildung zum Mechaniker-Elektriker absolvierte. 1945 besuchte er die Rekrutenschule in Dübendorf und wurde bei der Luftwaffe als Telegrafist eingesetzt.
Nach der Ausbildung suchte er zunächst Arbeit. Ein Inserat der Swissair brachte die Wende: Gesucht wurden Bordfunker-Aspiranten – mit Aussicht auf eine Stelle im fliegenden Personal.
Nach zwei erfolglosen Bewerbungen klappte es im dritten Anlauf. Es folgten 33 Jahre bei der Swissair: zuerst als Bordfunker, später als Navigator und Flight Engineer. In dieser Zeit sammelte Pierre Vuille rund 20 000 Flugstunden. Seine persönliche Statistik zählt 829 Nordatlantiküberquerungen und 140 Flüge über den Südatlantik. Insgesamt legte er während seiner Laufbahn eine Distanz zurück, die etwa 34‑mal der Strecke zwischen Erde und Mond entspricht.
Zufall führt zum Pinsel
Zur Malerei kam Pierre Vuille eher zufällig. Während eines Aufenthalts in New York geriet er einmal in ein Malatelier. «Es hat geregnet», erzählt er mit leiser Stimme. «Ich bin hineingegangen und habe ein paar Pinsel und Farben gekauft. Dann habe ich angefangen zu malen.» Aus dem spontanen Versuch wurde mit der Zeit ein geliebtes Hobby. Richtig intensiv widmete er sich der Malerei erst nach seiner Pensionierung im Jahr 1981. In den folgenden Jahrzehnten entstanden rund hundert Bilder. Viele Motive gehen auf seine Reisen zurück, oft nutzte er eigene Fotos später als Vorlage für seine Gemälde. Die meisten Werke entstanden in Öl, später kamen auch Aquarelle dazu. Gemalt hat Pierre Vuille bis etwa 2010 – also bis in seine Achtzigerjahre. An seinem früheren Wohnort hatte er sich im Keller ein eigenes Atelier eingerichtet.
Bilder aus den USA bis Opfikon
Einige Bilder zeigen Sujets aus Frankreich, andere aus Nordamerika. Als er später nicht mehr so viel reisen konnte, malte er Motive direkt vor der Haustür – aus Opfikon. Für die Übertragung der Proportionen arbeitete er häufig mit einem Raster. Auch die Rahmen fertigte er selbst an. «Er hat ursprünglich eine handwerkliche Ausbildung als Feinmechaniker gemacht», erzählt seine Tochter. «Die Holzleisten hat er gekauft und die Rahmen selber gebaut.» Inzwischen malt Pierre Vuille seit einigen Jahren nicht mehr. Seine Hände sind nicht mehr ganz ruhig, weshalb er sich nicht mehr daran heranwagt. «Er hat ein bisschen Angst wegen des Zitterns», sagt sie.
Für Noelia Almeida ist genau deshalb die Ausstellung wichtig. «Es ist sehr wertvoll, wenn Menschen auch im hohen Alter ihren Hobbys nachgehen können», sagt sie. Vielleicht könne die Ausstellung auch andere Bewohnende zum Malen ermutigen – und damit vielleicht auch Pierre Vuille. «Er kann auch einfach ins Malatelier kommen und zuschauen. Vielleicht bekommt er wieder Lust.»
Geheimnis eines langen Lebens
Am Ende des Gesprächs richtet sich eine letzte Frage an den 99‑Jährigen: Was ist sein Geheimnis für ein so langes und gesundes Leben? Nach kurzem Überlegen sagt Pierre Vuille mit einem Grinsen im Gesicht: «Ein solides Leben leben und kein Blödsinn.» Seine Tochter schaut zu ihm hinüber und lacht. Dann nennt er doch noch ein paar Gewohnheiten: viel lesen, sich bewegen, Fisch und Gemüse essen, Bergluft schnuppern und vor allem seine soziale Kontakte pflegen.
Die Ausstellung im Erdgeschoss des Tertianums Bubenholz (Müllackerstrasse 2/4, Opfikon) ist noch bis 16. April frei zugänglich.