Geschichten von Ganoven und Gaunern

Dennis Baumann

Letzte Woche wurde das Opfiker Neujahrsblatt 2026 vorgestellt. Rund 40 Gäste hörten drei ausgewählte Kriminalfälle aus fast zwei Jahrhunderten – von gerissenen Betrügern bis zu tragischen Gewaltverbrechen.

Die provisorische Stadtbibliothek im Dorf-Träff ist gut gefüllt, als Stadtpräsident Roman Schmid die Gäste begrüsst. Das Thema des diesjährigen Neujahrsblatts zieht offenbar: «Kriminalfälle in Opfikon» verspricht spannende Einblicke in die dunklen Seiten der Stadtgeschichte.

Für seine kurzweilige Ansprache ergänzt Schmid einige der abgedruckten Fälle noch mit Amüsantem aus eigenen Recherchen. Er betont aber auch, dass sich die Zahl der Kriminalfälle pro 1000 Einwohner mehr als halbiert hat – von 103 im Jahr 2014 auf gut 47 im Jahr 2024. Doch die Geschichten, die Autor Roger Suter zusammengetragen hat, zeigen: Auch in der beschaulichen Agglogemeinde ging es nicht immer mit rechten Dingen zu.

Unter falschem Namen

Schauspieler Fabio Romano liest drei Geschichten vor, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da ist zunächst «Ladenräuber kam vom Freiamt bis Opfikon» aus dem Jahr 1956 über eine Räuberbande, die bewaffnet eine Postfiliale überfiel und mit 30 000 Franken flüchtete. ­Einer der Täter wurde später in Opfikon gefasst, ein zweiter in Winterthur, nachdem Zeugen das Fahrzeug mit Zürcher Kon­trollnummer erkannt hatten.

Besonders kurios ist die Geschichte von Hermann Frei, dem Meister der Täuschung. Der 1848 geborene Seidenweber und Schneider sei «ein arbeitsscheuer Dieb und Betrüger», der mit dreisten Maschen durchs Leben kam, berichtete damals die Zeitung. Sein Trick mit der silbernen Uhr, die angeblich sein Seitenstechen linderte, zeigt seine Raffinesse: Er überzeugte einen gutmütigen Bekannten, ihm die Uhr «als Heilmittel» zu leihen. Daraufhin verschwand er damit auf Nimmerwiedersehen. Seine kriminelle Tour führte ihn 1876 auch nach Opfikon, wo er als «Jakob Brunner von Zumikon» beim Gemeinderat Rudolf Wintsch in den Dienst trat und 360 Franken aus einem Wandkasten stahl.

Die dritte Geschichte schlägt einen dunkleren Ton an: Der «Totschlag in der Kunstseidenfabrik» aus dem Jahr 1898. Giuseppe Fossati, ein italienischer Fabrikarbeiter aus Oberhausen, erstach nach einem Streit um Singen den Fabrikauf­seher Hermann Hutter mit drei Messerstichen. Das Geschworenengericht verurteilte ihn zu sechs Jahren Zuchthaus und lebenslanger Verweisung aus der Eidgenossenschaft.

Alles stand so drin

Die Recherche für das Neujahrsblatt war aufwendig, wie Roger Suter im Gespräch erklärt. Von März bis September arbeitete er immer wieder an der Zusammenstellung der Fälle. Seine Quellen bestehen vor allem aus alten Zeitungsberichten der NZZ, des «Tages-Anzeigers» oder aus Blättern anderer Landesteile, die er über das Archiv E‑Newspaper fand.

«Ich habe die Texte sehr nahe an den Originalen gelassen», sagt er. «Zuerst wollte ich sie umschreiben, weil sie aus heutiger Sicht umständlich formuliert sind. Aber mit der Zeit sah ich darin einen Charme.»

Eine der beeindruckendsten Entdeckungen ist für ihn zugleich unappetitlich und tödlich: Ein krankes Kalb wurde 1878 geschlachtet und das Fleisch dennoch verkauft. An einem Dorffest in Kloten wurde davon gegessen, mehrere Menschen starben, sogar ein Krokodil aus einem Zirkus verendete daran.

Zwischen damals und heute

Die Berichterstattung über Kriminalfälle habe sich grundlegend verändert, erklärt Suter. «Da waren ganze Namen drin. Verurteilungen von Tätern inklusive Vor- und Nachnamen standen direkt in der Zeitung.» Heute undenkbar, damals selbstverständlich. Die Artikel waren zudem viel detaillierter und narrativ beschrieben, «ähnlich wie in einem Roman».

Die gleichnamige städtische Arbeitsgruppe erstellt seit 1986 jedes Jahr ein Neujahrsblatt zu einem historischen oder aktuellen Thema und verfasst zudem eine Chronik über das vergangene Jahr. Ihre Präsidentin Stefania Baio-­Melillo erklärt, wie das Thema zustande kam: «Wir suchen jedes Jahr nach neuen Themen. Dieses Jahr fanden wir, dass ­etwas mit Kriminalität spannend sein könnte.» Die Auswahl der Fälle erfolgte gemeinsam: «Wir haben alle Fälle gelesen und entschieden, was besonders speziell oder bewegend war.»

Nach der Lesung und einem Apéro können die Gäste das druckfrische und von Grafiker Thomas Knöri im «Jerry-­Cotton»-Stil gestaltete Neujahrsblatt mit nach Hause nehmen. Wer diese Gelegenheit verpasst hat: Das Neujahrsblatt liegt auch im Stadthaus, in der Stadtbibliothek, im Alterszentrum Gibeleich und im Tertianum auf und ist – wie alle anderen – online verfügbar.

Alles über die Opfiker Neujahrsblätter: www.opfikon.ch/neujahrsblatt