Gedankensplitter: Vom Wissen des Nichtwissens
Eine Sonntagszeitung macht mit folgendem Satz auf sich aufmerksam: «Sonntags lernen wir, was wir nicht wussten, dass wir es nicht wissen.» Ich habe den Satz zweimal lesen müssen, um festzustellen, dass er gar nicht so positiv klingt, wie er offenbar gemeint ist.
Eigentlich wissen wir doch alle, dass wir das meiste nicht wissen. Oder anders gesagt: Unser Wissen, auch wenn es bei einigen Koryphäen sehr gross sein kann, ist verschwindend klein gegenüber dem, was man wissen könnte. Früher hat man in einer Enzyklopädie nachgeschlagen, heute googeln wir, wenn wir über etwas mehr Bescheid wissen wollen. Und dabei wird uns immer wieder bewusst, was wir alles nicht wissen.
«Selbst in einem Fachgebiet ist es schwer, wenn nicht unmöglich, auf dem Laufenden zu bleiben.»
Der Werbetext der Sonntagszeitung geht jedoch davon aus, dass wir genau das nicht wissen. Wir müssten – besonders am Sonntag – erst lernen, dass wir nicht wissen. Das stimmt doch nicht. Wir wissen es. Selbst in einem Fachgebiet ist es schwer, wenn nicht unmöglich, auf dem Laufenden zu bleiben. Ich bringe ein Beispiel: Es ist schon lange her, dass ich einen Professor sagen hörte: Weltweit erscheinen in einem Jahr so viele Fachartikel nur zum Thema Jugendpsychologie, dass man ein ganzes Menschenleben bräuchte, um sie zu lesen. Das hat mich sehr beruhigt. Die Begrenztheit unseres Wissens ist uns sehr wohl bekannt. Man kann nicht alles wissen, man muss es auch nicht. Da braucht es gar keine Rückbesinnung auf Sokrates: Wir wissen, dass wir nicht wissen.
Man könnte den oben zitierten Satz der Sonntagszeitung aber auch so verstehen, dass es um den Inhalt des Nichtwissens geht. Es heisst im Zitat: «Dass wir nicht wüssten, dass wir ‹es› nicht wissen. Aber kann ich überhaupt wissen, dass es etwas Bestimmtes gibt, von dem ich nichts weiss? Schwierig zu verstehen. Aber die Sonntagszeitung möchte offensichtlich, dass ich da etwas schlauer werde. Sie hatte leider bislang keinen Erfolg damit. Ich bin nämlich Leser einer Sonntagszeitung. Vielleicht ist es die falsche.