Frisches Wasser für die Kleinen
Modelle nach Vorbildern sind faszinierend anzuschauen. Bei Booten kommt hinzu, dass sie sich auch ferngesteuert bewegen lassen – mit Strom oder auch Dampf. Und manche erzählen gar ganze Geschichten.
Ruhig tuckert der Schiffsdiesel vor sich hin – um dann plötzlich aufzuheulen und die «Albatros» in Bewegung zu setzen. Nicht etwa vorwärts, sondern seitwärts, um vom Beckenrand freizukommen. Nach ein paar Dezimetern Fahrt versinkt der Motor wieder ins Brummeln, dafür ertönt das Schiffshorn umso lauter. Fast unbemerkt klappt eine Reling an Backbord aufs Deck. Ein Kran hebt ein kleines Beiboot langsam hoch, schwenkt es zur Seite und lässt es ins Wasser hinunter, während sich das grössere Schiff bedrohlich zur Seite neigt. Nun selber schwimmend, zischt das kleine Boot davon und dreht einige Runden, um dann später mit einem Präzisionsmanöver wieder an den Haken genommen und aufs Achterdeck gehievt zu werden.
«Jetzt hat die ‹Albatros› einen Motorenschaden erlitten», sagt Kapitän Heinz Althaus. Er steht nicht auf einer Brücke, sondern inmitten einer Schar Zuschauer am Bassinrand im Freizeitbad Opfikon. Doch die Anzahl Knöpfe und Schalter vor ihm kommt einem Schiffsführerstand schon sehr nahe. Er betätigt einen der Hebel, und vom Schiff ertönt ein Husten, während sich eine Klappe öffnet und ein kleiner Plastikmaschinist herauslugt. Der verschwindet wieder, um das Malheur zu beheben, doch kurz darauf geht auch noch der Hund über Bord. Selbstverständlich holt ein herbeieilender Matrose nach einem «Hund über Bord»-Manöver den Vierbeiner schnell wieder aufs Schiff zurück, wo sich dieser schüttelt und winselt. Die Episode schliesst mit Seemannsliedern aus der Kajüte.
Geschichten vom Schiff erzählt
Heinz Althaus kann mit seiner «Albatros» Dutzende solcher Minigeschichten erzählen. Fasziniert lauscht das Publikum den Ausführungen des Modellbauers, der das technische Meisterwerk im Massstab 1:25 erbaut hat. Zum ursprünglichen Bausatz sind in 36 Jahren und etwa 5500 Stunden Bauzeit rund 125 Sonderfunktionen hinzugekommen. Vom Original sind nur noch der Rumpf und ein Teil der Aufbauten übrig.
Doch nicht nur sein Schiff ist ein Magnet, der die Menschen schon eine Woche vor der Saisoneröffnung in die Badi gezogen hat: Am Beckenrand reihen sich rund zwei Dutzend Schiffe auf, welche die Mitglieder des Modellschiffclubs Winterthur hier seit mehreren Jahren präsentieren, die sonst auf dem Winterthurer Schützenweiher fahren.
«Wir füllen die Becken eine Woche vor Saisonbeginn, um die Wasseraufbereitungsanlagen zu justieren», erläutert Badi-Betriebsleiter Peter Pfluger. «Und wir haben uns gedacht: Warum das Wasser nicht auch so nutzen?» Mit Rücksicht auf die handgemachten Modelle enthält das Wasser zu diesem Zeitpunkt noch kein Chlor.
Per Funk auf Tauchstation
Die Modellbauer danken es auf ihre Weise: Die U-Boot-Fahrer tragen hier nach 2024 wiederum ihre Schweizer Meisterschaft aus: Es gilt, unter Wasser einen Parcours zu absolvieren, durch Ringe zu tauchen und das Boot sauber zu «parkieren». In einem Zylinder im Innern lässt sich die enthaltene Luft komprimieren und dafür Wasser aufnehmen – das Boot sinkt. Im Gegensatz zu natürlichen, dunklen Gewässern lässt sich das im hellblauen Schwimmerbecken sehr gut beobachten. So modern diese Steuertechnik, so altmodisch die Funkverbindung: Weil die modernen, in der Luft praktisch störungsfreien 2,4-Gigahertz-Frequenzen Wasser nicht durchdringen können, steuern die U-Boot-Fahrer ihre Geräte mit altmodischen 40 Megahertz, die es einige Meter unter Wasser schaffen. Gewonnen haben die Meisterschaft übrigens Pascal Richener und Beat Willimann mit je zwei perfekten Läufen vor Marco Trotter und Hermann Steck. Sie alle haben mit Überwasserschiffen angefangen, die sie nach wie vor fahren.
Nachwuchs vorhanden
Vor kurzen angefangen hat Kimo. Sein selbst gebautes Containerschiff wird von einem schwenkbaren Propeller über Wasser angetrieben. «Das ist einfacher als eine Schraube, bei der alles wasserdicht sein muss», erklärt der 12-Jährige aus dem Glattpark, wo der See quasi vor der Tür liegt. «Und einen Flugzeugmotor hatten wir noch.» Je nach Windstärke muss er die Containergewichte anders platzieren.
Marcel Dind ist mit seinem Seenotkreuzer «Adolph Bermpohl» hier, der nicht nur sirenenheulend seine Vorfahrt geltend macht, sondern auch den Radar dreht, den Scheinwerfer schwenkt oder mit seiner Löschspritze Kinder und ihre Eltern nass machen kann. Und auch die «Bermpohl» kann am Heck ein kleines Beiboot zu Wasser lassen und wieder hochziehen. «Gekauft habe ich es als ‹Schnellbausatz›», erzählt der 73-Jährige, «habe aber bestimmt schon mehr als 1000 Stunden investiert.» Besser lässt sich die Faszination dieses Hobbys wohl nicht erklären.
Heinz Althaus erzählt mit seiner «Albatros» Geschichten von der See. Oben rechts die selbst gebaute Fernbedienung. Bilder Roger Suter
Die U-Boot-Meisterschaft ist in erster Linie ein Geschicklichkeitsfahren.
Schaufahren am 14. Juni, Schützenweiher Winterthur. Informationen: www.mscw.ch
Er baut seit 1984 Modellschiffe: Marcel Dind aus Fehraltorf.
Er hat Jahrgang 2014 und hat soeben sein erstes Modellschiff gebaut: Kimo aus dem Glattpark.