Drei Blicke auf einen flüchtigen Moment
Verwischte Schatten aus Spanien, abstrakte Farbschichten und Bilder, die Zeit sichtbar machen: Seit vergangenem Donnerstag zeigt das Stadthaus Opfikon die neue Ausstellung «Zwischen Blicken».
Ein Schatten auf einer Wand in Spanien, festgehalten im Bruchteil einer Sekunde. Farbschichten, die auf abstrakte Weise die künstlerische Seele darstellen. Und Kunstwerke, deren Urheberin oder Urheber bewusst im Verborgenen bleibt. Seit vergangenem Donnerstag zeigt das Stadthaus Opfikon mit «Zwischen Blicken» die Kunstwerke von Sidney Rago, Ladina Walder und des anonymen Künstlers «Chimi», die auf ganz unterschiedliche Weise einen flüchtigen Moment einzufangen versuchen.
Die Stadt Opfikon stellt regelmässig Kunst in den Gängen des Stadthauses aus, eine bewusst niederschwellige Form der Kulturvermittlung, bei der Besucherinnen und Besucher die Werke bei jedem Behördengang betrachten können. Jedes Stockwerk widmet sich dabei den Werken eines der drei Künstler.
Schichten aus dem Unterbewussten
Den Titel «Zwischen Blicken» wählten die Künstler gemeinsam mit ihrer Kuratorin Michelle Wirtz. «Ich male viel mit Schichten und fand, dass ‹Zwischen Blicken› daher als Titel gut passt», erklärt Ladina Walder. Für Sidney Rago steckt eine andere Bedeutung dahinter: «Bei mir ist es der Moment dazwischen, der nicht mehr existiert, sobald das Foto gemacht wurde.»
Ladina Walders abstrakte Acrylgemälde entstehen über Jahre hinweg – nicht gezielt für eine Ausstellung, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus. «Meine Werke sind über die letzten fünf Jahre entstanden. Ich habe sie nicht explizit für die Ausstellung kreiert», sagt sie. Ihre Bilder verweben Gefühle, Erinnerungen und «verdichtete Bewusstseinslandschaften». Jedes Werk folgt dabei einem eigenen Konzept: Für eines ihrer jüngsten Bilder liess Walder von einer künstlichen Intelligenz eine «emotionale Landschaft generieren» und übersetzte diese in ein eigenes Farbkonzept.
Für die Künstlerin aus dem Zürcher Oberland ist Malerei mehr als Ausdruck. Sie ist Ressource. «Was ich in Worten nicht finde, finde ich in der Malerei. Es ist auch eine Art von Kommunikation, Menschen einzuladen, mit mir in eine Interaktion zu treten.»
Sie fängt den Moment ein
Sidney Rago wiederum hält mit der Kamera fest, was ihr auf ihren Reisen durch Spanien auffällt. Die autodidaktische Fotografin lebt seit fast zehn Jahren in Zürich und fotografiert seit über zwanzig Jahren. Statt gezielt nach einem Motiv zu suchen, folgt sie dem, was ihren Blick fesselt. «Ich reise viel und laufe jeden Tag viele Kilometer», erzählt sie.
«Die Schatten am Morgen oder am Abend, wenn es ruhig oder laut, hell oder dunkel ist. Das halte ich fest.» Bearbeitet werden ihre Fotografien nur minimal, mit leichten Anpassungen bei Kontrast und Farbe. «Ich entferne nichts und füge nichts hinzu.»
Am wichtigsten ist ihr das Gefühl hinter einem Bild: nicht nur, wie ein Ort aussah, sondern wie er sich angefühlt hat. Die eigene Zurückhaltung macht ihr die Ausstellung besonders wertvoll: «Ich bin eine schüchterne Person. Hier ausstellen zu dürfen und eine positive Resonanz zu erhalten, bedeutet mir sehr viel.»
Gesichtslose Kunst mit Botschaft
Der dritte Beitrag zur Ausstellung stammt von einer Person, die unter dem Pseudonym «Chimi» auftritt und deren Identität bewusst geheim bleibt. «Chimi studiert an der Kunstschule Central Saint Martins in London und wir wissen nicht, ob Chimi an der Vernissage anwesend ist oder nicht», erklärt Kuratorin Michelle Wirtz.
In einem schriftlichen Statement beschreibt «Chimi» die eigene Arbeitsweise: «Meine Bilder entstehen in Schichten. Ich trage auf, übermale, lasse oxidieren, schliesse ein und lege wieder frei.» In jeder Arbeit legt «Chimi» zudem ein buddhistisches Segensband oder gesegneten Reis ein.
Bewusst zeigt «Chimi» nirgends das eigene Gesicht: «Nicht aus Scheu, sondern damit das Werk zuerst gesehen wird. Ohne Geschlecht. Ohne Alter. Ohne eine Biografie, die seinen Wert erklärt», heisst es im schriftlichen Statement weiter.
Sich für Kunst Zeit nehmen
Dass die Werke der drei Künstler gemeinsam im Stadthaus hängen, ist einem Netzwerk aus Freundschaften zu verdanken. Kuratorin Michelle Wirtz kennt sowohl Walder als auch Rago persönlich, während sie Chimi während eines Aufenthalts in London kennenlernte. «Sidney und Ladina kannten sich vorher nicht, aber ich fand, dass ihre Kunst gut zusammenpasst», erklärt Wirtz. Als sie von der Möglichkeit hörte, im Stadthaus Opfikon auszustellen, brachte Wirtz sie zusammen.
Für die Künstler sei das Ausstellen in einem Stadthaus etwas Besonderes und ein wenig ungewohnt. Doch sie sind gespannt, was für Reaktionen folgen werden. «Ich hoffe, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner Opfikons beim nächsten Behördengang ein wenig Zeit nehmen können, die Bilder auf sich wirken zu lassen», so Walder.