Das Filmen hat ihn verändert
Hae-Sup Sin ist in Glattbrugg aufgewachsen und hat vor kurzem seine Ausbildung zum Regisseur abgeschlossen. Sein Kurzfilm «Ban Dal» ist nächste Woche als Weltpremiere an den Solothurner Filmtagen zu sehen.
Opfikon bringt man auf den ersten Blick nicht mit Film in Verbindung. Ausnahmen bilden «Dene wos guet geit» (2018) von Cyril Schäublin, wo Glattbrugg oft die Kulisse liefert, oder «Grounding» (2006) von Michael Steiner über das Ende der Swissair, der naturgemäss auch im Balsberg spielte.
Künftig könnte man Opfikon beziehungsweise Glattbrugg mit einem jungen Talent in Verbindung bringen: Hae-Sup Sin (ausgesprochen Häsup Schin) hat vergangenes Jahr an de Zürcher Hochschule der Künste ZHdK sein Masterstudium in Regie Spielfilm abgeschlossen. Im Oktober hat der 34‑jährige Schweizer mit koreanischen Eltern seinen Diplomfilm «Ban Dal» unter anderem in Solothurn eingereicht, wo er nun am 23. Januar weltweit erstmals öffentlich gezeigt wird (siehe Box). Dabei ist es nicht Sins erster Auftritt am Jurabogen: Hae-Sup Sin war mit «Yori», seinem ersten Filmprojekt als alleiniger Regisseur, schon 2018 dort vertreten.
«Ban Dal» (koreanisch für Halbmond) behandelt das Thema internationale Adoption: Eine Mutter reist mit ihrem in Korea gebürtigen Sohn in sein Herkunftsland, um dort die leibliche Mutter zu treffen. Die Begegnung konfrontiert beide Frauen aber mit alten Wunden, unausgesprochenen Gefühlen und der Frage, ob Mutterliebe geteilt werden kann.
In die eigene Schublade gesteckt
Hae-Sup Sin hat die Grundidee der Geschichte schon länger sehr fasziniert. In seinem Bekanntenkreis gibt es Koreanerinnen und Koreaner, die adoptiert wurden. An den Treffen der kleinen koreanische Gemeinschaft in der Schweiz und grösserer in Deutschland und Frankreich hat er weitere Adoptierte kennengelernt und erfahren, was diese Menschen beschäftigt. «Zu Beginn war ich mir gar nicht sicher, ob ich als Nichtadoptierter die richtige Person bin, einen Film darüber zu drehen», umschreibt Hae-Sup Sin seine anfängliche Vorsicht. Aber nach vielen Gesprächen fand er viele Parallelen zu seiner Kindheit und seiner eigenen Situation – etwa, dass er in der Schweiz oft «der Asiate» war, in Korea wiederum «der Junge aus der Schweiz». «Egal, wo ich war, wurde ich schubladisiert. Das habe ich unterbewusst auch selber getan», gibt Hae-Sup Sin unumwunden zu. Je mehr er sich aber filmisch damit befasst habe, sei ihm seine starke Schweizer Seite, auf die er auch stolz sei, bewusst geworden. «Und ich habe festgestellt, dass ich diese – meine – Filme nur machen kann, weil ich beide Kulturen in mir trage.»
Auch fürs Drehbuch hat Sin eng mit Betroffenen zusammengearbeitet, ihnen die verschiedenen Fassungen «zum Durchchecken» vorgelegt. «Meist waren sie positiv überrascht, wie genau ich ihre Gefühle beschrieben habe.»
Vorteile interkulturellen Drehens
Ein Eckpunkt jedes Films ist das Casting. «Für ‹Ban Dal› habe ich im ganzen deutschsprachigen Raum nach jemandem gesucht, der die Nebenrolle des adoptieren Sohnes spielen könnte», erzählt Hae-Sup Sin. Nur weil er niemanden gefunden habe, sei er selber – zum ersten Mal in einem seiner Filme – vor die Kamera gestanden. Das hatte auch unerwartet positive Seiten: «Einerseits habe ich so zusätzliches übers Regieführen gelernt», resümiert er. «Andererseits konnte ich alles, was ich während der Recherche aufgesaugt hatte, in diese Figur packen. Am Schluss hat dieser Umstand Sinn ergeben.»
Gedreht wurde im September 2024 in Korea, und schon im Mai 2025 waren Schnitt, Musik und Sounddesign in der Schweiz abgeschlossen. Es ist ein ruhiger Film, mit wenigen Einstellungen, bei denen die Kamera länger laufen gelassen wurde, gedreht an nur zwei Drehorten. «So konnten wir am Set effizient arbeiten und in nur vier Drehtagen alle Szenen aufnehmen – weitaus mehr, als man normalerweise für einen 21‑minütigen Film erwarten würde», umschreibt Hae-Sup Sin den Produktionsprozess. Eine Regie-Faustregel besagt, dass je nach Genre an einem ganzen Drehtag nur etwa drei Minuten Filmmaterial entstehen.
«Zu Beginn war ich mir gar nicht sicher, ob ich die richtige Person bin, einen Film über Adoptierte zu drehen.»
Gedreht wurde dann mit einer professionellen koreanischen Filmcrew – derselben, die ihm schon 2021 bei «Unfamiliar Familiar», der ebenfalls in Korea spielt, zur Seite stand. Seinen Kameramann in Korea, Kyeong Yeob Choo, kennt Hae-Sup Sin privat schon seit 2005 – und damit länger, als sich der damals 14‑Jährige überhaupt mit Film befasst. Von ihm hat er sich viele Tipps geholt, «er wurde eine Art Mentor für mich». Durch ihn kam auch die restliche Besetzung des Films zustande: Seine koreanische Filmmutter Eun Jung Shin ist dort eine etablierte Schauspielerin, die er für sein Drehbuch begeistern konnte, denn viel verdient hat sie nicht dabei. «Wir haben vielmehr darauf geachtet, dass alle etwa gleich viel bekommen», begründet Hae-Sup Sin die bescheidenen Gagen fürs gesamte Team. Aus der Schweiz reisten lediglich Produzent Jonas Tawam und Hauptdarstellerin Lale Yavaş mit.
Die Arbeitsweise sei in Korea eine ganz andere, als es der Regisseur aus der Schweiz gewohnt ist. «In Korea ist die Hierarchie in der Filmcrew grösser», hat er festgestellt. «Aber die Menschen dort schätzten es sehr, eigene Ideen einzubringen, und waren viel motivierter. Durch die interkulturelle Zusammenarbeitet können beide Seiten voneinander lernen und Horizonte erweitern.»
Unkonventioneller Diplomfilm
Während «Unfamiliar Familiar», den Hae-Sup Sin nach dem Bachelor-Abschluss aus eigenem Antrieb realisierte, noch mit Spenden aus einem Crowdfunding finanziert wurde, bekam «Ban Dal» auch die bei Master-Projekten übliche Unterstützung der ZHdK und zusätzliche vom Schweizer Fernsehen als Co-Produzent. Auch privates Geld steckt drin. «Das war nötig, da wir das ganze Equipment, das wir üblicherweise von der ZHdK zur Verfügung gestellt bekommen, nicht nach Korea mitnehmen konnten.» Dennoch sei er sehr dankbar gewesen für die Bewilligung, ein derart ambitioniertes Projekt als Diplomfilm realisieren zu dürfen.
Dramaturgische Unterstützung erhielt er durch seine Mentorin Andrea Štaka («Mare», «Das Fräulein»), doch die Spannung, wie der Film beim Publikum ankommt, bleibt bestehen. Hat man beim Schreiben und Drehen im Hinterkopf, dass der Film eine Abschlussarbeit für die ZHdK wird? Oder gibt es diesbezüglich Vorgaben? «Nein», versichert Hae-Sup Sin, «wir sind beim Abschlussprojekt frei in der Themenwahl.» Die eigene und zugleich fremde Kultur war schon bei «Unfamiliar Familiar» präsent. Dort ging es um eine Frau, welche aus der Schweiz, wo sie wohnt, nach dem Tod ihrer Mutter in ihre Heimat reist – und wegen der Pandemie und der Quarantänevorschriften mehrere Tage allein in deren Haus verbringt und sich mit ihrem Bruder streitet, was damit geschehen soll. Statt nun die damalige Pandemiesituation mühsam herauszufiltern, hat Hae-Sup Sin sie eingebaut und so die Auseinandersetzung der Protagonistin mit Tod und Heimat noch intensiviert. «An internationalen Festivals, wo der Film gezeigt wurde, haben sich viele Menschen aus völlig anderen Kulturen darin wiedererkannt», hat Hae-Sup Sin festgestellt. Eine ähnliche Reaktion erhofft er sich nun auch mit «Ban Dal» in Solothurn.
Heimat: Glattbrugg
Und wo sieht Hae-Sup Sin selbst seine Heimat? «Für jenen Dreh habe ich ein Jahr in Korea gelebt», erzählt er, «und dabei zum ersten Mal gefühlt, was mir die Schweiz bedeutet, was mich hier hält – auch, weil ich pandemiebedingt vorerst gar nicht zurückkehren konnte.» Es seien Familie, Freunde, «meine Leute», Erinnerungen sowie spezielle Orte in Glattbrugg, die für ihn eine spezielle Bedeutung hätten, wie die Badi, neben der seine Eltern wohnen. «Auch die Migros hier zum Beispiel ist anders als andere», sagt er mit einem Schmunzeln.
Prägend sei auch die Umgebung gewesen: Ein lauter Ort zwischen Flughafen und Zürich, weder Stadt noch Land, und dennoch eine eigene «Bubble», wo man alles hat, was man braucht (zählt man das Glatt zum Einkaufen dazu).
Hae-Sup Sin hat beide Opfiker Primarschulhäuser Lättenwiesen und Mettlen besucht und von klein auf eine sehr diverse, multikulturelle Umwelt erlebt, mit mehreren Sprachen auf demselben Pausenplatz. Er selbst spricht und schreibt auch koreanisch, selbst Drehbücher. «Der Schock war dann eher, als ich im Gymnasium in Oerlikon mehrheitlich Schweizer Kolleginnen und Kollegen hatte», sagt der Schweiz-Koreaner. «Obwohl dort meine Herkunft kaum mehr thematisiert wurde, war meine eigene Wahrnehmung, dass ich noch stärker auffiel. Ich musste mich schnell an das neue Umfeld gewöhnen – und mein Deutsch verbessern.»
Der Blick des Regisseurs
Bei seiner kreativen Arbeit an Filmen hat sich Hae-Sup Sin immer wieder mit seiner Identität auseinandergesetzt – und festgestellt, dass er grundsätzlich ein eher introvertierter Mensch ist. «Mit dem Film hat sich das aber komplett verändert», findet er. «Als Regisseur bin ich gezwungen, mich auszudrücken, mit vielen Leuten nicht nur zusammenzuarbeiten, sondern auch als treibende Kraft zu wirken.» Dieser Wandel habe bei ihm dann die Frage aufgeworfen, ob es auch die äusseren Umstände waren, die ihn als Kind noch introvertierter machten, als er es ohnehin war. Die Antwort hat er noch nicht gefunden, aber die Entwicklung findet er äusserst spannend. «Im Film habe ich etwas gefunden, das zu meinem Charakter passt, das mich geformt und gefordert hat.»
Dass er als Introvertierter lieber und viel beobachtet hat, kommt ihm heute in seinem künstlerischen Beruf sogar zugute: die Gesellschaft zu beobachten. «In vielen Filmen, die ich mache, greife ich Dinge aus dem Alltag heraus. Dazu muss man wissen, wie Menschen ticken und wie man Gefühle vermitteln kann.»
«Der Schock war dann eher, als ich im Gymnasium in Oerlikon mehrheitlich Schweizer Kolleginnen und Kollegen hatte.»
Sieht er die Welt im Allgemeinen und Opfikon im Speziellen nun als ausgebildeter Regisseur mit anderen Augen? «Zum Teil», findet Hae-Sup Sin. «Ich sehe aber auch, dass sich diese Stadt stark verändert hat, seit ich nach Oerlikon gezogen bin. Das ist wohl auch der Grund, dass ich mich hier nach wie vor sehr wohl fühle.»
Mit dem allgegenwärtigen Regisseur-Blick kann er einigermassen umgehen: «Natürlich schaue ich einen Film inzwischen anders an. Das heisst aber nicht, dass ich ihn nicht geniessen kann.» Und das Beobachten von Menschen, das Aufnehmen von Emotionen geschehe meist unbewusst und nicht störend, im Gegenteil: «Es gesellt sich zu meinem Schatz an Ideen, aus dem später Figuren und Filme entstehen können.»
Filme zwischen den Kulturen
Hae-Sup Sin will weiterhin Filme über die beiden Kulturen machen, mit universellen Geschichten, mit denen sich möglichst viele Menschen identifizieren können. Sein nächstes Projekt mit dem Arbeitstitel «Some Korean Summer» ist ein Spielfilm in Zusammenarbeit mit einer Zürcher Firma. Das Drehbuch entsteht derzeit in einer Co-Autorenschaft. «Eine Mischung aus Romanze und Coming of Age – diesmal mit einer Schweizerin als Hauptfigur und mit viel Culture Clash», verrät Hae-Sup Sin. Auch diesen würde er gern mit seinem bewährten Kernteam im ländlichen Teil Koreas drehen. Zudem will er auch in diesem Jahr einen Kurzfilm drehen. «Man muss immer dranbleiben und die Zeit gut nutzen», findet er.
Nebenbei arbeitet er als Techniker bei verschiedenen Schweizer Filmproduktionen mit, um auch Geld zu verdienen. Das Rüstzeug als spezialisierter Schnittassistent erhielt er auch an der ZHdK in seinem Bachelor-Grundstudium. Dank der Schule konnte er zudem mit renommierten Schauspielerinnen wie Sarah Spale («Platzspitzbaby»), Esther Gemsch («Die goldenen Jahre») und Lale Yavaş arbeiten, die nun in «Ban Dal» seine Adoptivmutter spielt.
Und wie empfinden es die gestandenen Mimen, wenn sie von einem jungen Regisseur Anweisungen entgegennehmen? Als Regisseur müsse man am Set sehr wach sein, um schnell, aber richtig zu entscheiden und zu spüren, was man von den Leuten verlangen könne und was nicht. Überstunden und zu viele Wiederholungen für den perfekten Shot seien nicht nur der Effizienz, sondern auch der Stimmung abträglich.
«Für mich als Regisseur ist es wichtig, eine klare Vision zu haben und diese ebenso zu kommunizieren», so Hae-Sup Sin. «Man muss sich dann finden, und idealerweise gehen alle – Cast und Crew – gemeinsam in eine Richtung. Schliesslich macht man einen Film nicht alleine, sondern es ist ein kollektiver Prozess.»
«Ban Dal» in Solothurn
Die 61. Solothurner Filmtage finden von 21. bis 28. Januar statt. Hae-Sup Sins Kurzfilm «Ban Dal» (Halbmond) ist in der Nachwuchskategorie «Talente» nominiert und wird zweimal zusammen mit zwei weiteren Kurzfilmen laufen: am Freitag, 23. Januar, um 9.45 Uhr im «Capitol» als Weltpremiere und am Montag, 26. Januar, um 17.30 Uhr im «Canva Club». Danach werden die Beteiligten jeweils Fragen beantworten.
Alles zu den Solothurner Filmtagen: www.solothurnerfilmtage.ch/de/festival/programm/ban-dal
Informationen: https://www.haesup.com