Auf der «grünen Wiese» fährt man gut
Während andere Betreiber mit der Hitze kämpfen, rollt die Glattalbahn ziemlich unbeirrt zum Flughafen und zurück. Ein Grund ist, dass sie teilweise auf einem begrünten Trassee fährt. Und auf den langen Brücken liegen flexible Schienen.
Wärme dehnt auch Baumaterialien aus. Auf der Rheintal-Autobahn hat die erste Hitzewelle schon Verwerfungen verursacht, durch die Autos beim schnellen Drüberfahren zu Schaden gekommen sind. Was aber passiert mit Tramschienen? Denn wer schon im Sommer barfuss auf einen Dolendeckel getreten ist, weiss, wie heiss Metall in der Sonne werden kann. Bei einer Lufttemperatur von 35 Grad können sich die Schienen auf etwa 50 bis 60 Grad aufheizen. Die Hitze selbst ist dabei nicht das Problem, sondern die dadurch entstehende Ausdehnung. Denn Schienen werden für eine Neutraltemperatur von 25 Grad gebaut, bei der sie keine Spannung aufweisen. Bei Hitze und einer Schienentemperatur von 60 Grad dehnen sich 100 Meter Schienen um etwa 40 mm aus. Dabei entstehen grosse Druckkräfte.
Die SBB setzen dagegen einen speziellen Spritzzug ein, der das Gleistrassee mit Wasser kühlt. Die Berner Verkehrsbetriebe Bernmobil schrieben im Netzzustandsbericht 2023, dass sich infolge von Klimawandel und Wetterextremen wie hohen Sommertemperaturen nicht nur Schienen, sondern auch Fahrleitungen ausdehnen. Dadurch müssten Trams zeitweise langsamer fahren. Um dem entgegenzuwirken, würden Fahrdrähte mit zusätzlichen Spannvorrichtungen nachgerüstet
Glattalbahn bisher nicht betroffen
Die Verkehrsbetriebe Glattal AG gibt aber Entwarnung: «Die Glattalbahn-Infrastruktur weist aufgrund der aktuellen Hitze keine akuten Problemstellen auf», heisst es auf Anfrage des «Stadt-Anzeigers».
Grundsätzlich seien insbesondere Schotter-Trassees, und dort insbesondere die Kurven, von Hitze betroffen, nicht aber die festen Fahrbahnen aus Beton, erläutert Tino Kunz, Leiter Marketing und Kommunikation und Mediensprecher. Im Schotter hingegen kann die Hitze sogenannte Verdrückungen verursachen: Heisse und daher längere Schienen drücken das ganze Gleis im flexiblen Schotter zur Aussenseite der Kurve. Bis zwei Zentimeter ist das tolerierbar, weil die Trams die Stelle langsam passieren. Hebt sich das Gleis aber aus dem Schotter, spricht man von einer Verwerfung, und der Betrieb wird unterbrochen.
Geschottert ist bei der Glattalbahn aber nur ein kleiner Teil der Strecke. «In den entsprechenden Abschnitten sind bei der Glattalbahn die üblichen Präventionsmassnahmen zur Verstärkung der Gleisstabilität verbaut», so Tino Kunz. Gemeint sind Schienenwanderklemmen, welche die Ausdehnungskräfte der Schienen in Kurven reduzieren; auch spezielle Schwellen- oder Sicherungskappen beugten möglichen negativen Auswirkungen vor.
Auf den Brücken ist man flexibel
Ein Merkmal der Glattalbahn sind die für ein Tram vielen Brücken und Kunstbauten. Diese gehörten zwar zu den sensibleren Bauwerken, seien jedoch kein grundsätzliches Problem, sagt Tino Kunz. Weil sich auch diese Betonkonstruktionen bei Hitze und Kälte ausdehnen oder zusammenziehen, sind auf Brücken und in Übergangskonstruktionen sogenannte Schienenauszugsvorrichtungen oder Dilatationen eingebaut. An diesen offenen Stellen können sich die spitz zulaufenden Gleise aneinander verschieben. Auf den übrigen Streckenabschnitten sind die Tramschienen lückenlos verschweisst.
72 000 Quadratmeter Kühlanlage
Spürbar positiv wirke sich auch das Grastrassee der Glattalbahn aus. «Die begrünten Abschnitte tragen dazu bei, die Oberflächentemperaturen zu senken und die Umgebung durch Verdunstung abzukühlen», so Tino Kunz. Im Vergleich zu Asphalt speichere die Vegetation deutlich weniger Wärme, wodurch sich das Mikroklima entlang der Strecke verbessere. Gleichzeitig profitierten auch Schotter und Unterbau von den geringeren Temperaturen. «Die rund 72 000 Quadratmeter Rasentrassee der Glattalbahn sehen also nicht nur schön aus und fördern die Biodiversität, sondern leisten auch einen spürbaren Beitrag zur Reduzierung der Hitzeentwicklung.»
Um die Abschnitte im Schottertrassee wirksam zu kühlen, wäre der erwähnte «Spritzzug» wie bei den SBB laut Tino Kunz eine mögliche Option. Alternativ könnten die Bahnschienen auch mit weisser Farbe eingefärbt werden, wie es zum Beispiel in Teilen von Südeuropa gemacht wird. «Dadurch kann die Schienentemperatur je nach Sonneneinstrahlung und Wind um etwa 5 bis 10 Grad gesenkt werden», weiss Tino Kunz. Entsprechende Optionen stünden zurzeit aber nicht zur Diskussion. Die Massnahmen haben sich bewährt: Bislang verzeichnete die Glattalbahn keine Ausfälle wegen Hitze.
Eisenbahn und Tram auf eigenen Schienen
Die Gleisanlagen der VBG sind je nach Streckenabschnitt unterschiedlich aufgebaut. Auf den Grüntrassees sowie auf dem rund 750 Meter langen Schotterabschnitt kommen überwiegend Vignolschienen zum Einsatz – die Schiene ist erhöht und steht auf den Schwellen. Im Boden versenkte Rillenschienen werden hingegen dort verwendet, wo die Trams im Mischverkehr mit dem Strassenverkehr fahren, insbesondere in Fahrbahnbereichen oder an Haltestellen sowie an den meisten Bahnübergängen. Diese Rillenschienen sind in eine Betontragplatte eingebettet und mit einer rund 4 Zentimeter starken Belagsschicht überdeckt.
Im Unterschied zur Eisenbahn, die ihre Vignolschienen überwiegend auf Schotteroberbau verlegt, müssen Tramgleise zusätzlich die Belastungen des Strassenverkehrs aufnehmen. Zudem sind sie für geringere Achslasten, niedrigere Geschwindigkeiten und engere Kurvenradien ausgelegt als klassische Eisenbahngleise.