Aus dem Gemeinderat: Der Pflegealltag

Polina Pavic Olenina

Im Jahr 2025 habe ich meine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit bei einer öffentlichen Spitex absolviert. Noch heute arbeite ich dort. Die Arbeit im Gesundheitswesen hat mir gezeigt, wie diese Arbeitswelt tickt – und wie besonders sie ist.

Menschen im Alltag zu unterstützen, ist eine wunderschöne Seite unseres Berufs. Doch leider gibt es auch viele Probleme, deren Ursache oft im System liegt. Zu oft steht das Geld im Vordergrund, alles andere wird zweitrangig. Die Schwierigkeiten ähneln sich dabei über verschiedene Institutionen hinweg: Der Lohn ist in Ordnung für das, was wir leisten müssen – aber eben nur knapp. Die Anforderungen sind hoch, der Stress ebenso. Sparmassnahmen werden immer wieder verordnet, spürbar sind sie aber vor allem an der Basis: bei den Mitarbeitenden, die täglich bei den Patientinnen und Patienten sind. Sei es beim Material, bei den Spesen oder bei der Zeit, die wir verrechnen dürfen – die Kosten steigen, der Lohn bleibt tief.

Der Patient klingelt, man hilft, geht raus, der nächste klingelt schon wieder. Ein Patient liegt im Sterben und stirbt ­wenige Tage später – Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt kaum. In der Ausbildung lernen wir, uns Zeit zu lassen, weil die Pflege so besser funktioniert. In der Realität fehlt uns genau diese Zeit jedoch viel zu oft. Ein anderer Patient ist ­unzufrieden und will keine Hilfe annehmen, obwohl er sie bräuchte.

 

«Die Burnout-Quote in der Pflege ist hoch – nicht wegen des Lohns, sondern wegen des puren Stresses.»

Polina Pavic Olenina, Gemeinderätin SP

 

«So ein schöner Beruf, die Menschen sind doch sicher dankbar dafür», höre ich oft, wenn ich erzähle, dass ich in der Pflege arbeite. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus. Ich erinnere mich noch gut an einen Patienten, der sich am Ende meines Einsatzes herzlich bei mir bedankte. In diesem Moment brauchte ich genau das: ein Dankeschön, das so gemeint war, wie es gesagt wurde – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

2021 hat das Schweizer Volk über die Pflegeinitiative abgestimmt und sie angenommen. Trotzdem wurde bis heute nicht die gesamte Initiative umgesetzt: National- und Ständerat haben den Vorschlag des Bundesrats abgelehnt.

Was ich von meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen höre: Der Lohn ist kaum gestiegen. Doch das Geld ist gar nicht das, was uns in der Pflege am meisten ärgert – es sind der dauernde Stress, die körperlichen Schmerzen und die vielen Forderungen. Anstatt für einiger­massen humane Arbeitszeiten zu sorgen, gibt es weiterhin geteilte Dienste: morgens und abends arbeiten, dazwischen vier Stunden Pause. Oder Spätdienst am Abend, gefolgt vom Frühdienst am nächsten Morgen. Da können Sie sich selbst überlegen, ob man sich so jemals richtig erholt. Die Burnout-Quote in der Pflege ist hoch – nicht wegen des Lohns, sondern wegen des puren Stresses.

Die Pflege ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Umso wichtiger finde ich es, dass wir uns auch politisch stärker engagieren und mehr Menschen bewusst wird, wie unser Alltag wirklich aussieht. Nur so werden wir irgendwann genug Menschen haben, die sich um andere Menschen kümmern.

In der Rubrik «Aus dem Gemeinderat» schreiben Opfiker Gemeinderätinnen und Gemeinderäte regelmässig Beiträge. Sämtliche im Parlament vertretenen Parteien bekommen hierzu Gelegenheit.