Zwischen Bergen, Burgen und Meer

Rebekka Posselt (Text und Bilder)

Wechselhaftes Wetter, schroffe Berglandschaften und mächtige Burgen: Nordwales begeistert mit wunderschöner Natur, bewegter Geschichte und einer lebendigen Pubkultur – ein Reiseziel, das mit seiner Vielfalt überzeugt.

Betws-y-Coed, Caernarfon oder Llandudno – wer solche Ortsnamen liest, fragt sich sicher erst einmal, wo er gelandet ist. Die Antwort lautet: in Wales. Was zunächst nach rätselhaftem Buchstabensalat klingt, wird nach einigen Tagen dank der allgegenwärtigen zweisprachigen Ortsschilder, den Ansagen in Zügen und Bussen und ein paar gegoogelten Ausspracheregeln (siehe Kasten) schnell vertraut.

Genau solche Eigenheiten sind es, die mich an den Britischen Inseln faszinieren. Seit einigen Jahren verbringe ich deshalb meinen Urlaub (von Familie und Arbeit) dort. Dabei suche ich mir bewusst Regionen aus, die weniger bekannt sind und damit abseits der grössten Touristenströme liegen. Dieses Jahr fiel die Wahl auf den Nordwesten von Wales mit dem Eryri-Nationalpark (vielen noch unter seinem früheren englischen Namen Snowdonia bekannt).

Die Region verbindet eine beeindruckende Bergwelt mit der Nähe zum Meer, einer bewegten Geschichte, reich blühenden Gärten und nicht zuletzt einer lebendigen Pubkultur – mein Rezept für einen erlebnisreichen und doch erholsamen Urlaub.

Mühen des Aufstiegs lohnten sich

Die Höhepunkte meiner Reise waren die Wanderungen im Nationalpark. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Tour über die Glyderau-Kette. Die Berge schienen mit gut 1000 Metern Höhe zunächst eher als Einsteigerlevel – zumindest im Vergleich zu den Alpen.

Tatsächlich verlangten die felsigen Wege, steilen Kletterpassagen und teilweise nur spärlich markierten Routen jedoch einiges an Trittsicherheit, Kondition, Aufmerksamkeit und Orientierung. Wind, Nebel und gelegentlicher Nieselregen machten die Tour anspruchsvoll, die dazwischen aufreissende Wolkendecke sorgte aber immer wieder für neue Ausblicke und Stimmungen.

Als sich dann schlussendlich die Sonne ganz durchsetzte und den Blick über schroffe Felsen, Bergseen und Täler freigab, waren die Mühen des Aufstiegs schnell vergessen. Wer nicht in den Bergen unterwegs sein möchte, findet auf dem Wales Coast Path ebenso beeindruckende – wenn auch oft windige – Wanderungen entlang der gesamten walisischen Küste. Für ein Bad im Meer waren die Temperaturen für mich allerdings im Juni noch zu frisch.

Jede Burg war ein Erlebnis

Ebenso faszinierend wie die Natur ist die Geschichte Nordwales. Kaum eine Region Europas besitzt auf so engem Raum eine vergleichbare Dichte mittelalterlicher Burgen. Besonders beeindruckend sind die vier Unesco-Welterbe-Burgen von Harlech, Caernarfon, Beaumaris und Conwy. Sie wurden Ende des 13. Jahrhunderts vom englischen König Edward I. zur Sicherung seiner Herrschaft über Wales errichtet.

Für mich war jede Burg einzigartig, denn jede zeigte sich bei ganz anderem Wetter. Harlech war dem stürmischen Wind der Irischen See schutzlos ausgesetzt und ich musste mich auf den Burgmauern gut festhalten, um nicht davongeweht zu werden. In Caernarfon präsentierte sich die mächtige Festung dagegen im strahlenden Sonnenschein besonders eindrucksvoll. Beaumaris wirkte unter einem typisch grauen walisischen Himmel eher geheimnisvoll, während in Conwy das wechselnde Licht immer neue Ausblicke auf Burg, Hafen, Fluss und die nahezu vollständig erhaltene Stadtmauer freigab, die ich natürlich ebenfalls erkundete.

Beeindruckt hat mich, wie viele Details noch heute erhalten sind und wie anschaulich Audioguides und Ausstellungen der walisischen Denkmalbehörde Cadw das mittelalterliche Leben vermitteln.

Nordwales hat mich mit seiner Vielfalt überzeugt. Anspruchsvolle Bergtouren, eine wunderschöne Küstenlandschaft, jahrhundertealte Burgen, die lebendige walisische Kultur und die herzliche Atmosphäre in den Pubs machen die Region zu einem lohnenswerten Reiseziel. Wer bereit ist, sich auf das wechselhafte Wetter und die zunächst ungewohnten Ortsnamen einzulassen, wird mit eindrucksvollen Natur- und Kulturerlebnissen belohnt.

Endlich geschafft: Die felsigen Wege auf den Gipfel des Glyder Fawr verlangten einiges an Trittsicherheit.

Wer nicht in den Bergen unterwegs sein möchte, dem sei der Wales Coast Path empfohlen.

Die Dübendorferin Rebekka Posselt erkundet gern Grossbritannien. Als Meteorologin mag sie wechselhaftes Wetter und beschäftigt sich beruflich mit Clouds, sowohl jenen am Himmel als auch jenen in Rechenzentren.

Walisisch – ein kleiner Sprachführer

Walisisch (Cymraeg) gehört zu den ältesten noch gesprochenen Sprachen Europas. Sie ist eine keltische Sprache und mit dem Bretonischen (Bretagne) und dem Kornischen (Cornwall) verwandt. Nach Jahrhunderten der Verdrängung hat die Sprache heute wieder einen festen Platz im öffentlichen Leben, wie die grundsätzlich zweisprachig beschrifteten Strassenschilder, Orte und öffentliche Einrichtungen zeigen. Besonders im Norden des Landes hört der Besucher Walisisch in jedem Pub, Bus oder Supermarkt.

ll – klingt wie ein gehauchtes «chl»

ff – entspricht unserem «f», während ein einfaches f wie «w» klingt

w – wird häufig wie ein «u» gesprochen

u – wie «y» in Pyramide

y – meist wie ein kurzes «e», in der letzten Silbe wie das walisische «u» (siehe oben)

dd – wie das englische «th» in «this»

Welsh Dictionary der University of Wales Trinity Saint David: geiriadur.uwtsd.ac.uk