«Wir wollen nachhaltig erfolgreich sein»
Anjo Urner (34) ist seit vier Jahren Geschäftsführer des EHC Kloten und damit seit der ersten Saison nach dem Wiederaufstieg im Verein. Der frühere Captain des Unihockey-NLA-Teams UHC Uster ist gleichzeitig der jüngste CEO der Liga.
Anjo Urner hat seinen Anteil daran, dass sich der EHC Kloten sportlich wie finanziell auf einem guten Weg im Stabilisationsprozess befindet. Bodenhaftung und Realitätssinn sollen die sportlichen Ziele des National-League-Teams dabei nicht bremsen. Im Exklusiv-Interview mit dem «Klotener Anzeiger» spricht Urner über die Lehren aus der vergangenen Saison, die Entwicklung des Klubs, wirtschaftliche Herausforderungen und die Infrastruktur, aber auch über die Ambitionen für die Zukunft.
Wie fällt rückblickend Ihr Fazit zur vergangenen Saison mit dem 12. Rang und dem vorzeitigen Saisonende aus und welche Lehren ziehen Sie daraus?
Aus meiner Rolle heraus betrachte ich nicht nur die Lehren aus der letzten Saison, sondern seit dem Wiederaufstieg und den Beginn meiner Tätigkeit in Kloten. Die ganze Organisation hat die Lehren aus der Vergangenheit gezogen (die Existenz des Vereins war in den letzten Jahrzehnten durch Misswirtschaft zweimal gefährdet – Red.). Was meine Rolle anbelangt: Ohne wirtschaftliche Stabilität und eine nachhaltige Entwicklung der gesamten Organisation gibt es auch keinen langfristigen sportlichen Erfolg. Sport und Wirtschaft müssen gemeinsam gedacht werden. Das ist ganz klar, wenn auch relativ unpopulär. Aber wenn man schon von Lehren spricht, dann ist dies für Kloten sicher relevant. Die letzte Spielzeit passte das Abschneiden realistisch betrachtet zu unseren Möglichkeiten. Wir hatten in den vier Saisons seit dem Wiederaufstieg zweimal überperformt (Rang 9 und Pre-Playoffs 2023, Rang 7 und über das Play-In die Playoff-Viertelfinals 2025 – Red.). Das zeigte uns auch, dass wir uns nicht verstecken müssen. In der letzten Saison waren es fünf Punkte Rückstand auf das Play-In. Mit mehr Siegen in den vielen engen Spielen wären die Top 10 möglich gewesen.
Kloten hat in den vergangenen Jahren aber auch gezeigt, dass der Klub sportlich über seine Möglichkeiten hinauskommen kann. Ist das inzwischen auch ein Argument für Spieler, die nach Kloten wechseln?
Unsere Werte und unsere Strategie haben dazu geführt, dass auch der eine oder andere Spieler eher zu Kloten gekommen ist, obschon er anderswo mehr verdienen könnte. Weil der Spieler an unseren Weg glaubt und diesen Weg mitunterstützen will. Das ist ein mega schönes Zeichen für uns.
Was muss sich beim Team in der neuen Saison konkret verbessern?
Dass das Team wirklich an ihr Leistungsmaximum kommt und gewisse Spieler auch darüber hinweg. Das ist extrem wichtig. Das gelang uns in der letzten Saison nicht immer. Ich denke aber, dass wir dieses Jahr ein extrem starkes Kollektiv haben werden. Wir haben auch an Erfahrung gewonnen mit Spielern, die vorher bei «grösseren» Klubs engagiert waren. Und dies wird uns sicher helfen.
Die Transfers lassen auf eine Steigerung hoffen. Kann die vorletzte Saison mit dem siebten Qualifikationsrang für das aktuelle Team sogar zum Massstab werden?
Unser Minimalziel ist, nichts mit dem Abstieg zu tun haben, auch wenn dies von den Leuten nicht gerne gehört wird. Aber das ist gemessen an unserer finanziellen Realität einfach der Fall. Unser übergeordnetes Ziel ist es, die Play-In-Plätze zu schaffen. Mit der Rückkehr von Arttu Ruotsalainen, den weiteren Transfers wie Simon Johansson, Raphael Prassl, Michael Hügli oder Goalie Reto Berra sind sicher auch Qualität, Leadership und Erfahrung dazugekommen. Dazu haben wir sicher einen guten Mix von jungen und hungrigen Spielern mit viel Talent. Es wird sich zeigen, ob die vorletzte Saison ein Vergleich werden kann. Damals wuchsen einige Einzelspieler über sich hinaus. Das müsste auch heuer wieder so passieren. Ich glaube daran. Aber realistisch betrachtet wird es ein grosser Kampf werden bis zur 52. und letzten Runde der Qualifikation um die Plätze für das Play-In.
Brandon Gignac wird verletzungsbedingt mindestens die ersten zwei Monate fehlen. Startet Kloten damit mit fünf statt sechs einsatzberechtigten Ausländern in die Meisterschaft?
Der Markt wird immer beobachtet unabhängig der Verletztensituation. Aber die Wirtschaftlichkeit ist dabei für uns gleichzeitig massgebend. Wir werden nur dann jemanden als Ersatz verpflichten, der uns sportlich helfen kann und wir uns dies gleichzeitig finanziell leisten können.
Was soll der EHC Kloten heute sein: Traditionsklub, Ausbildungsverein, ambitionierter National-League-Klub ? Oder alles gleichzeitig?
Es ist eine Kombination von allem zusammen. Wir haben eine sportliche Strategie entwickelt. Wir haben zusammen mit dem Verwaltungsrat unser Potenzial definiert und viele Sachen optimiert. Wir wollen nachhaltig erfolgreich sein. Wir stehen für Leistungssport. Aber es gibt auch eine Entwicklung, die für alle Stufen und den gesamten Verein gilt. Die Entwicklung der Spieler aber auch der Menschen in der Organisation ist für uns wichtig. Wir können uns die Fähigkeiten nicht einkaufen, wir müssen uns diese erarbeiten. Wir brauchen eine nachhaltige Entwicklung. Unsere Vision ist klar: Wir wollen 2030 nicht nur auf dem Eis, sondern auch sonst eine Top-Ten-Organisation in der National League sein. Für das stehen wir.
Wo steht Kloten auf diesem Weg aktuell?
Die Optimierungen betreffen unter anderem die sehr hohe Kostendisziplin. Dann der Digitalisierungsprozess. Wir haben eine gute Struktur im Verwaltungsrat. Auch die Zusammenarbeit der AG mit dem Verein EHC Kloten ist verstärkt und weiterentwickelt worden in den letzten Jahren. Dies gerade zuletzt noch durch das Engagement eines Youth-GM. Wir müssen nun nach der Kostenreduktion die Ertragspfeiler angehen, sprich Fan-Engagement, externe und interne Kommunikationsthemen. Verschiedene Zielgruppen, Stadion-Kapazität, sportliche Entwicklung und immer auch den Ausbau der Infrastruktur, die laufend erfolgt. In dieser Phase befinden wir uns jetzt.
Was hat sich bei der Infrastruktur zuletzt getan? Und was steht als Nächstes an?
Wir bekamen vom Verwaltungsrat erstmals seit dem Wiederaufstieg ein Investitionsbudget gesprochen. Es sind viele Sachen passiert, die der Fan nicht bemerkt hat. Jetzt konnten wir Ausbesserungen, die der Fan feststellen wird. Wir haben Malerarbeiten gemacht, in der Gastro gewisse Geräte gekauft oder auch Umbauten im Hospitality-Bereich, das Bistro wurde aufgewertet. Das braucht es immer wieder. Wichtig ist immer wieder zu betonen, dass das Stadion nicht uns, sondern der Stadt Kloten gehört. Und dort gibt es in Sachen Stadion noch grössere Prozesse, die am Laufen sind, die aber im politischen Prozess einen grösseren Zeitraum als in der Privatwirtschaft beanspruchen. Diese Bewilligungen einzuholen, sind komplex. In diesem Jahr haben wir mit der Einführung der Hall of Fame und der Buvette-Aufwertung das Fan-Erlebnis nochmals verbessern können.
Was unterschätzt ein Kloten-Fan, wenn er auf den Klub und seine Möglichkeiten blickt?
Eine der grössten Herausforderungen ist sicher, dass wir sehr viele unterschiedliche Interessengruppen bespielen, deren Meinungen teilweise weit auseinandergehen. Gleichzeitig hängen operativ sehr viele Themen miteinander zusammen, was manchmal etwas unterschätzt wird. Eine Veränderung an einer Stelle kann schnell Auswirkungen auf andere Bereiche haben. Dieses Zusammenspiel zu verstehen und zu koordinieren, macht die Arbeit anspruchsvoll und interessant.
Wo sehen Sie bei der Infrastruktur noch das grösste Entwicklungspotenzial?
Die Komplett-Sanierung des Stadions voranzutreiben. Wir als Hauptmieter wollen das vorantreiben. Aktuell ist der grösste Frust die Parkplatz-Situation. Wir haben schon alles probiert in diesem Bereich mit verschiedenen Partnern und Ortschaften. Wir sind dazu mit der Stadt im Austausch, aber aktuell steht uns einfach kein geeigneter Platz zur Verfügung.
Wie wichtig ist die Unterstützung aus der Region für den EHC Kloten?
Die ist unabdingbar. Gleichzeitig sind wir ein emotionaler Treiber für die Region Kloten und vertreten Kloten weit über die Region hinaus im ganzen Land. Deshalb ist der regionale Support und das Zusammenspiel für uns enorm wichtig. Wir geben auch einiges zurück. Wir schaffen Arbeitsplätze und bieten als Teamsport eine Plattform für junge Menschen, aus der man enorm viel fürs Leben lernt. Das sind Fähigkeiten, die weit über den Sport hinaus wertvoll sind.
Sie waren selbst Captain beim UHC Uster. Was aus dieser Zeit hilft Ihnen heute noch als CEO?
Im Spitzensport lernt man immer wieder, mit Druck umzugehen, sei es von aussen oder durch sich selbst, und lernt, seine eigene Rolle wahrzunehmen. Wenn man seine eigene Rolle nicht wahrnimmt oder akzeptiert, wird man auch von den eigenen Teamkollegen nicht ernst genommen. Das ist im Berufsalltag nicht anders. Man lernt auch mit neuen Vorgesetzten und neuen Menschen umzugehen. Das ist auch für den Arbeitsalltag enorm wertvoll. Diese Softskills kann man nicht in der Schule oder an der Uni lernen.
Was waren in Ihren vier Jahren als CEO die schwierigsten Aufgaben?
Wir haben seit dem Wiederaufstieg das operative Defizit um 66 Prozent reduziert. Wir mussten die AG sanieren. Wir sind noch nicht bei 100 Prozent und arbeiten weiter daran. Die zweite ganz grosse Herausforderung mit mehr Ertrag zu generieren, birgt jetzt natürlich auch Risiken. Das heisst auch, wir müssen investieren. Und wir müssen daran glauben, dass dies dann zu Erträgen führt. Die personellen Themen gehören dazu. Wir haben über die gesamte Organisation hinweg mehrere hundert Angestellte im Klub, die aber nicht alle zu 100 Prozent angestellt sind. In meiner Position muss man manchmal auch unpopuläre Entscheide treffen im Sinne der gesamten Organisation. Doch alle im Backoffice-Bereich wissen, wofür wir arbeiten.
Wo sehen Sie beim Publikum noch das grösste Potenzial?
Das ist definitiv unser grösstes Potenzial. Wir haben neue attraktivere Ticket-Angebote gemacht, gerade auch für Familien mit Kindern. Und dabei unsere Kommunikation entsprechend ausgeweitet. Wir wollen auch Junge und Familien ansprechen. Aber auch die bestehenden Fans, die uns jahrelang unterstützt haben, ebenso zu pflegen, ist genauso wichtig. Wenn wir da noch einen guten Schritt zulegen können, ist die Wirtschaftlichkeit sehr viel stabiler.
Reto Berra bringt als Toptorhüter viel Erfahrung und ein grosses Palmarès mit. Ist seine Verpflichtung auch wirtschaftlich ein Glücksfall? Vor allem auch mit Blick auf Zuschauerzahlen und Trikotverkäufe?
Ich glaube, dass es kein Glücksfall ist, dass Reto Berra zu uns gestossen ist. Es ist eher eine Bestätigung, dass die Spieler sehen, was wir hier machen. Natürlich braucht es Aushängeschilder wie Reto Berra oder auch Dario Meyer, der sich mit seinem Fünfjahresvertrag langfristig für uns ausgesprochen hat. Das sind Botschafter des EHC Kloten, unsere Gesichter gegen aussen. Das hilft. Wir hoffen natürlich, dass wegen ihnen noch mehr Zuschauer zu den Heimspielen kommen. Berra bringt ein Riesenpalamarès nach Kloten. Er ist authentisch und er sorgt für eine Aufmerksamkeit, von der der Klub profitiert. Aber wir sind immer noch ein Sportklub, der Spiele gewinnen will. Und das ist der grösste Treiber.
Wo soll der EHC in drei Jahren stehen, damit Sie sagen: Wir haben uns so entwickelt, wie wir es uns vorgestellt haben?
Die restlichen Defizit muss noch reduziert werden (gemessen an den bezahlten Tickets wurden an den 26 Heimspielen in der letzten Saison mit 5152 durchschnittlich 372 Tickets weniger abgesetzt als in der vorletzten Saison – Red.). Die Zuschauerzahlen müssen gesteigert werden. Die Organisation muss sich Richtung Top 10 entwickelt haben. Die Infrastruktur muss weiter fortgeschritten sein. Wirtschaftlich und strukturell sind viele Klubs besser aufgestellt als wir. Es ist dennoch möglich, die Top 10 zu erreichen. Aber es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass Kloten um die Play-In-Plätze spielt.
Was wünschen Sie sich heute Abend vom Kick-off-Event gegen Lugano?
Wir haben ein grösseres Rahmenprogramm denn je für einen Kick-off-Event des EHC Kloten. Wir möchten, dass wir gesamthaft als leistungsorientiertes Unternehmen verstanden werden und dies da zum Ausdruck bringen können.
Kick-off-Event für die Saison heute gegen Lugano
Heute Donnerstag schliesst der EHC Kloten seine Vorbereitung mit einem Heimspiel gegen Lugano ab. Spielbeginn ist um 19.30 Uhr.
Der Saison-Kick-off-Event mit Gratis-Eintritt wird von zahlreichen Attraktionen umrahmt. Bereits ab 16.30 Uhr ist Türöffnung. Bis 17.15 Uhr ist bei den Stehplätzen eine Autogrammstunde vorgesehen. Für die Kids gibt es unter anderem Kinderschminken, Bastelangebote und die Möglichkeit, den Kids-Corner für die kommende Saison mitzugestalten. Besichtigt werden können zudem der neue Mannschaftsbus und die neu eingerichtete Hall of Fame des Klubs. Auch eine Fotostation gehört zum Rahmenprogramm. Nach dem Spiel ist eine weitere Autogrammgelegenheit vorgesehen.
Die Präsentation der Mannschaft erfolgt voraussichtlich um 19.10 Uhr auf dem Eis. Im ersten Meisterschaftsspiel gastiert Kloten am nächsten Dienstag bei den Rapperswil-Jona Lakers. Am Freitag, 18. September (erneut gegen Lugano), und Dienstag, 22. September (gegen Bern), stehen für Kloten die ersten beiden Heimspiele im Programm. Zum ersten Derby kommt es bereits am Samstag, 26. September, wenn Kloten in seinem dann sechsten Saisonspiel bei den ZSC Lions gastiert. (rst.)