Wenn HOPE tatsächlich Hoffnung bedeutet

Roger Suter

Dank spezieller Behandlung von Organen muss eine Transplantation heute nicht mehr unter Zeitdruck geschehen. Die Studie einer jungen Ärztin zeigt, dass sich die Organe so sogar ausserhalb eines Körpers regenerieren können.

Seit fünf Jahren belohnen die Dr. Falk Pharma AG Schweiz und die Falk Foundation exzellente Arbeiten im Bereich der Gastroenterologie und Hepatologie – also der Medizin der Verdauungsorgane und der Leber. Die namensgebende deutsche Dr. Falk Pharma GmbH mit ihrer Schweizer Niederlassung in Glattbrugg ist seit 60 Jahren auf diesem Gebiet tätig. Die Falk Foundation unterstützt dabei nicht nur junge Forscherinnen und Forscher, sondern vernetzt sie auch erfolgreich mit ihren älteren Kolleginnen und Kollegen.

Ganz praktisch zeigt sich das bei der diesjährigen Verleihung des mit 10 000 Franken dotierten Falk Innovation Award: Preisträgerin ist Dr. Janina Eden (ehemals Unispital Basel), deren Studie das wissenschaftliche Gremium am meisten überzeugte.

Nach der Laudatio und zwei Referaten tauschten sich die diesjährige Preisträgerin Dr. Janina Eden intensiv mit Professor José Oberholzer aus, der am Zürcher Unispital die Abteilung Viszeral- und Transplantationschirurgie leitet – und sich von der Arbeit der jungen Kollegin begeistert zeigte.

Tatsächlich hat Dr. Janina Eden mit ihrem Team einen wichtigen Beitrag zum Thema Lebertransplantation geleistet, indem sie 1202 Fälle von speziell behandelten Spenderorganen während mehrerer Jahre beobachtet und analysiert hat.

Die Studie habe einen grossen prak­tischen Nutzen, betonte Laudator Pro­fessor Luc Biedermann, Leiter der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am Universitätsspital. An der Preisverleihung vertrat er das wissenschaftliche Gremium, welches die eingereichten Projekte bewertet und daraus die Gewinnerin bzw. den Gewinner ermittelt: «Das ist nicht für den wissenschaftlichen Elfenbeinturm. Die Arbeit zeigt, dass das Verfahren bereit für die breite Anwendung ist.»

Wenige Organe zur falschen Zeit

Die moderne Medizin ermöglicht es schon länger, Organe eines verstorbenen Menschen in einen anderen zu verpflanzen. Die Schwierigkeit besteht inzwischen weniger darin, ob es funktioniert; auch eine eventuelle Abwehrreaktion des Körpers auf das fremde Organ lässt sich heute medikamentös vermeiden oder begrenzen. Das Problem ist vielmehr, ein benötigtes Organ überhaupt und rechtzeitig zur Verfügung zu haben – oder ein gespendetes so lange funktionsfähig zu erhalten, bis es eingesetzt werden kann.

Herkömmlich löste man das letztgenannte Problem relativ einfach mittels Kühlung: Eine Leber wurde tatsächlich auf Eis gelegt, musste aber innert weniger Stunden transportiert und wieder eingesetzt werden – oft mit Notoperationen und den damit einhergehenden Risiken. Und weil es weniger Spender als Empfänger gibt, sind die Wartelisten lang. Ausserdem kann die Kühlung auf Zellebene auch Schäden verursachen.

Weniger Zeitdruck bei Beurteilung

Inzwischen hat die Medizin sogenannte Perfusionsmaschinen entwickelt: Das Organ wird zum Konservieren nicht mehr auf etwa 4 Grad heruntergekühlt und so gleichsam «stillgelegt», sondern ständig von einer Flüssigkeit durchströmt – ähnlich wie im Inneren des Körpers. Wenn die Flüssigkeit zusätzlich mit Sauerstoff angereichert ist, können sich selbst beschädigte Organzellen regenerieren – und so das gespendete Organ sogar noch verbessern. So lässt sich etwa eine Leber heute sicher bis zu 16 Stunden erhalten, in klinischen Studien sogar bis zu 70 Stunden. Dabei unterscheidet man zwischen gekühlter Flüssigkeit (das Verfahren nennt sich «hypothermic oxygenated perfusion», kurz HOPE) und Flüssigkeit mit Körpertemperatur («normothermic perfusion», kurz NMP).

Ein weiterer Vorteil der verlängerten «Haltbarkeit»: Die Ärztinnen und Ärzte erhalten mehr Zeit, ein Organ zu beurteilen. Denn um den Mangel zu lindern, werden vermehrt Organe von sogenannten «extended criteria donors» (also Risikospendern im hohen Alter oder mit Fett­leber) oder von Spendern nach Kreislauftod (DCD, siehe Box) akzeptiert. Allerdings hat eine Ärztin oder ein Arzt nur wenig Zeit, diesen Entscheid zu fällen – und verzichtet lieber, als einem hoffnungsvollen Patienten ein «ungenügendes» Organ einzupflanzen.

Doch bewähren sich die HOPE-behandelten statt gekühlten Organe auch auf längere Sicht im neuen Körper? Dies erforschte Dr. Janina Eden nicht nur in den ersten Monaten, sondern bis zu 5 Jahre nach Transplantation, unter realen klinischen Bedingungen in einer grossen, zufällig gewählten Patientengruppe.

Dazu analysierte sie in 22 Spitälern Europas 1202 Lebertransplantationen der Jahre 2012 bis 2021. Darunter waren 768 oder 64% der Fälle DBD (Spende nach Hirntod) und 434 oder 36% der Fälle DCD (Spende nach Kreislauftod). Beide Gruppen umfassten zudem auch hohe Risiken. Dabei wurde auch zwischen dem Über­leben des verpflanzten Organs und des Empfängers unterschieden.

Es gibt keine «schlechten» Organe

Soviel vorweg: Die Studie belegt, dass die HOPE-Technik exzellente Langzeitresultate bringt. Nach 5 Jahren lag die Überlebensrate der Organe bei 91% (DBD) und 81% (DCD), insgesamt 87%. Bei den Patienten lebten nach 5 Jahren noch 81%.

Bemerkenswert findet Dr. Janina Eden, dass auch 78% der Empfänger von «schlechteren» DCD-Organen darunter waren – ein Niveau, das normalerweise nur bei idealen Bedingungen mit DBD-­Organen erwartet wird. Und es zeigte sich, dass das Überleben der Transplantate und Patienten nicht wesentlich vom ursprünglichen Risikoprofil des Spenders abhängt. Selbst Organe, die als «futile» (sehr hohes Risiko) eingestuft wurden, zeigten nach der HOPE-Behandlung ähnlich gute Ergebnisse wie Organe mit geringerem Risiko.

Beides ist ein Hinweis darauf, dass sich Organe mit der HOPE-Methode tatsächlich regenerieren – und dass wohl die Kriterien, wie ein Spenderorgan beurteilt wird, überarbeitet werden müssen. Ausserdem gibt es Hinweise, dass so behandelte Lebern weniger Krebs entwickeln. Und es scheint auch, als würden Lebern «jünger», wenn sie den Körper wechseln.

Neben diesen Detailergebnissen hat Dr. Janina Edens Arbeit auch den Nachweis erbracht, dass die HOPE-Methode nicht nur in kontrollierten Studien, sondern im grossen, realen klinischen Einsatz wirksam und sicher ist. Damit könnte sich die Methode als Standardverfahren für die Lebertransplantation durchsetzen.

Warum aber hat sich die junge Ärztin, die auch drei Jahre am Zürcher Kinder- und Unispital war und heute an der Medizinischen Hochschule Hannover (Deutschland) arbeitet, für diese doch eher langwierige Studie motiviert? «Es waren die hoffnungslosen Fälle», erklärt sie. «Mein Traum ist es, den Menschen dereinst mit ihren eigenen Organen helfen und etwa von Krebs befallene ausserhalb des Körpers heilen zu können.»

DBD oder DCD – eine Zeitfrage

In der Transplantationsmedizin unterscheidet man zwischen zwei Arten von Organspenden: Die meisten erfolgen nach dem Kreislauftod («donation after circulatory death», kurz DCD). Idealerweise werden Organe hingegen bereits nach dem Hirntod entnommen («donation after brain death», kurz DBD). Sie funktionieren also bis zur Entnahme noch im Körperkreislauf, sind salopp gesagt «frischer» und deshalb bevorzugt. Ausserdem sind DCD-Organe anfälliger für Schäden durch die klassische Kühllagerung mit Eis.