«Unsere Torproduktion ist zu niedrig»

EHC-Kloten-Sportchef Ricardo Schödler (37) zieht nach dem gesicherten Klassenerhalt Bilanz, spricht über die zu geringe Torproduktion, die Rolle der Imports, mögliche Vertragsverlängerungen und die offenen Personalfragen für die nächste Saison.

Der EHC Kloten muss seine Torproduktion wieder dauerhaft steigern, um in der nächsten Saison die Top Ten und damit die Play-ins erreichen zu können. Der Output der Imports ist dabei ein Faktor, der zur Verbesserung beitragen muss. Sportchef Ricardo Schödler bezieht gegenüber dem «Klotener Anzeiger» Stellung.

Der 13. Rang und damit ein Play-out ­gegen Ajoie wurde bereits im vorletzten Quali­fikationsspiel (2:1 n. V. gegen ­Lugano) vermieden. Wie gross ist die ­Erleichterung?

Die Saison ist fertig. Die Erleichterung über den Klassenerhalt ist riesig, auch wenn wir als Zwölfter in diesem Sinne gar nicht mehr darum kämpfen mussten. Natürlich sind wir happy, dass es bereits am Samstag im Heimspiel feststand. Saisonende kann aber nicht unser Ziel sein, Play-outs natürlich erst recht nicht. Für die Play-ins muss man aber schon einmal vier Teams hinter sich lassen. Das ist ein anspruchsvolles Ziel, aber wir werden es auch nächste Saison wieder ins Visier nehmen.

Die Mannschaft zeigte bis auf vereinzelte Auftritte immer eine gute Moral und ­Charakter. Aber wäre so ein Play-out gegen den Abstieg gegen Ajoie nicht auch der ultimative Charaktertest gewesen und hätte dem Team sogar gut getan?

Ich hätte diesen Charaktertest nicht gebraucht. Ich weiss, dass die Jungs vielfach gutes Hockey gespielt haben und über Charakter verfügen. Aber natürlich wären Play-outs eine komplett andere Situation. Der 13. der National League trifft mit Ajoie auf ein Team, das sich schon sehr lange auf dieses Play-out vorbereitet hat. Ich glaube, das macht die Aufgabe für den Gegner am Ende besonders knifflig und mühsam.

Kloten erzielte nur 117 Tore in 52 Spielen, einzig Ajoie mit 105 Toren war noch weniger erfolgreich. Also fehlten in erster Linie mehr Tore für das Play-in?

Das ist so. Wir und Bern sind zudem die einzigen Teams, die keinen 30-Punkte-Skorer in der Qualifikation stellten. Qualifikationssieger Davos erzielte 191 Tore. Unsere Produktion ist zu niedrig. Im Vergleich zu Klubs mit vergleichbaren finanziellen Möglichkeiten wie Ajoie, Ambri oder den SCL Tigers war die Import-Produktivität bei Kloten bei den Stürmern unterdurchschnittlich.    Die einen haben bessere Torhüter, die anderen bessere Schweizer Verteidiger und wieder andere bessere Schweizer Stürmer. Ambri-Piotta ging bei den Ausländern «all in», hat aber bei der Qualität der Schweizer Spieler Defizite. Ajoie hat quasi gar keine Schweizer, sondern fast nur Ausländer. Wir müssen uns nicht so messen. Das Ziel muss sein, selbst eine gute und ­homogene Gruppe zu haben – eine gute Durchmischung aus jungen und erfahrenen Spielern. Dann findet man noch ein paar gute Ausländer oder zumindest solche, die helfen können. Wenn jeder seine Rolle spielt, hat man als Team Erfolg. ­Unsere Ausländer waren, nach Punkten ­gesamthaft betrachtet, vielleicht nicht so produktiv. Aber Spieler kann man nicht nur an Scorerpunkten messen.

Die sechste Import-Position ist bei Klo-ten noch offen. Vom aktuellen Team sind Pontus Aberg und Robert Leino noch ein Thema. Warten Sie allenfalls noch die Heim-WM in der Schweiz von Mitte bis Ende Mai ab?

Kloten kann sich keinen Stürmer von der WM leisten, der eine garantierte Verstärkung wäre – auch nicht von kleineren Eishockeynationen. Wir schauen uns alles in Ruhe an. Wir wissen, was wir tun, und sind mit verschiedenen Kandidaten im Gespräch, darunter auch Leino und ­Aberg. Tyler Morley (seine Eltern befanden sich am Samstag im Heimspiel auch unter den 6404 Zuschauern – Red.) kommt nicht mehr infrage. Das steht für uns schon länger fest.

In der letzten Saison war man im Powerplay und im Boxplay jeweils das Schlusslicht der Liga und wurde dennoch verblüffender Qualifikationssiebter und schaffte es über zwei Play-ins in die Playoff-Viertelfinals. Heuer war man die Nummer 4 der Liga in Überzahl, die Nummer 6 in Unterzahl und gar die Nummer 1 bei den Face-offs – und dennoch verpasste man das Play-in.

Natürlich hätten wir die besseren Statistiken dieses Jahr gegen ein Play-in eingetauscht. Aber das gehört zum Spiel. Man versucht, sich an gewissen Stellen zu verbessern, und dann kann es vorkommen, dass es an anderen Orten nicht mehr so gut läuft. Sonst würde man ja jedes Jahr besser und irgendwann nur noch Meister werden. Am Ende zählt der Erfolg – egal, wie man dorthin gekommen ist.

Aber welches sind dann die entscheidenden Erkenntnisse? Was muss geändert werden?

Ich denke schon, dass wir es am Tore­schies­sen festmachen können. Natürlich muss die Balance stimmen. Wenn wir 20 Tore mehr schiessen, aber auch 20 mehr kassieren, bringt das nichts. Aber wenn wir 20 Tore mehr erzielt hätten, ohne gleich viel mehr zu kassieren, wären wir ziemlich sicher in den Play-ins gewesen. Vielleicht hätten auch 15 gereicht.

Von wem wird und soll nun diese Torsteigerung kommen? Mit Axel Simic verlässt Kloten ja auch der zweitbeste Schweizer Goalgetter und Scorer (10 Tore und 11 Assists in 45 Spielen – Red.) ...

Er hatte nur eine Saison mit mehr als 20 Scorerpunkten in der Qualifikation. Es ist nicht so, dass wir von ihm jedes Jahr 17 oder 18 Tore erhielten. Wer soll die Tore schiessen? Dario Meyer hilft uns (der Klotener Topscorer brachte es auf 15 Saisontore – Red.). Dann Mischa Ramel (heuer 6 Tore, in der Vorsaison 11) oder Keanu Derungs (6 Tore in dieser Saison). Dazu kommen die Lausanner Neuzugänge Raphael Prassl (kein Tor aus 34 Spielen – Red.) und Michael Hügli (1 Tor aus 31 Spielen – Red.).

Von den Imports, vorab Rückkehrer Arttu Ruotsalainen?

Er ist heute ein anderer Spieler geworden. Er war die letzten zwei Jahre vorwiegend Nummer-1-Center beim Champions-Hockey-League-Gewinner Frölunda. Er hat sein Spiel enorm weiterentwickelt. Aber ja: Für unsere Produktivität wird er ein wichtiger Faktor sein.

Und Neuzugang Joel Henry empfahl sich mit seinen zwei Toren seit der Olympia-Pause für eine definitive Übernahme?

Ja, er hat ein Angebot erhalten. Aber er muss erst noch unterschreiben. Nicht jeder, dem man einen Vertrag vorlegt, unterschreibt ihn auch. Wir beschäftigten uns mit Joel schon vor diesem Spielertausch mit Harrison Schreiber zu den ZSC Lions und haben nun gesehen, dass er ein Spieler für uns sein kann. Er überzeugte uns.

Gibt es bei Topscorer Dario Meyer nun eine vorzeitige Vertragsverlängerung seines 2027 auslaufenden Kontrakts?

Wir führen in diesen Tagen Gespräche. Dario weiss, dass wir Interesse haben, ihn bei uns zu halten.

Wer wird in der nächsten Saison Captain sein?

Das ist noch viel zu früh. «Chälli» wird beim Abschlussfest sowie bei der Teamreise noch unser Captain sein. Danach sehen wir weiter. Wir haben einen ganzen Sommer Zeit, uns diese Gedanken zu machen.

Wird der Spielerrat beziehungsweise das bisherige Captain-Team mitbestimmen?

Es gibt verschiedene Varianten. In manchen Organisationen entscheidet der Sportchef, in anderen der Geschäftsführer oder der Präsident. Das ist unterschiedlich.

Und wie ist es bei Kloten?

Bei uns stellte sich diese Frage in den letzten Jahren nicht. Deshalb ist das nun eine neue Situation. Materialchef Ingo muss das C nun vom Trikot nehmen. Ich habe logischerweise meine Idee, aber wir werden auch sehen, ob die Spieler ein Mitspracherecht haben.

Tim Bertsches Nachfolge als Goalie-Trainer ist bereits geregelt?

Ja, das wird zu einem späteren Zeitpunkt kommuniziert, da die betroffenen Teams noch im Spielbetrieb stehen. Tim hatte in seinen fünf Jahren grosse Verdienste. Ich bin sehr happy für ihn, dass er den nächsten Schritt macht. Er war mit vollem Herz dabei, fieberte mit seinen Goalies mit und setzte sich für sie ein. In der Garderobe ist er sehr beliebt und auch sehr regelkundig als Videocoach. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man weitergehen muss – und bei Tim war dieser Zeitpunkt nun gekommen.

Längerfristig wäre es naheliegend, dass der künftige Klotener Goalie Reto Berra dereinst Goalie-Trainer wird.

Absolut. Aber vorerst braucht er ja selbst noch einen Goalie-Trainer, wenn er zu uns stösst. Reto wird mir schon sagen, wenn es einmal so weit ist. Aber wer weiss heute schon, was in zwei Jahren sein wird?

Was sind aktuell Ihre wichtigsten Dossiers?

In diesen Tagen folgen die Saisonendgespräche mit den Spielern. Danach gibt es am Samstag noch ein Debriefing mit dem Trainerstab. Vielleicht können wir dann auch noch weitere Personalentscheide für die nächste Saison kommunizieren. Es wäre schön, wenn wir den Fans am Saisonabschlussfest im Stadion noch etwas mitteilen könnten.

Bei den Spielern ist noch offen, ob Deniss Smirnovs einen neuen Vertrag erhält?

Wir suchen noch einen Schweizer Stürmer oder einen Ausländer mit Schweizer Lizenz. Wenn wir keine Lösung finden und er am Ende der Einzige ist, der zusagt, dann ist er ein Kandidat. Er hat aber noch keinen neuen Vertrag unterschrieben. Eine vorzeitige Vertragsauflösung bei einem Spieler mit laufendem Vertrag ist derzeit kein Thema.

Ende September belegte Kloten nach zehn Spielen mit zwölf Punkten noch den 8. Rang …

Aber unser Weg führte insgesamt eher nach unten. Wir schafften es nie, ein Polster gegenüber den direkten Konkurrenten in unserem Tabellenbereich anzulegen.

Die SCL Tigers monierten nach ihrem missratenen Qualifikationsende ein fehlendes Resultat-Hockey …

Für uns ist das kein Thema. Wir hätten die Punkte über die gesamte Qualifikation holen müssen. In 51 von 52 Spielen ging es um etwas, nur im letzten Spiel in Genf (0:7 – Red.) nicht mehr. Wir haben dreimal gegen Ajoie Punkte liegen lassen, dreimal gegen Lugano und auch gegen die SCL ­Tigers verloren. Dazu die Niederlage in Zürich trotz Dominanz. Das sind die Spiele, in denen wir zusätzliche Punkte hätten holen müssen.

Noch ein Ausblick auf die nächste Saison. Wie soll sich Kloten präsentieren?

Wir wollen unseren Spielstil weiterentwickeln. Man sieht immer mehr, welches Hockey wir spielen wollen. Mit Simon Johansson und Arttu Ruotsalainen kommen zwei neue Spieler. Wir hoffen auch auf die Weiterentwicklung junger Spieler wie Leandro Hausheer, Noah Delémont sowie der Zwillinge Rafael und Simon Meier (Letzterer debütierte am Montag nach seiner Verletzungspause in der Na­tional League). Vielleicht ist auch bald wieder jemand aus dem Nachwuchs bereit, eingebaut zu werden. Dafür brauchen alle einen guten Sommer.

Apropos Weiterentwicklung: Bei Noah Delémont gab es manchmal viel Licht, dann wieder Schatten.

Es gibt viele Dinge, die er genial machen kann – und andere, die er noch abstellen muss. Aber Delémont ist ein junger Spieler, das darf man nicht vergessen.

Will den Spielstil für die kommende Saison weiterentwickeln: EHC-Kloten-Sportchef Ricardo Schödler. Bild Archiv

«Wenn wir 20 Tore mehr erzielt hätten, ohne gleich viel mehr zu kassieren, wären wir ziemlich sicher in den Play-ins gewesen.»

Ricardo SchödlerSportchef EHC Kloten