Über die Grenzen hinaus denken

Pascal Turin

Opfikon, Wallisellen und Zürich sind zusammengewachsene Nachbarstädte. Aber die Gebiete entlang der Ortsgrenzen gehen oft vergessen. Ein Projekt untersucht nun, wie sie attraktiver werden können – für Mensch und Natur.

Der Treffpunkt an diesem unangenehm heissen Montagnachmittag liegt schon auf Walliseller Boden. Es ist ein Bänkli, das am Herrengütliweg steht. Jener verbindet die Rietgrabenstrasse in Opfikon mit der Herrengütlistrasse in Wallisellen. Von hier hat man einen tollen Ausblick. Kein Wunder, heisst die nahe gelegene Bushaltestelle schlicht «Fernsicht». Doch weil es so heiss und stickig ist, wünscht man sich entlang des Wegs ein paar schattenspendende Bäume.

Vanessa Seger ist mit dem Velo gekommen. Die Seniorberaterin bei Brugger + Partner leitet ein Projekt mit dem etwas sperrigen Namen Modellvorhaben «Grenzlandschaften im Agglomerationsraum». Dieses will die Grenzräume zwischen den Gemeinden Dietlikon, Dübendorf, Fällanden, Opfikon, Wallisellen und Zürich neu denken. Diese Bereiche entlang der Ortsgrenzen dienen häufig der Landwirtschaft oder als Erholungsgebiete und sind von Strassen oder Schienen geprägt.

Fokus liegt bisher auf Ortszentren

«Die Bevölkerung geht sehr gern draussen spazieren, joggen oder Velo fahren», sagt Seger. Gleichzeitig nehme der Druck auf die letzten verbliebenen Freiräume immer mehr zu – etwa durch das Bevölkerungswachstum, den Verkehr, die Verdichtung und den Trend zu mehr Erholung im Freien. Das Glattal sei ein Paradebeispiel für eine Agglomeration, die sehr schnell wachse und dadurch immer unterschiedlicheren Bedürfnissen gerecht werden müsse. «In der Planung gehen die Räume zwischen den Gemeinden oft vergessen», führt die Nachhaltigkeitsexpertin aus.

Ein Grund dafür ist, dass sich die Kommunen in erster Linie auf ihr eigenes Ortszentrum konzentrieren. Entlang der Grenzen verschwimmen die Zuständigkeiten – hier braucht es darum gemeindeübergreifende Planung. Diese ist zum Teil komplex, und auf den Verwaltungen fehlen je nachdem die personellen sowie die zeitlichen Ressourcen, um sich darum auch noch intensiv zu kümmern.

An diesem Punkt will das Projekt ansetzen. «Unser Ziel ist es, Freizeit- und ­Erholungsqualität in den Grenzräumen von Agglomerationsgemeinden durch Stärkung der Biodiversität und der Landschaftsqualität zu verbessern», sagt Seger. Das Modellvorhaben «Grenzlandschaften im Agglomerationsraum» untersuche, welches Potenzial diese Räume für Natur, Erholung und Lebensqualität bieten würden und wie sie künftig zusammen gedacht und geplant werden könnten.

Alle sollen an den Tisch

Zuerst sollen die Bedürfnisse der Bevölkerung abgeholt werden. Ab September sind deshalb drei Workshops geplant, zu denen Vertreterinnen und Vertreter von Sportvereinen oder Quartiervereinen, aber auch Landwirte oder Förster eingeladen wurden. «Wir wollen alle am Tisch, die in diesen Gebieten tätig und ­aktiv sind», so Seger. Sie freue sich insbesondere darauf, an den Workshops zu erfahren, was die Wünsche der Leute seien.

Zudem fanden in den vergangenen Monaten Gespräche mit Fachleuten der Gemeinden statt. Gemeinsam hat man Chancen und Herausforderungen diskutiert.

Das Projekt dauert voraussichtlich bis Anfang 2029. Das Ergebnis der Analyse wird eine sogenannte Freiraumagenda sein, eine Art Handbuch oder Charta mit Empfehlungen. «Das schreit natürlich schon nach Papiertiger, weshalb die Freiraumagenda auch konkrete Beispiele enthalten wird», sagt Vanessa Seger lächelnd. Solche Vorschläge könnten öffentliche Sport- und Spielmöglichkeiten sein, aber auch entsiegelte Flächen, die mehr Wasser speichern und so für Abkühlung sorgen.

Die Freiraumagenda soll als Grundlage für spätere Planungen und umsetzbare Pilotprojekte dienen. Segers Vorstellung ist, dass am Ende nicht nur die beteiligten Gemeinden von der ganzen Arbeit profitieren, sondern im Idealfall Agglomerationsgemeinden in der ganzen Schweiz.

Bund unterstützt das Vorhaben

Beteiligt sind neben Dietlikon, Dübendorf, Fällanden, Opfikon, Wallisellen und Zürich auch kantonale und nationale Amtsstellen, regionale Planungsorganisationen, die Verkehrsbetriebe Glattal und verschiedene Fachpersonen. Zum Projektteam gehört unter anderem der Dübendorfer Stadtplaner Reto Lorenzi.

Das Vorhaben ist Teil der Modellvorhaben nachhaltige Raumentwicklung 2025 bis 2030, mit denen der Bund innovative Projekte zur Verbesserung der Umwelt- und Lebensqualität in Städten und Agglomerationen fördern will. Die Kosten für das Projekt im Glattal belaufen sich auf rund 320 000 Franken, aufgeteilt auf vier Jahre. Der Bund übernimmt die Hälfte, der Rest wird von den beteiligten Gemeinden sowie den weiteren Projektpartnern getragen.

Vielleicht stehen am Herrengütliweg eines Tages tatsächlich ein paar schattenspendende Bäume. Das wäre dann ein konkretes Beispiel dafür, wie auch die Grenzräume zwischen den Gemeinden in den Fokus rücken können.

Hier gibt es mehr Informationen zu den Modellvorhaben nachhaltige Raumentwicklung des Bundes.