Sie brennen für «Brändi Dog»

Roger Suter

Die Schweizer Variante von «Eile mit Weile» hat am Sonntag knapp 50 Spielerinnen und Spieler ins «Graffland» gelockt. Das Spiel mit Suchtpotenzial wird aber die Grundlage für weitere Turniere bilden.

Das Turniertableau umfasst nicht 48, sondern lediglich 22 Teams. Sie bestehen nicht aus 11 teilweise hoch bezahlten Sportlern, sondern aus Zweierteams mit Spass an der Sache. Es gibt keine gelben und roten Karten zum Strafen, sondern Bridge-Karten zum Ziehen. Und statt auf einem grünen Rasen einem Ball hinterherzujagen, ziehen die Teilnehmenden bunte Glaskugeln um ein hölzernes Spielfeld. Davon gibt es an diesem Sonntag 11, verteilt auf ebenso vielen Tischen in der grossen Halle im «Graffland» beim Glattpark. Hier steigt das erste Opfiker «Brändi Dog»-Turnier.

Es ist aber nur eines von vielen. Das Spiel aus einer Luzerner (siehe Box) und einer St.  Galler Werkstatt ist derart beliebt, dass überall im Land gespielt wird – zu Hause genauso wie an organisierten Anlässen, aus reinem Spass, um Geld oder auch um zu gewinnen. Entsprechend bunt zusammengewürfelt ist das Teilnehmerfeld: Von der Teenagerin bis zur 80-Jährigen, von den stets Fröhlichen bis zu den eher Verbissenen ist alles dabei. «Wir kommen aus Bremgarten im Aargau», erzählen Seraina und Simone, «und reisen öfter an Turniere.» Das zeigt sich unter anderem darin, dass sie die meisten Punkte erzielen und den ersten Pokal des ersten Opfiker «Brändi Dog»-Turniers nach Hause nehmen können.

 

«Es hat mich einfach gepackt.»

Silvia Specogna, «Brändi Dog»Spielerin und Turnier-Mitorganisatorin

 

Karin ist mit Sohn Jonas aus Hochdorf angereist – und landet auf dem zweiten Schlussrang. Henos kommt sogar aus Basel. «Ich kenne das Spiel erst seit einem Monat», gibt der Schachspieler zu, «doch es macht Spass.» Geübt hat er mit seiner Spielpartnerin übers Internet. «Es ist das erste Mal, dass wir gemeinsam am Tisch spielen», erzählt sein Vis-à-vis Merhawit aus dem Kanton Aargau. Und das Online-Training hat sich gelohnt: Sie teilen sich am Schluss mit Karin und Jonas den 2. Platz.

Beim Läuten ist’s fertig

Organisiert haben das Turnier Silvia Specogna und ihre Schwester Linda Bärtschi, die hier unterrichtet. Beide sind leidenschaftliche «Dog»-Spielerinnen. An diesem Sonntagnachmittag kommen sie aber selber kaum dazu, obwohl sie einspringen würden, sollte in einem Zweierteam jemand ausfallen: Zuerst müssen die Teilnehmenden über den Ablauf ins­truiert werden (die Regeln, die auch auf den Tischen aufliegen, kennen alle). Dann müssen sie die Paarungen auslosen, Detailfragen beantworten, die Glocke als Startsignal läuten und stets die Uhr im Blick behalten, um die Halbzeit und den Schluss der Spiele wiederum mit Klingeln zu verkünden. «Wir haben 30 Minuten pro Spiel festgelegt», erläutert Silvia Specogna, «weil man sonst nie genau weiss, wie lange eine Spielrunde dauert.» Wer beim zweiten Läuten noch nicht fertig ist, zählt seine Kugeln im Ziel und notiert sie auf dem Spielzettel, der ganz am Schluss ausgewertet wird. Dieser Zeitplan klappt ziemlich gut; wer dennoch etwas früher fertig ist, unterhält sich gern noch etwas mit den Mitspielern.

Fast immer am Organisieren

Mit dem Brändi-Virus angesteckt hat sich Silvia Specogna nach einem Urlaub im Berner Oberland. «Es hat mich einfach gepackt.» Am Chlausmärt sei dann mit anderen «Dog»-Spielenden die Idee entstanden, ein Turnier zu veranstalten. Und Silvia Specogna, die erst vor wenigen Jahren aus Kloten zugezogen ist, in Opfikon aber schon Pingpongturniere für an Parkinson Erkrankte («Stadt-Anzeiger» vom 28. Mai) oder kürzlich bereits das zweite Zibertstrassenfest auf die Beine gestellt hat, legte zusammen mit ihrer Schwester und Jennifer Tan von der städtischen Familienarbeit wieder los. Und auch dieses Turnier soll keine einmalige Sache bleiben: Die Nummernplaketten für die Tische sind stabil, die Regelblätter laminiert, sodass man sie problemlos für weitere Ausgaben nutzen kann. «Vom Rhythmus her haben wir an Vierteljahre gedacht», so Silvia Specogna. «Also noch ein Turnier im Herbst. Aber für den Winter müssen wir einen neuen Ort suchen; diese Halle kann man nicht heizen.»

Neue Menschen erreichen

Die Halle gehört zum «Graffland», dem Ort für Graffitikunst in der ehemaligen Kläranlage, der sich immer mehr auch zum Kultur- und Quartiertreffpunkt entwickelt. «Die Betreiber Till Boller und Yassin Tair waren sofort begeistert und haben uns unterstützt, wo sie nur konnten», freut sich Linda Bärtschi. «Sie haben die Halle hergerichtet sowie Tische und Stühle aufgestellt. Wir mussten nur noch die Spielbretter und -blätter verteilen.» Dabei profitieren beide Seiten voneinander: Die meisten «Brändi-Dogger» sahen das «Graffland» zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal; und die Organisatorinnen wussten, dass die Teilnehmenden dank vorhandenem Café und Foodtruck weder Hunger noch Durst leiden musstenn – immerhin spielte man von 16 bis 20 Uhr fünf Partien. Das Startgeld haben die beiden Organisatorinnen komplett den Gastgebern weitergereicht.

Gut möglich, dass sich die bunten Kugeln und die bunten Spraydosen noch weitere Male treffen.

«Brändi Dog»: Schweizer Spiel mit kanadischen Wurzeln

Das Spiel ist eine Mischung aus «Eile mit Weile» und Kartenspiel. Man spielt zu viert oder auch zu sechst, immer in Zweierteams, die sich gegenübersitzen. Ziel ist es, die vier Glasmurmeln der ­eigenen Farbe und diejenigen des Partners je einmal ums Feld und ins Ziel zu führen – aber ohne Absprachen.

Statt des Würfels bestimmen die Karten, wie weit man ziehen darf: Je nach Kartenwert sind so grössere Züge bis 13 möglich. Und statt Würfelglück kommt nun Taktik ins Spiel: Welche Karte spiele ich jetzt? Brauche ich den König noch für einen Start oder fahre ich doch lieber 13 Punkte vorwärts? Wie teile ich die 7 Punkte am besten auf meine Kugeln auf?

Zu Beginn der ersten Runde mit sechs Handkarten ist die Auswahl noch gross. Doch mit jeder Runde bekommt man eine Karte weniger auf die Hand – und kann schon mal gezwungen sein, eine Murmel des Partners zum Start zurückzuschicken, wenn man genau auf deren Feld landet.

Das Spiel ist dem kanadischen «Tock» oder dem uralten «Pachisi» aus Indien ähnlich. (Das deutsche «Dog» ist eine Überarbeitung der Schweizer Variante.) Seit 1987 wird es in verschiedenen Varianten von mehreren Werkstätten hergestellt. «Brändi Dog» der gleichnamigen Luzerner Stiftung für Menschen mit Beeinträchtigung ist dabei das bekannteste.   

Informationen zum Spiel und zu weiteren Turnieren: https://dogspiel.info