«Mutig sein, aber nicht dumm»

Richard Stoffel

Klotens Trainer Michael Liniger spricht im Exklusiv-Interview zum Saisonstart mit dem «Klotener Anzeiger» über die Entwicklung seines Teams ­inklusive seines Sohnes Elia.

Der 46-jährige Liniger erklärt, weshalb er trotz Underdog-Status an eine gelungene Saison der Flughafenstädter glaubt. Und welche Herangehensweise des Teams dafür unabdingbar ist.

Michael Liniger, vor zwei Jahren gewann Kloten genau wie jetzt bis auf ein Spiel alle Vorbereitungsspiele. Und wurde dann sensationell Siebter der Regular Season und erreichte über zwei Play-In-Duelle die Derbyserie und damit die Playoff-Viertelfinals gegen die ZSC Lions.

Wir können uns mit der Vorbereitung nichts kaufen, auch wenn wir da jedes Spiel gewinnen wollten. Es ging in erster Linie darum zu lernen. Zu erkennen, was gut und was schlecht war in jedem Spiel. Beim Abschlusstest gegen Lugano (2:1 nach Verlängerung – Red.) beispielsweise fanden wir in der ersten Hälfte der Partie überhaupt nicht ins Spiel. Und dann sind wir plötzlich gekommen. Ich hoffe natürlich, dass wir in unserem Spiel noch zu mehr Konstanz über die ganze Spieldauer finden. Was in der Vorbereitung gut war: Wir fanden vielfach auch einen Weg zum Sieg, obschon wir personell nicht in Bestbesetzung antraten und auch mehrere junge Spieler Bewährungsmöglichkeiten erhielten.

Darunter befand sich auch Ihr 18-jähriger Sohn Elia, der auf der Center-Position in Klotens U21-Elit-Team spielt, bereits ­einige gute Ansätze zeigte und im ersten Testspiel für Thurgau gegen Kloten stürmte und dabei gar ein Tor gegen Ihr Team erzielte.

Er machte seine Sache recht gut, manchmal passierten auch ihm Fehler, wie es anderen passiert. Er wird weiter daran arbeiten. Bei den jungen Verteidigern, die zum Einsatz kamen, waren auch gute Ansätze feststellbar. Es fehlt aber noch etwas an Kraft und Konstanz. Und wir haben unsere sieben Verteidiger, die für die Meisterschaftsspiele vorgesehen sind. Wir werden mit sieben Backs beginnen. Im Sturm ist der eine oder andere Junior sicher eine Option, darunter auch Elia, der auch gewisse Sachen umsetzen konnte, die wir ihm zur Aufgabe machten. Und ja, mit Thurgau spielte er frech gegen uns und setzte dies im einen oder anderen Vorbereitungsspiel mit uns fort, auch wenn er dann gegen Lugano eher blass blieb. Aber wir wollen ihn und die anderen Jungen behutsam aufbauen. Man kann von diesen jungen Spielern nicht erwarten, dass sie eine ganze Saison lang auf höchstem Level spielen können. Das ist unrealistisch.

Ist das Team auf dem Stand, der Ihnen seit der Amtsübernahme für den Meisterschaftsbeginn vorschwebte?

Es fehlt noch an der Konstanz. Zum Teil haben wir noch happige Schnitzer drin. Da ermöglichen wir durch Eigenfehler dem Gegner hochkarätige Torchancen und bringen uns dadurch selbst in die Bredouille. Das müssen wir abstellen. Denn wir können keine Geschenke verteilen. Dafür ist die Liga zu ausgeglichen. Ich habe aber auch viele gute Sachen gesehen, jetzt brauchen wir einfach die Konstanz im Spiel. Die Situation mit den Verletzten (u. a. fehlt Brandon Gignac mindestens noch zwei Monate, Verteidiger Nicholas Steiner dürfte wohl erst im neuen Jahr wieder einsatzbereit sein – Red.) sorgte dafür, dass das vorgesehene Line-up der ursprünglichen Saisonplanung nicht möglich war. Aber das Team reagierte sehr gut darauf. Viele akzeptieren ihre Rolle und bewährten sich darin.

Sie sind selbst neu als Headcoach. Wie haben Sie die Integration der neuen Spieler erlebt, also von Reto Berra, Raphael Prassl, Michael Hügli, Simon Johansson oder Rückkehrer Arttu Ruotsalainen?

Wir haben eine tolle Leader-Gruppe. Jeder, der neu hierherkommt, wird mit offenen Armen empfangen, wenn er seine Leistung bringt und sich für das Team einsetzt. Dadurch konnten die Neuen wie auch Berra oder Prassl gleich Leadership übernehmen. Auch die nachrückenden Jungen werden bestens integriert. Simon Johansson bildete in der Vorbereitung beispielsweise problemlos mit dem U21-Spieler Philip Moser ein Back-Duo. Es gibt kein Problem, null Diskussion. Die älteren Spieler versuchen, die Jungen besser zu machen. Das ist für mich ein Zeichen für eine gesunde Mannschaft. Und dies bereitet Spass.

Dass Brandon Gignac die ersten Meisterschaftswochen fehlen wird: Inwiefern tangiert das Ihre taktischen Überlegungen und die Spielausrichtung? Center Gignac hatte in der Vorsaison verletzungsbedingt nur die Hälfte der Qualifikation bestritten, realisierte dabei aber den besten Punkt-pro-Spiel-Durchschnitt des gesamten Teams.

Gignac ist einer unserer besten Spieler, wenn er fit ist. Und es tut uns extrem weh, dass wir ihn nicht haben. Und die Center-Position im Team ist nun mal sehr wichtig in dieser ausgeglichenen Liga. Aber wir haben auch grösstes Vertrauen in jene Center, die ihn zuletzt vertraten. Prassl beispielsweise konnte unabhängig von der Besetzung seiner Linie seine Flügel in der Vorbereitung gut führen. Mit Reto Schäppi haben wir einen weiteren erfahrenen Center. Und für Joel Henry ist es ebenso eine grosse Chance, sich auf dieser Position zu präsentieren. Dass wir allenfalls nur mit fünf Imports die ersten Meisterschaftswochen bestreiten, wird auch teamintern akzeptiert und liegt nicht in unserem Einflussbereich. Es wird nicht gejammert. Wir machen das Beste aus dem, was wir haben. Ich hoffe, dass dies unsere Fans auch verstehen.

Apropos gesundes Team: Bei Mischa Ramel registrierte man zum Abschluss der Vorbereitung wieder eine markante Spielfreude.

Er gefällt mir sehr gut. Er hat viel Energie und ist auf gutem Weg. Darauf lässt sich aufbauen.

Was muss abgesehen von der Konstanz über 60 Minuten noch besser werden? Und was sind aber auch die Stärken des Teams?

Das Kollektiv ist sicher die grosse Stärke. Wir haben unser Spielsystem so aufgebaut, dass wir einander gegenseitig eng unterstützen und kompakt sind. Wir wollen immer mehr Spieler um die Scheibe haben als der Gegner. Wir haben auch Spieler, die Spiele entscheiden können. Die können aus dem Kollektiv heraus den Unterschied machen. Daran glaube ich fest. Verbessern müssen wir noch, dass wir offensiv mehr Druck ausüben und gradliniger spielen. Ab und zu besteht noch der Hang, zu viel über aussen zu ­versuchen. Der Weg zum Tor muss noch zielstrebiger und schneller gefunden werden.

Wie lautet Ihre Saisonprognose für Kloten?

Das kann man nicht pauschal sagen. Denn wenn plötzlich fünf Spieler ausfallen, kann sich dies verändern. Aber wir möchten so rasch wie möglich von den Playout-Rängen 13 und 14 wegkommen können. Wenn wir so spielen können, wie wir uns das vorstellen, und Spieler ihre Leistungsgrenze erreichen, dann liegt etwas drin. Ich habe das Gefühl, dass hier noch einige Spieler bislang nicht an ihre Leistungsgrenze gekommen sind. Wenn wir dies schaffen, diese Akteure dahin zu führen, dann habe ich schon das Gefühl, dass wir die Play-Ins oder gar die Playoffs schaffen können. Jedes Spiel in dieser ausgeglichenen Liga kannst du gewinnen, aber auch verlieren. Unter Kontrolle haben wir nur, dass wir selbst unser Maximum geben können.

Unabhängig von der angestrebten Rangierung: Was wollen Sie auf dem Eis sehen und welchen Anspruch wollen Sie erfüllt haben, damit Sie am Ende der Qualifikation von einer erfüllten oder erfolgreichen Saison sprechen könnten?

Grundsätzlich geht es um Mut. Mutig sein, aber nicht dumm. Mut heisst, richtige Entscheide im richtigen Moment zu treffen. Verantwortung übernehmen auf dem Eis, Sachen auf dem Eis fertig machen. Und überzeugt davon sein. Das erfordert Mut und Überzeugung. Dann Leidenschaft für den EHC Kloten zeigen. Ich weiss, dass es viele Menschen gibt, die sich für diesen Klub einsetzen. Und diesen Leuten möchten wir etwas mitgeben, damit sie sich mit uns identifizieren können. Das Resultat haben wir vielleicht nicht immer in unseren Händen, aber unsere Leistung oder unsere Körpersprache schon. Und wenn wir dies umsetzen, ist die Chance auf gute Resultate vorhanden.

Kloten ist aktuell ein Liga-Underdog wie Ambri-Piotta oder Ihr Heimatverein Langnau, wo Sie als Spieler aktiv waren. Worin gleichen oder unterscheiden sich diese drei «Dorfklubs»?

Es ist eine gewisse Bescheidenheit, Bereitschaft, sich füreinander einzusetzen. Und dann die Leidenschaft und die Identifikation zum Klub, das macht gerade auch Kloten speziell. Ich spüre einfach, dass sich viele hier einsetzen, damit wir hier gutes Hockey spielen können. Es ist natürlich schön festzustellen, dass in Kloten der Verein immer noch von der gleichen familiären Ambiance geprägt wird wie zu meinen Zeiten als Spieler hier. Mir war es in Kloten immer wohl. Aber auch wenn es familiär ist, heisst das nicht, dass wir uns nicht auch hohe Ziele setzen, nach vorwärts streben und das Beste herausholen wollen. Man darf sich selbst sein hier, was aber nicht mit Bequemlichkeit zu verwechseln ist.

 

Mit drei Finnen-Toren zur Wende

Dem EHC Kloten ist der Saisonstart geglückt. Die Flughafenstädter machten bei den Rapperswil-Jona Lakers aus einem 1:3-Rückstand (27. Minute) einen 4:3-Sieg nach Verlängerung.

Dabei ebnete der zu Klotens Best Player gekürte Rückkehrer Arttu Ruotsalainen mit seinen Treffern zum 2:3 und 3:3 den Weg zur Wende, die dann sein finnischer Landsmann Petteri Puhakka nach 65 Sekunden in der Overtime perfekt machte. «Wir zeigten schon in den Vorbereitungsspielen eine starke Moral nach Rückständen», betonte Dario Meyer nach der Partie gegenüber «MySports». Klotens Captain hatte seine Farben selbst früh mit 1:0 in Führung gebracht.

Elia Linigers Debüt

Bei Kloten feierte Linigers Sohn Elia auch wegen mehrerer verletzungsbedingter Absenzen im Sturm (Brandon Gignac sowie die Meier-Zwillinge Simon und Rafael) ein gelungenes National-League-Debüt. Der 18-Jährige erhielt 10:17 Minuten Eiszeit. Zudem stand Klotens Königstransfer Reto Berra erstmals für Kloten zwischen den Pfosten. Der langjährige Schweizer Nationalkeeper realisierte 23 Paraden. Für Kloten folgt nun am Freitag der Heimauftakt mit dem Spiel gegen Lugano, gegen das man erst gut eine Woche davor den Kickoff-Event zum Abschluss der Vorbereitung verzeichnete (2:1-Sieg nach Verlängerung). Dass Kloten so früh in der Meisterschaft gegen vorherige Testspiel-Gegner wie Lugano und am Dienstag gegen die Lakers (7:1-Sieg im August in der Vorbereitung) antritt, ist darauf zurückzuführen, dass Vorbereitungsspiele schon deutlich vor der Veröffentlichung des Spielplans fixiert werden müssen.

in Kürze  

Kloten will Wolf und Meier-Zwillinge halten

Klotens Sportchef Ricardo Schödler bestätigte in einer Online-Befragung für Fans, dass der Klub die Gespräche für Vertragsverlängerungen im Falle der beiden Stürmer und Zwillingsbrüder Simon und Rafael Meier (21) sowie mit Bernd Wolf (29), dem österreichischen Nationalverteidiger mit Schweizer Lizenz, aufgenommen habe. Die Verträge des Trios laufen am Saisonende aus. Nicht auszuschliessen, dass bereits im ersten Saison-Heimspiel vom Freitag gegen Lugano eine entsprechende Erfolgsmeldung von Kloten kommt.

Experten trauen Kloten nicht allzu viel zu

Bei der Mehrheit der Expertenmeinungen in den Medien wird Kloten zum Ende der 52 Runden umfassenden Qualifikation in der Vorsaison-Klassierung im 12. Rang eingestuft. Einzelne Fachleute sehen Kloten immerhin im 10. Rang und damit im Play-In. Von den beiden SRF-Experten Marc Reichert (12. Rang) und Christian Weber (13. Rang und damit Playout) wird dies den Zürcher Unterländern indes nicht zugetraut. Der «Klotener Anzeiger» sieht es deutlich optimistischer und denkt, dass im Optimalfall mit nicht allzu vielen Verletzungsausfällen von Schlüsselspielern eine Qualifikation wie vor zwei Jahren (7. Rang) im Bereich des Möglichen ist. Und Kloten möglicherweise gar um den 6. und letzten Playoff-Direktplatz mitkämpfen könnte.

Bereits am Samstag folgt für die Flughafenstädter das Auswärtsspiel in Prun­trut gegen Ajoie, ehe am Dienstag gegen den SC Bern das zweite Heimspiel der Saison im Programm steht.  Richard Stoffel