Mit Disziplin und Hakentritt Richtung Weltspitze
Die aus Kloten stammende Almina Arifagic gehört zu den grössten Schweizer Karate-Hoffnungen. Die 16-Jährige trainiert bei Elena Quirici, hat bereits international auf sich aufmerksam gemacht und arbeitet nun an den Details, die sie bis ganz nach oben bringen sollen.
Unzimperlich und mit Atemtonalität drischt Almina Arifagic mit Beinkicks auf die auf Kopfhöhe platzierten Pratzen von Trainerin Elena Quirici ein. Die Wucht des Aufpralls erschüttert auch die Fast-Olympiamedaillengewinnerin von Tokio 2021 und berühmteste Karateka der Schweiz.
Der Tritt hat es in sich. Kampftechnisch betrachtet ist Arifagics Stärke der Ura-Mawashi-Geri, der als «Halbkreisfusstritt rückwärts» oder «Hakentritt mit dem Bein» bezeichnet wird. Bei der Ausführung wird das Knie erst gestreckt und zieht sich dann im letzten Moment wie ein Haken zum Gesäss zurück, um die maximale Wucht mit der Ferse ins Ziel zu bringen – meist in Richtung Kopf des Gegners.
Gleichzeitig zählt sie zu den besten europäischen Kumite-Kämpferinnen ihres Jahrgangs. Arifagic stammt aus einer richtigen Sportlerfamilie. Ihre Mutter spielte Volleyball, ihr Vater Basketball, beide auf Hobby-Level. Ihr Bruder Emin (14) wiederum boxt im BC Glattbrugg.
Mit fünf Jahren zum Karate
Arifagic selbst begann bereits als Fünfjährige mit dem Karate. Den ersten Kontakt hatte sie während der Sommerferien im Kindergarten. Damals gab es für die Kinder die Möglichkeit, eine Woche lang bei einer Sportart reinzuschnuppern. Ihre Eltern fanden Karate eine gute und zukunftsgerichtete Möglichkeit, auch wegen der Selbstverteidigung.
Als Kindergärtlerin bekam Almina vor Ort bereits mit, dass man sich beim Karate eine Stunde lang auf Koordinationsübungen konzentrieren musste. Das faszinierte sie, auch wenn es noch mehr um Disziplin als um Karate ging. «Ich bin diszipliniert, gebe nie auf und setze mir hohe Ziele», nennt sie als ihre persönlichen Stärken. Diese Disziplin ist längst Teil ihres Alltags. Zehn bis elf Trainings pro Woche absolviert Arifagic seit eineinhalb Jahren. Ansonsten befindet sie sich im zweiten Jahr an der United Sport School in Zürich, wo sie die KV-Lehre absolviert.
Von Kloten ins Nationalteam
Acht Jahre trainierte Arifagic in Kloten, dann zwei Jahre in Schwamendingen. Seit zwei Jahren und seit ihrer Zugehörigkeit zum Nationalteam trainiert sie bei Quirici in Windisch am Bahnhof Brugg sowie in deren zweitem Gym in Schinznach Dorf. Sporadisch hatte Arifagic die immerhin fast 40 Kilometer weite Anfahrt von Kloten schon früher auf sich genommen. Seit 2024 ist es nun fester Bestandteil ihres Wochenpensums.
«Sie ist ruhig, hat einen grossen Durchhaltewillen, will immer besser werden. Sie ist sehr ambitioniert und weiss sehr gut, was sie will und was nicht.»
Qualitativ ist Quiricis Training so hochwertig, dass beispielsweise auch irische Nationalteam-Angehörige ihren Wohnsitz in die Schweiz verlegt haben, um unter ihr und ihrem Lebenspartner Raul Cuerva Mora trainieren zu können. Für Arifagic ist das Training im Aargau eine entscheidende Station auf ihrem Weg. «Es war ein Traum für mich, unter Elena trainieren zu können. Sie ist mein Vorbild. Ich profitiere hier von der hohen Intensität und den physischen Anforderungen, die gestellt werden. Wir arbeiten auch im physischen Bereich, an der Explosivkraft. Dann an biometrischen Sachen. Und natürlich taktisch technisch ist man ebenso gefordert. Raul und Elena pushen einen und nehmen sich aber auch Zeit für einen. Und es werden wirklich Situationen geübt, die im Kampf vorkommen können. Auch trainiere ich hier mit zahlreichen anderen Top-Karatekas.»
Quirici weiss, was es braucht
Ihre Trainerin Elena Quirici weiss aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, sich an die Weltspitze vorzuarbeiten. Bei Tokio 2021 hatte sie beim bislang einmalig gebliebenen Olympia-Debüt von Karate einen Medaillengewinn nur knapp und aufgrund eines fragwürdigen Modus verpasst.
Die mehrfache Kumite-Europameisterin und WM-Medaille-Gewinnerin bis 61 kg hat die bitteren Stunden von Tokio heute aber verdaut und ist selbst auf ihren Folgeweg stolz, der sie unter anderem längere Zeit zur Weltnummer 1 machte. «Ich bin noch in der besten Form meines Lebens, seit ungefähr drei Jahren.» Andere wurden gar nach Mitte 30 noch Karate-Weltmeister. Wichtig sei, dass man auf den Körper achte. Beispielsweise, dass Schnellkraftübungen in jungen Jahren noch ohne Gewicht gemacht werden, auch wenn Letzteres einen schnelleren Leistungssprung geben könnte. «Doch langfristig könnte dies zu Problemen führen», weiss Quirici.
Auch in der Arbeit mit Arifagic geht es deshalb nicht nur darum, möglichst schnell möglichst viel Leistung herauszuholen. Der Körper soll langfristig aufgebaut werden.
Die EM zeigte, wie nah sie dran ist
Das Training unter Quirici zahlt sich auch für Arifagic aus. Den bislang grössten Erfolg verbuchte sie im letzten Februar. Sie gewann zunächst alle drei Kämpfe der Gruppenphase und setzte sich auch im anschliessenden Viertelfinal durch. Im Halbfinal verlor sie gegen die damalige Weltnummer 1 aus Schottland denkbar knapp 0:1.
«Am Tag vor der EM fühlte ich mich gut. Schliesslich wurde es von Runde zu Runde besser.» Im Halbfinal kassierte sie den entscheidenden Punkt mit einer Kontertechnik. Im Kampf um eine der beiden Bronzemedaillen lag Arifagic zunächst mit 0:4 zurück, ehe sie noch auf 3:4 herankam. «Ich wartete etwas zu lange.» Manchmal traut sie sich im Kampf eine Spur zu wenig zu, startet eine Aufholjagd wie zuletzt an der U18-EM etwas zu spät. Das will sie ändern. Fast alle vor ihr klassierten Athletinnen sind ein Jahr älter als Arifagic. Dadurch wird sie an der nächstjährigen EM der U18-Kategorie zu den Topfavoritinnen zählen. «Das nehme ich gerne an», sagt sie selbst und lächelt gelassen. Demut ist gut, zu wenig Selbstvertrauen aber kann in entscheidenden Momenten zur verpassten Chance und damit zur Niederlage in einem engen Duell führen. Deshalb sagt Arifagic: «Beim Selbstvertrauen muss ich noch zulegen.» Und technisch betrachtet an der Explosivität ebenso, dem blitzschnellen bis instinktivem Erfassen des Distanzhandlings im Zweikampf. Arifagic war zunächst tageweise im Training, dann immer mehr. Inzwischen trainiert sie täglich im Aargau, an manchen Tagen zweimal.
«Sie war einer meiner grössten Fans. Sie begann tageweise, dann immer mehr. Jetzt trainiert sie täglich mit uns, an manchen Tagen zweimal. Sie ist mit uns quasi aufgewachsen, vom Mädchen zur Teenagerin geworden und ist jetzt eine junge Frau. Auch ihre Persönlichkeit hat sich entwickelt. Und es ist natürlich schön für uns, dass sie und ihre Eltern uns dieses Vertrauen schenken», so Trainerin Qurici. Sie sieht in Arifagic auch eine jüngere Version ihrer selbst. «Almina hatte lange einen Knopf, da sie nicht an sich glaubte. Sie erinnert mich auch fest an mich selbst, als ich so jung war. Sie ist ruhig, hat einen grossen Durchhaltewillen, will immer besser werden. Sie ist sehr ambitioniert und weiss sehr gut, was sie will und was nicht. Nun sehe ich auch, dass sie langsam mehr Selbstvertrauen hat. Und das gefällt mir sehr. Mir gefällt sie sehr, aber ich muss aufpassen, dass ich sie nicht zu sehr lobe. Aber ich sah selten ein Mädchen, das so hart trainiert und entschlossen ist, sein Bestes zu geben.»
Langfristig aufbauen
Bei allen sportlichen Ambitionen steht für Quirici die langfristige Entwicklung im Vordergrund. Arifagic soll gesund bleiben und Freude an ihrem Sport behalten. «Langfristig ist das Ziel, dass sie gesund bleibt, und wir streben langfristigen Erfolg an. Wir wollen sie nicht verheizen. Sie soll körperlich und mental noch lange Freude an diesem Sport haben und auch nach ihrer Karriere noch gesund sein.» Das sportliche Ziel ist dennoch klar: «Sie langfristig an die Weltspitze zu führen, um sie dort zu halten.»
Auch beim Selbstvertrauen will Quirici keine Abkürzung nehmen. «Es soll kein Fake aufgebaut werden, es soll von innen heraus kommen. Sie sieht hier auch andere Athletinnen, von denen sie vielleicht schon geschlagen wurde. Wenn sie diese aber im Training sieht, stellt sie fest, dass diese keineswegs über ihrem Level stehen.»
Stark bei der Explosivität
Der Alltag der 16-Jährigen ist entsprechend dicht. Im Nationalteam stehen jeweils bei Zusammenzügen physische Tests im Programm. Unter anderem zählen beispielsweise dreieinhalb Minuten Plank zu den Anforderungen.
Ihre persönliche Stärke ist das Medizinball-Weitwerfen, in dem sie für ihre Altersklasse die Maximalpunktzahl erreichte. Die Zusammenzüge im Nationalteam sind immer in Zuchwil. Der Kalender ist voll: Die Saison ist von Februar bis Juni sowie von Ende August bis in den Dezember. Turniere, nationale und internationale Titelkämpfe sowie Kaderzusammenzüge und Tests stehen da unter anderem drin.
Bei Quirici wird Arifagic in Einzel-, Kleingruppen- und Gruppentrainings geschliffen und aus der Komfortzone geholt. Gleichzeitig soll sie lernen, Situationen im Kampf schneller und instinktiver zu erfassen.
Aktuell bereitet sich Almina Arifagic auf die U18-WM von Mitte Oktober in Polen vor. Dort will sie ihr starkes EM-Abschneiden im Limit bis 66 kg bestätigen. An der WM will sie in Topform antreten. «Einfach meine Leistung abrufen können», fordert sie von sich selbst. Dafür arbeitet sie weiter an den Details. Der Hakentritt ist ihre Spezialität, im Zweikampf soll sie Distanzen noch schneller erfassen. Vor allem aber will sie in entscheidenden Momenten mehr an sich glauben.
Ein Traum mit fünf Ringen
Und langfristig darf sogar von Olympia geträumt werden. Ein grandioses Ziel wären die Olympischen Spiele, falls Karate 2032 für Brisbane wieder ins Olympia-Programm aufgenommen würde. Der Entscheid fällt 2027 durch das IOC.
Karate gilt mit seiner Olympia-Erfahrung von 2021 in Tokio zwar als ein aussichtsreicher Bewerber, muss sich aber gegen Sportarten – unter anderem Cricket, Surf Lifesaving, einen Rettungssport am Strand oder Netball – durchsetzen, die im australischen Markt und beim IOC in puncto TV-Quoten und Jugendvermarktung derzeit teilweise bessere Karten haben.
Für Arifagic ist das noch weit weg. Doch der Weg dorthin beginnt schon jetzt: mit harter täglicher Arbeit, internationalen Wettkämpfen, der nächsten Herausforderung in Polen. Und vor allem mit dem wachsenden Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Der sportliche Weg soll langfristig in die Weltspitze führen. Und irgendwann vielleicht nach Brisbane.