Michael Liniger: «Ich coache nicht für die Kamera»

Richard Stoffel

Klotens neuer Trainer Michael Liniger: Der EHC Kloten hat seinen neuen Headcoach vorgestellt. Der «Klotener Anzeiger» sprach knapp eine Woche nach der Trainerrochade mit ihm. Lauri Marjamäki wechselte zu Zug – mit dem neuen starken Mann an der Bande.

Der heute 46-jährige Liniger stürmte zwischen 2007 und 2016 für Kloten und gehörte zu den Führungsspielern. Der damalige Center war auch Teil des Captain-Teams. «Liniger kennt die DNA des Klubs, die Limiten und das anspruchsvolle Umfeld», urteilte die NZZ zu seinem Engagement.

Gleichzeitig bringt er eine klare eigene Haltung mit: Nähe zu den Spielern, hohe Ansprüche. Aber keine Show an der Bande. Seine Identifikation und seine ­Loyalität seien tiefer verwurzelt als jene seines Vorgängers, der in Interviews gegenüber dem «Klotener Anzeiger» oft von einer langfristigen Ausrichtung und einem «Prozess, an den ich glaube», gesprochen hatte.

Liniger selbst hatte schon wiederholt mit Kloten Gespräche geführt, als er vor einigen Jahren noch Headcoach bei den GCK Lions war und das Farmteam der ZSC Lions in seinen fünf Saisons Schritt für Schritt besser machte.

Victor Stancescu, der frühere Captain und Präsident des Vereins des EHC Kloten (nicht zu verwechseln mit Verwaltungsratspräsident Jan Schibli), war eine der Personen aus dem Umfeld der Flughafenstädter, die weiterhin Kontakt mit Liniger hielten. Ebenso Patrick von Gunten, der wie Stancescu im Veteranenteam von Kloten spielt und nach der Heim-WM als Sportdirektor im Verband tätig sein wird.

Für Liniger passte seinerzeit das Timing für den nächsten Schritt als Headcoach noch nicht (u. a. auch Freigabe fehlte mal). Als sich dann die Möglichkeit ergab, bei Zug zwei Jahre als Assistent zu arbeiten, griff er zu und stieg nach dem Weggang von Dan Tangnes zum Headcoach auf. Zehn Niederlagen in Folge bedeuteten für Liniger am 21. Januar das Aus – unmittelbar vor einem Meisterschaftsspiel beim EHC Kloten, bei dem Zug unter neuer Verantwortung die Negativserie beendete. «In den Playoffs war ich dann als Beobacher wieder voll dabei», so Liniger, der das Aus in Zug erst verkraften musste. Im Interview schildert er unter anderem auch diese harte Zeit. 

Wie agiert Michael ­Liniger als Trainer an der Bande?

Klar kann ich auf der Teambank justieren. Aber ich coache nicht für die Kamera. Entscheidend ist, was dem Team hilft – nicht, was von aussen sichtbar ist. Wenn man sich in der National League oder auch in Nordamerika umschaut, macht ein Coach selten den Hampelmann. Es kommt sehr auf die Situation des Teams an, wie man sich verhält. Josh Holden reagierte im Playoff-Final gegen Fribourg-Gottéron konsequent, als sich sein Spieler Lemieux bei den Schiedsrichtern beschwerte. Hingegen bringt es nichts, Fehler zu korrigieren, die alle im Stadion sehen. Dann bin ich auf dem falschen Weg. Ich will auf Dinge hinweisen, die nicht jeder sieht.

Von welchen Trainern oder Persönlichkeiten lassen Sie sich inspirieren?

Es gibt verschiedene Beispiele. Jon Cooper etwa, der seit 2013 die Tampa Bay Lightning betreut und zwei Stanley Cups gewann. Er ist nah bei den Spielern und schafft es trotzdem, die Mannschaft auf den Punkt zu bringen und mit Stars umzugehen. Auch Christian Streich finde ich ex­trem spannend – seine Art, seine ­Authentizität, seine Interviews. Ich kann aber auch von Führungspersonen ausserhalb des Sports viel mitnehmen.“

Sie arbeiteten in Zug mit Leonardo Genoni zusammen…

«Leonardo Genoni hat mich extrem beeindruckt. Seine Professionalität ist aussergewöhnlich. Wie er schon in die Garderobe kommt, wie vorbereitet er ist, wie er sich in den Dienst der Mannschaft stellt – seine Bereitschaft, besser zu werden, ist für mich unerreicht. Nach meiner Entlassung erhielt ich viel Feedback. Nicht alles war relevant für mich. Aber das von Leonardo war mir wichtig. Er sagte mir, dass er jeden Tag Freude am Eishockey hatte und die Zusammenarbeit schätzte. Das bedeutet mir viel. Reto Berra wird ein Eckpfeiler in dieser Mannschaft sein. Ich hoffe, dass er meine Ansichten in die Mannschaft tragen kann – und dass er die gleiche Freude am Training und am Spiel entwickelt, wie ich sie bei Leonardo erlebt habe.“

Die Entlassung in Zug war eine harte Schule für Sie?

«Ja, es war eine sehr harte Zeit. Ich wollte zwei bis drei Wochen nichts mehr wissen von mir. Ich hatte auch Kontakt mit Ludovic Magnin. Es war eine grosse Enttäuschung und hat Selbstvertrauen gekostet. Aber ich hatte ein Umfeld, das mich stützte. Man lernt viel durch solche Erfahrungen. Ich bin heute ein besserer Coach. Ich bin etwas perfektionistisch veranlagt, da passieren Fehler – aber solche, aus denen ich lerne. In Zukunft werde ich gewisse Dinge anders angehen, auch in der Kommunikation nach aussen. Jeder Coach braucht Unterstützung. Hier spüre ich grosses Vertrauen. Die Organisation weiss, welchen Weg sie gehen will – und ich auch.

Authentisch wollen Sie bleiben.

Ich bin authentisch und will authentisch bleiben. Ein Headcoach-Job ist mit Druck verbunden. Fehler werden passieren – bei mir, beim Sportchef oder bei anderen. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Dass man sich gegenseitig hilft, sie auszubügeln. Und dass man offen anspricht, was gut ist und was nicht. Ich will mich als Coach weiterentwickeln, aber auch an meiner Persönlichkeit arbeiten.

Wie ist Ihr eigener Führungsstil?

Ich bringe meinen eigenen Führungsstil mit, der sich in gewissen Punkten von jenem von Lauri Marjamäki unterscheidet. Aber klar ist: Kloten war unter ihm sehr gut strukturiert. Das werden wir weiterführen. Wir haben kreative und schnelle Spieler. Mein Stil basiert auf Respekt und Wertschätzung. Ich pflege einen empathischen Umgang, fordere die Spieler aber auch konsequent. Ich habe neun Jahre hier gespielt, meine Familie ist hier verwurzelt. Das ist für mich eine emotionale Geschichte.

Sie hatten auch andere Optionen?

Es gab andere Möglichkeiten, auch als Assistent. Headcoach-Positionen waren dagegen rar.

Sie kennen einige der neuen Spieler bereits, Neuzugang Raphael Prassl oder Joel Henry beispielsweise aus Ihrer Zeit als Spieler und Coach bei den GCK Lions. Und mit den Assistenten sprachen Sie schon? 

Ich habe mit den Assistenten bereits gesprochen, mit Marcel werde ich das in der nächsten Woche noch vertiefen. Wichtig ist für mich, dass ich von allen das Commitment spüre. Und zwar die Freude auf die Zusammenarbeit hier in Kloten und mit mir.

 

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