Lügen haben kurze (oder gar keine) Beine

Friedjung Jüttner Dr. phil., Psychotherapeut

Gelogen wurde schon immer. Neu ist, dass es manchen Politikern egal ist, wenn sie dabei ertappt werden, schreibt Kolumnist Friedjung Jüttner.

Vor über 60 Jahren hat – oder soll – der Bayern-Politiker Franz-Josef Strauss das deutsche Parlament angelogen haben. Ich habe mich damals darüber entsetzt. Lügen fand ich eines christlichen Politikers für unwürdig. Der Mann war für mich untendurch.

Zwei Tage bevor Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, wurde der russische Aussenminister Sergei Lawrow von einem Journalisten darauf hingewiesen, dass russische Panzer und Kriegsfahrzeuge an der ukrainischen Grenze zusammengezogen würden. Lawrows Antwort war: «Davon weiss ich nichts.» Diese kaltschnäuzige Lüge regte mich damals auf.

Vor wenigen Tagen beklagte sich dieser Lawrow im Fernsehen darüber, dass sein Land von den Ukrainern angegriffen werde. Ich ärgerte mich nicht mehr über diese plumpe Verwechslung von Täter und Opfer, ich musste laut herauslachen.

Diese Lüge war so offensichtlich, dass man sagen müsste, sie hatte keine kurzen, sondern gar keine Beine. Es gab keine Laufzeit, hinter der sie sich verstecken konnte.

Gelogen wurde ja schon immer. Nicht nur unter den Politikern. Für mich war Lügen der Versuch, in einer unangenehmen Situation meine Haut zu retten. Und es war oberpeinlich, dabei erwischt zu werden. Für Lawrow – und nicht nur für ihn – ist Lügen ein legitimes Mittel, um Politik zu machen. Dass der Westen ihn durchschaut und ihn des Lügens überführt, ist ihm egal. Hauptsache seine Landsleute fallen auf seine Propaganda herein.

Lügen ist in unserer Zeit hoffähig geworden. Leider. Es verunsichert. Ich weiss oft nicht mehr, ob Wahrheit wirklich Wahrheit ist. Manchmal tröste ich mich mit den Gedankenspielen der Sophisten aus dem alten Griechenland, die sich ein Vergnügen daraus machten, das Dilemma von wahr oder nicht wahr mit zwei Sätzen wie die beiden folgenden zu verdeutlichen: «Der nächste Satz ist falsch. Der vorherige Satz ist wahr.»