Kriege formten unser Selbstbild

pd./pat.

Kriege erscheinen oft als ferne Ereignisse. Doch sie prägen auch die Schweiz. Die neue Ausstellung «Wir und der Krieg» im Landesmuseum zeigt, wie Konflikte seit Jahrhunderten das Selbstverständnis, die Politik und den Alltag beeinflussen.

Wir erleben Tage voller Ungewissheiten. Ob Iran oder Ukraine – man fragt sich, wohin sich die Welt entwickelt. Bilder von Krieg aus gefühlt allen möglichen Weltregionen erreichen uns täglich über Nachrichten und Social Media. Doch auch in der Schweiz sind Kriege Teil der eigenen Geschichte und Gegenwart.

Konflikte lösten Krisen aus

Die neue Ausstellung «Wir und der Krieg» im Landesmuseum Zürich beleuchtet, wie Kriege seit dem Spätmittelalter Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz prägen. Sie zeigt, wie Konflikte identitätsstiftende Prozesse auslösen, wirtschaftliche Abhängigkeiten verschieben oder soziale Spannungen verstärken. «Dabei wird deutlich, dass Kriege nicht nur militärische Ereignisse sind, sondern weitreichende Auswirkungen auf Alltag, Kultur und politische Entscheidungen haben», so das Landesmuseum. Ein Schwerpunkt liegt laut Mitteilung auf der Frage, wie Krieg das Selbstbild der Schweiz formte. Mythen um den Rütlischwur, Wilhelm Tell oder Arnold von Winkelried wurden über die Jahrhunderte zu symbolischen Erzählungen von Freiheit und Einigkeit. Gleichzeitig entstanden wirtschaftliche Verflechtungen durch Solddienste oder später durch die Rüstungsindustrie.

Konflikte führten auch zu sozialen Veränderungen: Sie lösten wirtschaftliche Krisen und Protestbewegungen aus, beeinflussten Migration und verschoben Geschlechterrollen. Zugleich entwickelte die Schweiz politische Handlungsspielräume, etwa durch Neutralität, humanitäres Engagement und Friedenspolitik. «Zahlreiche historische Objekte machen diese Zusammenhänge sichtbar», so das Landesmuseum weiter. Eine erstmals in der Schweiz gezeigte Tapisserie zur Schlacht bei Pavia von 1525 – eine äusserst kostbare Leihgabe aus Neapel – stellt etwa die Flucht eidgenössischer Truppen dar und hinterfragt damit den Mythos militärischer Unbesiegbarkeit. Drei unterschiedliche Darstellungen der Schlacht bei Murten (1476) – ein Historiengemälde, ein Schulwandbild und eine Fotografie des ehemaligen Schlachtfelds – zeigen, wie sich Erinnerung und nationale Deutung im Laufe der Zeit verändern.

Das Geschäft mit dem Solddienst

Auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte werden gemäss Kommuniqué anhand von Exponaten deutlich: Mannschaftsrodel, Münzen und Entlassungsurkunden verweisen auf das Geschäft mit dem Solddienst, während Fotografien und Handbücher aus der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon oder der Waffenfabrik Solothurn die Rolle der Schweizer Rüstungsindustrie im 20. Jahrhundert dokumentieren.

Weitere Objekte– etwa ein Maschinengewehr und eine Gewerkschaftsfahne aus der Zeit des Landesstreiks von 1918, Uniformen aus dem Aktiv- und Frauenhilfsdienst oder Pläne und Fotografien militärischer Anlagen im Alpenraum – verdeutlichen, wie eng Krieg, Gesellschaft und Politik miteinander verflochten sind.

Den Abschluss bildet laut Mitteilung die Videoinstallation «Repeat after Me». Darin ahmen ukrainische Geflüchtete die Geräusche von Schüssen, Artillerie und Sirenen nach. Eine eindringliche Erinnerung daran, dass Krieg nicht nur Geschichte ist.

Ausstellung bis 17. Januar 2027: www.landesmuseum.ch/krieg