«Jeder kann Opfer eines Betrügers werden»

Karin Steiner

Cyberkriminalität ist weit verbreitet. Per Telefon, SMS oder E-Mail versuchen Gauner an sensible Daten und Geld zu kommen. Wie man betrügerische Anrufe oder Nachrichten erkennt und wie man reagieren soll, erläuterte Marco Schnyder von der Kantonspolizei Zürich in einem spannenden Referat.

«Wer von Ihnen hat schon einmal einen Telefonanruf mit dubiosem Inhalt bekommen oder eine Mail, in der Sie aufgefordert wurden, einen Link zu drücken?», fragte Marco Schnyder, Sicherheitsberater der Kantonspolizei Zürich, die rund 30 Anwesenden, die der Einladung der Anlaufstelle 60+ gefolgt waren und im Alterszentrum Gibeleich gespannt auf das Referat des Fachmanns warteten. Alle Hände schnellten gleichzeitig empor.

Klassischer Enkeltrickbetrug

Leider sind oft ältere Personen betroffen, die im Umgang mit modernen Kommunikationsformen weniger gewandt sind als jüngere. «Aber das Vorgehen ist im Prinzip immer dasselbe», sagte Marco Schnyder. Erst werden im Opfer starke Emotionen wie Angst, Sorge und Hilfsbereitschaft geweckt. Das hat zur Folge, dass das rationale Denken ausgeschaltet ist. Dann wird betont, dass alles streng geheim bleiben muss und schliesslich muss sehr schnell gehandelt werden, so dass dem Opfer keine Zeit zum Nachdenken bleibt.

Der klassische Fall ist der Enkeltrickbetrug, den Marco Schnyder anhand eines kurzen Films eindrücklich präsentierte. Das Telefon klingelt, die Frau nimmt ab und hört verzweifeltes Schluchzen am anderen Ende. Dem Gestammel kann sie entnehmen, dass es sich um die Tochter handelt, die einen schweren Autounfall gebaut hat. Bevor ein Gespräch mit der «Tochter» zustande kommt, meldet sich ein Polizist, der verkündet, die Tochter habe einen Unfall mit Todesfolge verursacht und komme nun wegen fahrlässiger Tötung in Untersuchungshaft. Es sei denn, die Mutter bezahle in den nächsten Stunden 100 000 Franken Kaution.

«Mir ist das genau so passiert», verkündete eine Frau aus dem Publikum. «Aber ich habe den vermeintlichen Polizisten dann gefragt, wie meine Tochter denn heisse, und darauf hat er das Telefon beendet.» Keine schlechte Reaktion.

Schnyder sagt dazu: «In der Schweiz werden keine Kautionen verlangt. Sollte es bei einem Unfall Verwundete geben, ist dafür stets die Krankenkasse zuständig und nicht ein Angehöriger.»

60 Prozent weniger Erfolg

Eine weitere Masche ist die «falsche Polizei», die verkündet, dass im Quartier eine Einbrecherbande unterwegs sei und das Geld auf der Bank nicht mehr sicher sei. Deshalb solle man es sofort abheben und dem Personal auf der Bank keinesfalls verraten, weshalb man das Geld benötige. Anschliessend werde das Geld von einem Kurier zu Hause abgeholt. «Das ist natürlich Unsinn», sagte Marco Schnyder. «Kein Polizist agiert als Geldkurier.»

«Die Täter bringen im richtigen Moment die richtige Geschichte.»

Aber jeder könne Opfer eines solchen Betrugs werden, so Marco Schnyder. «Die Täter bringen im richtigen Moment die richtige Geschichte.» Von 13 805 gemeldeten Straftaten im letzten Jahr hatten die Betrüger 60 Prozent weniger Erfolg. Wobei die Dunkelziffer viel höher liegen dürfte, weil die Leute sich schämen, den Vorfall zu melden.»

Eine weitere Masche, die auf den Säulen Angstmacherei, strikte Geheimhaltung und sofortiges Handeln beruht, ist die «falsche Bank», die sich meldet und verkündet, dass dubiose Kontobewegungen festgestellt wurden. Um den notwendigen Support leisten zu können, werden Daten wie PIN, Passwort, SMS-Sicherheitscode, Kreditkartendaten oder ein Fernzugriff verlangt.

Falsche Absenderadresse

Eine beliebte Methode im Bereich der Cyberkriminalität ist das so genannte Spoofing, das auf Deutsch so viel wie Täuschung oder Verschleierung bedeutet. Dabei verbergen die Kriminellen ihre wahre Identität hinter einer für das Opfer bekannten Person oder Institution. So erscheint der Telefonanruf, das Mail oder die SMS-Nachricht als vertrauenswürdige Botschaft mit einem bekannten Absender. «Jeder Betrüger kann eine falsche Absenderadresse anzeigen», sagt Marco Schnyder. So erscheint zum Beispiel auf dem Display bei einem Anruf «Polizei 117», was beim Empfänger erst einmal einen Schrecken auslöst. «Eine Anzeige ist kein Beweis dafür, dass der Anruf tatsächlich von dieser Person kommt. Mein Tipp: Anruf nicht entgegennehmen und selber zurückrufen.» Seit Juli 2026 warnen auch die Telefonanbieter vor missbräuchlichen Nummern. So erscheint bei Swisscom etwa die Nachricht «Potenzieller Betrug» und bei Sunrise und Salt kann es «Anonymer Anruf» heissen. Leider kann auch die Polizei diese Nummern nicht zurückverfolgen, weil sie oft aus dem Ausland kommen und nicht stimmen.

Plötzlich neue Handynummer

In jüngster Zeit haben manche Eltern ein SMS von ihren angeblichen Sprösslingen erhalten, in dem verkündet wird, dass das Handy verloren gegangen ist und sie jetzt über eine neue Nummer verfügen. Per Whatsapp sollen die Eltern diese Nummer bestätigen. Was darauf folgt, sind nichts anderes als Geldforderungen, weil das Kind in finanzieller Not ist. Wer eine solche Nachricht erhält, tut gut daran, sein Kind sofort auf der alten Nummer anzurufen, und er wird nicht erstaunt sein, dass alles nach wie vor perfekt funktioniert.

Dank KI ist es heute problemlos möglich, Stimmen exakt zu imitieren. «Aber eine Stimme allein ist kein Beweis», betonte Schnyder. «Gerade wenn es um Geldüberweisungen geht, sollte man den Anruf beenden und die Person selber zurückrufen, um sicher zu gehen, dass es sich um die Person handelt, als die sie sich ausgibt.»

Verbreiteter E-Mail-Betrug

Gefährlich sind so genannte Phishing-Mails. Sie geben vor, von Banken, Paketdiensten oder Behörden zu sein, und versuchen via Link, der gedrückt werden muss, an sensible Daten wie Passwörter, Kreditkartennummern oder Zugangsdaten für das Online-Banking zu gelangen. «Häufig kommt zum Beispiel die Nachricht, dass man etwas gewonnen hat. Das Porto für die Zustellung muss jedoch selber bezahlt werden. Um die Bezahlung auszulösen, muss der Link gedrückt werden», erklärt Marco Schnyder. «Und schon ist der Betrüger im Besitz der Kontodaten.»

Ähnlich funktioniert auch Smishing. Hier werden per SMS oder Messenger-Dienste zum Beispiel Krankenkassen-Rückzahlungen in Aussicht gestellt oder eine Aktualisierung des SwissPass-Kontos verlangt. «In jedem Fall ist es wichtig, Zweitpersonen hinzuzuziehen, wenn man über eine Nachricht oder einen Anruf verunsichert ist», so Marco Schnyder. «Man sollte niemanden belächeln, der hereingefallen ist. Denn es kann jedem passieren.»

Zum Verlust kommt das Schämen

Wer hereingefallen ist und betrogen wurde, schämt sich und erzählt das Erlebnis nicht gerne weiter. So erging es auch einer Frau, die ihren Namen nicht bekannt geben möchte. Sie erhielt ein Mail von einer guten Freundin, die sich ihr anvertraute, dass sie schwer an Krebs erkrankt sei, dies solle aber geheim bleiben. Momentan befände sie sich in einer Klinik. Um die dringendsten Rechnungen bezahlen zu können, benötige sie Geld. Die hilfsbereite Frau schickte ihr sofort das Gewünschte aufs Handy. Erst als die zweite Geldforderung kam, wurde sie stutzig, rief die Freundin an und erreichte sie bei bester Gesundheit.

Auch hier handelte der Täter nach demselben Prinzip: Emotionen wecken, auf Verschwiegenheit pochen und sofort Geld fordern.

 

So schützen Sie sich

  • Anrufe von unbekannten Nummern nicht entgegennehmen.
  • Im Zweifel auflegen und die Person oder Stelle selbst unter der bekannten Nummer anrufen.
  • Die Polizei holt nie Geld ab. In der Schweiz werden keine Kautionen verlangt.
  • Ruft angeblich die Bank an: auflegen und selbst bei der Bank nachfragen.
  • Eine angezeigte Nummer ist kein Beweis, denn Betrüger können jeden Absender fälschen.
  • Auch eine vertraute Stimme ist kein Beweis, denn mit KI lassen sich Stimmen täuschend echt imitieren.
  • Bei Mails auf den Absendernamen klicken und prüfen, ob die Adresse stimmt.
  • Bei Unsicherheit eine zweite Person beiziehen.