Immer mehr häusliche Gewalt im Kanton  – was Betroffenen hilft

Tobias Stepinski

Die Zahlen zur häuslichen Gewalt in Zürich sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Zwei Expertinnen erklären, was dahintersteckt, warum viele Betroffene schweigen und wie die regionalen Unterschiede im Glattal einzuordnen sind.

Über 21 Mal täglich rückte die Polizei im Kanton Zürich 2025 aus, weil hinter geschlossenen Türen in einer Familie etwas eskaliert. Dahinter stehen Menschen: geschlagene Frauen, verängstigte Kinder, Männer ausser Kontrolle. 2025 wurden im Kanton Zürich 118 Vergewaltigungen im häuslichen Kontext angezeigt, dazu 28 sexuelle Übergriffe, 34 Freiheitsberaubungen und 22 Fälle von Missbrauch widerstandsunfähiger Personen. Acht Tötungsdelikte wurden versucht, sechs vollendet (weitere Zahlen siehe Box).

Diese Zahlen stammen aus der aktualisierten Monitoring-Seite «Häusliche Gewalt in Zahlen» des Amts für Statistik und Daten Kanton Zürich. Sie zeigen vor allem eines: Seit 2017 hat sich die Zahl der polizeilich erfassten Vergewaltigungen im häuslichen Kontext um 181 Prozent erhöht, beim Missbrauch widerstandsunfähiger Personen – etwa Schlafender oder mit K.-o.-Tropfen betäubter Menschen – sogar um 450 Prozent.

Doch die Interpretation dieser Werte sei heikel. «Bei schweren Straftatbeständen mit tiefen jährlichen Fallzahlen führen bereits kleine Veränderungen zu grossen prozentualen Ausschlägen», sagt Tabea Palmtag, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Amt für Statistik und Daten. Der Sprung bei den Vergewaltigungen hänge zudem mit der Revision des Sexualstrafrechts vom Juli 2024 zusammen: Neu gilt jede sexuelle Handlung ohne Zustimmung als Vergewaltigung – nicht mehr nur der erzwungene Beischlaf. Auch Männer können seither Opfer im Sinne des Gesetzes sein.

Mehr Sichtbarkeit statt Gewalt

Ähnlich sieht das Sozialpädagogin Doris Binda bei der Fiera Opferberatung Winterthur, zuständig für die Bezirke Bülach, Andelfingen, Winterthur und Pfäffikon. Auch bei ihr steigen die Fallzahlen kontinuierlich – die Ursachen ortet Binda aber weniger bei einer Zunahme der Gewalt selbst. «Wir gehen davon aus, dass das Thema Gewalt an Frauen mit #MeToo, der Diskussion um das neue Sexualstrafrecht, aber auch mit den kantonalen und nationalen Kampagnen vermehrt in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist», sagt sie. «Wir gehen nicht zwingend von mehr Gewalt aus – das Hellfeld wird sicher auch grösser.» Auch die Zahl der Selbstmelderinnen – Frauen, die sich direkt bei Fiera melden – nehme zu. Entscheidend dafür sei das Vertrauensverhältnis: «Wir stehen unter Schweigepflicht, die Klientinnen können sicher sein, dass nichts ohne ihre Einwilligung passiert.» So könne es sein, dass eine Betroffene wieder zu ihrem gewalttätigen Mann zurückkehre. «Wenn es wieder eskaliert, kann sie sich trotzdem wieder an uns wenden.»

Bis zu 95 Prozent Dunkelziffer

Das Dunkelfeld lässt sich nur schwer beziffern. Der Schweizer Crime Survey 2022 geht davon aus, dass je nach Delikt zwischen 70 und 95 Prozent der Fälle nie gemeldet werden. Die Anzeigestatistik bleibe dennoch wichtig, betont Palmtag: «Sie ist die einzige Quelle, die laufend, flächendeckend und über die Jahre hinweg vergleichbare detaillierte Zahlen liefert.» Doch auch sie hat Grenzen: Einzelne Fälle können von der Polizei über die Staatsanwaltschaft bis zum Gericht nicht durchgehend verknüpft werden. Und im Gesundheitsbereich fehlen Daten weitgehend – dabei suchen viele Betroffene zuerst dort Hilfe, bei Hausärztinnen oder im Spital.

Vorsicht bei Vergleichen im Glattal

Erstmals zeigt eine Karte, wo im Kanton Zürich häusliche Gewalt besonders häufig zur Anzeige kommt. Im Vergleich der Glattal-Gemeinden liegt Opfikon mit 2,41 Fällen pro 1000 Einwohnende höher als Kloten (1,79) oder Wallisellen (1,35). Wer daraus schnelle Schlüsse zieht, sollte vorsichtig sein. «Die Häufigkeit pro Gemeinde muss tatsächlich vorsichtig interpretiert werden», sagt Palmtag vom Amt für Statistik und Daten. «Es sind eher kleine Zahlen, bei denen die Werte von Jahr zu Jahr normalerweise schwanken. Die Unterschiede dürften deshalb zumindest teilweise im Bereich dieser normalen Schwankungen liegen.» Für belastbare Aussagen brauche es Daten über ­einen längeren Zeitraum.

Auch Binda von der Fiera Opferberatung mahnt zur Zurückhaltung: «Vielleicht ist es einfach Zufall, und die Statistiken sehen im nächsten Jahr wieder anders aus.» Denkbar seien aber auch strukturelle Faktoren – etwa gut informierte Fachpersonen wie Schulsozialarbeitende, Sozialämter oder Ärztinnen und Ärzte, die für das Thema sensibilisiert seien und Betroffene an die Opferberatung verweisen.

  

Häusliche Gewalt im Kanton Zürich in Zahlen

2025 rückte die Kantonspolizei täglich 21- bis 22-mal wegen häuslicher Gewalt oder familiärer Streitigkeiten aus  – insgesamt 3487 Fälle, ein Plus von 5  Prozent gegenüber dem Vorjahr. In vier von zehn Fällen ging der Übergriff vom aktuellen Partner oder der Partnerin aus, in weiteren drei von zehn von der Ex-Partnerin oder dem Ex-Partner. Rund drei Viertel der Tatpersonen sind Männer, die meisten zwischen 30 und 49 Jahre alt. Die häufigsten Delikte sind Tätlichkeiten, Drohungen, Beschimpfungen und einfache Körperverletzung. Schwere Delikte sind seltener, kommen aber jedes Jahr vor: 118 Vergewaltigungen, 34 Freiheitsberaubungen, 28 sexuelle Übergriffe, 22 Fälle von Missbrauch widerstandsunfähiger Personen sowie 8 versuchte und 6 vollendete Tötungsdelikte im häuslichen Kontext. Über 170 Minderjährige wurden 2025 in Schutzunterkünften aufgenommen. «Auffällig ist der stetige Anstieg der polizeilichen Ausrückfälle. Die häusliche Gewalt nimmt trotz der zahlreichen Präventionsbemühungen nicht ab», sagt Tabea Palmtag vom Amt für Statistik und Daten.

  

Was in einer Beratung passiert

Doch was passiert eigentlich, wenn sich eine Betroffene meldet? Bei Fiera stünden die Bedürfnisse der Frauen immer im Vordergrund, sagt Binda. Zu Beginn werde jeweils die mögliche Gefährdung eingeschätzt. Anzeigeberatungen, Vermittlung an Frauenhäuser, rechtliche Informationen bei Trennungswunsch, Klärungen zum Aufenthaltsstatus bei Migrantinnen, Fragen der Kinderbetreuung während polizeilicher Schutzmassnahmen – all das gehöre zum Alltag. Ganz wichtig sei die Stabilisierung der Klientinnen: «Viele Betroffene stehen unter grossem Stress und Angst. Sie sind ambivalent, wie es weiter gehen soll.»

Die Frauen, die sich melden, sind divers. «Jede Frau kann von Gewalt betroffen sein. Unabhängig von Nationalität, Religionszugehörigkeit, Beruf, Alter, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung», sagt die Sozialpädagogin. Und die Kinder? «Bei häuslicher Gewalt sind die Kinder immer mitbetroffen.»

Laut einer aktuellen Befragung von Kinderschutz Schweiz erlebt fast jedes zweite Kind körperliche Gewalt in der Erziehung, jedes vierte regelmässig psychische. Seit Juli 2026 ist das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Zivilgesetzbuch verankert – Kinder haben damit erstmals einen Anspruch auf eine Erziehung ohne körperliche Bestrafung.

Fälle enden selten vor Gericht

Und was passiert, wenn ein Fall angezeigt wird? Die neu ausgewiesenen Zahlen der Staatsanwaltschaften geben erstmals Einblick. Zwischen 2016 und 2025 wurden 58,7 Prozent aller Verfahren wegen häuslicher Gewalt eingestellt. Nur in rund 15  Prozent wurde Anklage erhoben, fast 12  Prozent endeten mit einem Strafbefehl  – einer Verurteilung ohne Gerichtsverhandlung.

Immerhin: An anderer Stelle sieht Palmtag ein positives Signal. Wenn die Polizei bei häuslicher Gewalt eingreift, kann sie sofortige Schutzmassnahmen anordnen – zum Beispiel eine Wegweisung des gewalttätigen Partners aus der gemeinsamen Wohnung für 14 Tage. Danach können Betroffene vor Gericht eine Verlängerung beantragen. «Dass viele Betroffene von dieser Verlängerungsmöglichkeit Gebrauch machen, ist ein positives Zeichen dafür, dass die Massnahmen der Polizei von Opferseite als hilfreich wahrgenommen werden», sagt Palmtag.

Warum viele schweigen

Was Betroffene davon abhält, Hilfe zu suchen, ist vielschichtig: Scham, Selbstvorwürfe, die Hoffnung auf Besserung, die Sorge um die Familie. Und: «Viele haben Angst, dass die Gewalt noch schlimmer wird, wenn sie sich trennen oder zur Polizei gehen – was statistisch gesehen für schwere Gewalttaten leider auch stimmt. Deshalb ist ein Sicherheitsdispositiv sehr wichtig», sagt Binda. Dazu kämen finanzielle Abhängigkeit oder – bei Migrantinnen – die Angst, die Schweiz verlassen zu müssen.

Umso wichtiger sei ein sensibles Umfeld. Doris Binda von Fiera rät Angehörigen, Betroffene in einem ruhigen Augenblick anzusprechen, Hilfe anzubieten und auf die Opferberatung hinzuweisen  – aber nie über den Kopf der Betroffenen hinweg zu handeln.

Und noch etwas liegt ihr am Herzen: das grösste Missverständnis in der Öffentlichkeit. «Es braucht immer zwei zum Streiten. Sie ist selber schuld, sie soll ihn nicht so provozieren. Das passiert nur in Familien mit Migrationshintergrund, mit Drogenproblemen oder bei Familien mit wenig Geld.» All das seien Klischees, die den Blick auf die Realität verstellten. Was es brauche, sei ein Umdenken in der Gesellschaft und die vollständige Umsetzung der Istanbul-Konvention: «Gewalt soll nie akzeptiert werden.»

  

Hier finden Sie Hilfe Fiera Opferberatung Winterthur – für Frauen, die von Gewalt betroffen sind. 

Zuständig für die Bezirke Bülach, Andelfingen, Winterthur und Pfäffikon. Beratung kostenlos, vertraulich, auf Wunsch anonym. Auch Angehörige und Fachpersonen können sich beraten lassen. 
Adresse: General-Guisan-Strasse 47, 8400 Winterthur, 
Telefon: 052 213 61 61 
Mail: info(at)fiera-opferberatung.ch
Opferhilfe-Nummer 142 – rund um die Uhr erreichbar. 
Männliche Opfer wenden sich an die Opferberatung Zürich (044 299 40 50).
Im Notfall: Polizei 117