Geschichte(n) aus dem Altersheim

Roger Suter

«Das Training» erzählt die Geschichte eines Schauspielers bei einem Zwischenverdienst im Altersheim. Das Glattbrugger «Gibeleich» ist dabei nicht nur authentischer Drehort, sondern sorgt für ebensolche Begegnungen – auch im Film.

Nach «Ban Dal» von Hae-Sup Sin aus Glattbrugg («Stadt-Anzeiger» vom 15. Januar 2026) kommt Opfikon erneut zu filmischen Ehren: «Das Training» (ein Arbeitstitel) spielt in einem Altersheim – und wurde zum Teil im Alterszentrum Gibel­eich gedreht. Verantwortlich dafür zeichnen Andy Herzog und Matthias Günter, die 2015 zusammen den Kinofilm «Wintergast» geschaffen haben; dort testet ein Filmhochschulabsolvent mit Midlife-Crisis Jugendherbergen, um sich finanziell über Wasser zu halten, während er gleichzeitig ein Drehbuch fertigstellen, sein Privatleben auf die Reihe kriegen und seine Beziehung retten sollte.

Und genau wie damals spielen die beiden Filmemacher auch diesmal mit einer Mischung aus «angeleiteter Improvisation und dokumentarischer Beobachtung», wie sie in ihrem Drehgesuch schreiben, «sodass sich inszenierte und reale Momente organisch verbinden.» Denn im Drehbuch steht nur die  grobe Handlung, der ganze Rest erfolgt spontan: Dialoge der Darsteller genauso wie die Begegnungen mit anderen Menschen – von denen nur ein kleiner Teil Schauspielerinnen und Schauspieler sind. Diese Nebenrollen und Zufallsbegegnungen werden sozusagen nebenbei mit «gewöhnlichen» Leuten besetzt. Die Dreharbeiten ähneln eher denen einer Dokumentation als eines Spielfilms.

Ort wird Teil der Geschichte

Für möglichst viel Authentizität sorgen damals wie heute reale Schauplätze. Einen davon hat dabei «Das Training» vorgegeben: Der arbeitslose TV-Schauspieler Martin will in Zürich sein Comeback auf der Theaterbühne geben. Weil aber die Proben immer wieder verschoben werden, landet er in einem Weiterbildungskurs für Altersheim-Mitarbeitende. Dabei fällt ihm der Teilzeitjob als Humor-Trainer zusehends schwer, weil er selbst immer weniger zu lachen hat.

Für ihr neuestes Filmprojekt, das 2027 in die Schweizer Kinos kommen soll, haben Andy Herzog und Matthias Günter deshalb nicht einfach einen Drehort gesucht, «sondern einen Ort, der Teil der Geschichte wird – ein Haus, dessen Atmosphäre, Alltag und Menschen den Film bereichern», schrieben die beiden in ihrer Anfrage an die Stadt Opfikon. «Wir wünschen uns eine Institution, die mit uns in einem partnerschaftlichen Rahmen zusammenarbeitet und Freude daran hat, an einem kulturell relevanten Kinoprojekt mitzuwirken.» Opfikon sagte zu, zumal sich der Aufwand für die Stadt in ­einem überschaubaren Rahmen hält. Dass Opfikon und das «Gibeleich» im Film namentlich nicht genannt werden, tut der Freude keinen Abbruch.

Dreharbeiten im «Gibi»-Alltag

Nach dem grundsätzlichen OK informierten die Filmemacher und ihre bewusst kleine Crew die Mitarbeitenden und Bewohner über ihr Vorhaben und sondierten, wer auf keinen Fall auf der Leinwand auftauchen wollte. So lief der Betrieb im «Gibi» auch an den Drehtagen nahezu ­unverändert weiter: Keine Absperrungen, Bewohner gehen ein und aus, Mitarbeitende schieben einen Rollstuhl durchs Restaurant oder bringen Kaffee und Kuchen – und an einem Tisch sitzen drei Schauspieler und erörtern, ob es Vater hier gefällt.

Dieser Vater heisst eigentlich Hansruedi Twerenbold und könnte auch hier wohnen. Der bald 87-Jährige lebt aber in Ennetbaden, wo er aufgewachsen ist. Obwohl der ausgebildete Lehrer, Schauspieler und Sprecher beim Badener Ensemble Claque in den 1970er- und 1980er-Jahren schon neue Ansätze des Theaters ausprobierte, ist diese freie Schauspielarbeit ohne eigentliches Drehbuch neu für ihn: «So etwas habe ich noch nie gemacht», erzählt er am Rande der Dreharbeiten gegenüber dem «Stadt-Anzeiger». «Man muss sich einfach im Moment etwas einfallen lassen. Ich weiss gar nicht, wie die Geschichte weiter- und ausgeht.» Doch das ist im wahren Leben ja auch so – und wirkt gerade deshalb so echt.

Zum ersten Mal im Altersheim

Für Schauspielkollegin Wanda Wylowa, welche im Film seine besorgte Tochter spielt, ist dieses Filmprojekt in zweierlei Hinsicht Neuland: Auch die Prix-Walo-Preisträgerin (2024 für «2 Engel für Harry») ist sich das Auswendiglernen und allenfalls Variieren von Dialogen gewohnt; hier aber kennt sie die Geschichte nur grob. «Es ist anspruchsvoller, da sonst nicht nur der Text, sondern auch die darunterliegende Ebene – Motivation, Mimik, der ganze Subtext – vorgegeben ist. Das macht man hier alles spontan und gleichzeitig.»

Und neben der ungewohnten Arbeitsweise der beiden Filmemacher lernt Wanda Wylowa auch einen neuen Ort kennen: «Ich glaube, ich war noch nie zuvor in einem Altersheim», erzählt sie – und stellt dabei fest, dass er so gar nicht dem (falschen) Klischee von Altersheimen entspricht: «Es ist ein herziger Ort.»

Noch ganz mit seiner kreativen Arbeit und Rolle beschäftigt ist ihr «Bruder» und Co-Regisseur Andy Herzog und beantwortet deshalb noch keine Fragen. Seine Crew ist inzwischen dabei, die Kameras abzubauen und Platz zu machen für die nächste Szene: ein echtes Konzert im Altersheim. Das ist zwar nicht spontan, sondern angekündigt und geplant, und wird bestritten von Susy und Jan, einem bekannten Opfiker Musikerpaar. Sie spielen für alle «Gibi»-Bewohnerinnen und -Bewohner, die mitsingen, mitwippen und so weitere, und liefern authentische Bilder – für den Film aus dem Opfiker Alterszentrum.

Weitere Informationen demnächst unter: https://copainfilm.ch