Gedankensplitter: Wörtersterben

Friedjung Jüttner

Seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, es würden ständig neue Wörter erfunden. Man könnte triggern, um Wokeness für Gadgets zu entwickeln. Das bringen die neuen Techniken so mit sich. Aber es gibt auch das Gegenteil. Es gibt Begriffe, die aus dem Sprachgebrauch einfach verschwinden. Es gibt Wörter, die sterben aus.

Vermutlich gibt es viele davon. Ich erinnere mich nur an eines, nämlich «sintemal». Es handelt sich dabei um eine veraltete Konjunktion im Sinne von: weil, dazumal, seitdem (sint dem male = seit dem). Als Beispiel zitiere ich einen Satz aus dem Internet, bei dem unser Wort noch gebraucht wurde: «Mit der Ent-Idealisierung des Preussenkönigs ist es eben nicht getan, sintemalen (= zumal) sie nicht neu ist.»

 

«Es kam mir eher vor wie die öffentliche Hinrichtung einer alten Vokabel.»

Friedjung Jüttner, Dr. phil., Psychotherapeut

 

Warum ich gerade «sintemal» als Beispiel für das Wörtersterben wähle, hat mit einer bestimmten Situation zu tun, bei der ich Zeuge war, wie ein Dozent an der Uni Zürich einen krampfhaften Wiederbelebungsversuch dieses Wortes unternahm. Innerhalb der fünfundvierzig Minuten, die ihm zur Verfügung standen, gebrauchte er dreimal das Wort sintemal. Das löste bei meinen um viele Jahre jüngeren Kommilitonen jeweils eine Reaktion aus, die sich zusehends steigerte. Sie schauten ihre Nachbarn erstaunt und amüsiert an. Grinsten verständnislos und versuchten wieder zuzuhören. Ich hatte den Eindruck, die hörten dem Dozenten gar nicht mehr zu, sondern warteten gespannt darauf, ob das Wort nochmals käme. Es kam nicht mehr.

Aber warum griff der Mann auf diese alte Konjunktion zurück? Wollte er sie am Leben erhalten? Dann war das ein aussichtsloser Versuch. Denn ich glaube kaum, dass einer seiner Zuhörenden jemals das Wort sintemal angewendet hat.

Oder wollte er zeigen, dass er auch im alten Sprachschatz der deutschen Sprache noch bewandert war? Ich hatte nicht den Eindruck, dass er mit seinem «sintemal» Eindruck erwecken konnte. Eher im Gegenteil. Es kam mir eher vor wie die öffentliche Hinrichtung einer alten Vokabel. Sintemal oder seitdem habe ich dieses Wort nie mehr gehört oder gelesen.