Gedankensplitter: Spazieren gehen

Friedjung Jüttner

Ich wusste bisher nicht, dass es eine Spaziergangswissenschaft gibt, die von Promenadologen betrieben wird («Tages-Anzeiger» vom 20. Mai 2026). Aber vor der Wissenschaft ganz allgemein ist eigentlich nichts sicher, denn es kommt nicht auf das Objekt an, mit dem sich die Wissenschaft beschäftigt, sondern auf die Art, wie sie das tut.

Dazu gehört beispielsweise eine genaue Definition. «Grundsätzlich verstehe ich unter Spazierengehen», so der Promenadologe, «ein eher zielloses Gehen ohne Sinn und Zweck.» Als ich das las, musste ich mir zugestehen, dass ich schon lange nicht mehr spaziert bin. Denn in der Regel gehe ich wohin. Habe ein Ziel. Manchmal geht es mir auch nur um die Bewegung, und ich zähle dabei meine Schritte. Für den Fachmann ist das kein Spazierengehen.

 

«Ich zähle dabei meine Schritte. Für den Fachmann ist das kein Spazierengehen.»

Friedjung Jüttner, Dr. phil., Psychotherapeut

 

Das Spazierengehen gibt es gar noch nicht so lange. Zunächst war der Mensch auf Nahrungssuche, auf der Jagd oder auf der Flucht vor Gefahren. Das änderte sich im Laufe der Jahrhunderte, beispielsweise mit dem Adel, der andere für sich arbeiten liess und Zeit hatte, im schön angelegten Garten zu lustwandeln.

Ich gehöre keinem Adel an, wäre aber auch in der privilegierten Lage, spazieren gehen zu können im oben genannten Sinn. Warum tue ich das eigentlich nicht?, frage ich mich. Etwas tun, ziellos, ohne Sinn und Zweck. Ohne Ziel und Zweck geht vielleicht noch. Aber ohne Sinn? Das geht gar nicht.

Ich bin froh, kein Spaziergangswissenschafter zu sein. Aber vielleicht begegne ich mal einem. Ob er dann weiss, warum er gerade spaziert?