Gedankensplitter: Fussball

Friedjung Jüttner

Von meinem Wohnzimmer aus sehe ich auf einen kleinen Abhang, in dessen Gestrüpp sich ein Fussball verfangen hat. So einer mit schwarz-weissen Flecken. Das Besondere daran ist, er liegt schon seit Wochen da unten. Es vermisst ihn niemand.

Bereits zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, habe ich auf diesen Ball aufmerksam gemacht, so im naiven Glauben, sie hätten Freude an dem Fundstück. Hatten die aber nicht. Sie haben in liegen lassen.

Da wird mir bewusst, dass wir heute in einer ganz anderen Welt leben als ich im Alter dieser Kinder. Das wird mir gerade an diesem Fussball deutlich. Ich war neun Jahre alt und lebte in einem Dorf mit etwa eintausendfünfhundert Einwohnern. Und nur ein Junge im Dorf war stolzer Besitzer eines richtigen Fussballs aus Leder. Er bestimmte, wann wir spielten konnten, und er entschied auch, wer mitspielen durfte. Sein Fussball verlieh ihm Macht und Ansehen, die er – wenn ich mich recht erinnere – aufgrund seiner schulischen Leistungen niemals gehabt hätte.

Wenn ich heute beim Spazieren auf einen verwaisten Ball treffe, was gar nicht so selten passiert, dann erinnere ich mich an den Fussball von damals. Wie haben sich doch die Werte innerhalb dieser achtzig Jahre verschoben! Ein hochgeschätzter Fussball damals ist heute etwas, das man liegen lässt.

«Ein hochgeschätzter Fussball damals ist heute etwas, das man liegen lässt.».»

Friedjung Jüttner, Dr. phil., Psychotherapeut

 

Das verleitet zu dem Gedanken, dass Kinder von heute ihre Spielsachen nicht mehr schätzen, sie genug davon oder sogar zu viele haben. Oder ganz pauschal: Die Jugend von heute ist nicht mehr das, was wir früher mal waren. Aber das ist falsch und ein altes Vorurteil. Im Gymnasium mussten wir den Text eines griechischen Autors übersetzen, der lange vor Christus gelebt hatte. Und zu unserer Überraschung blies er ins gleiche Horn wie viele unserer Lehrer und Erwachsenen, die immer wieder den Kopf schüttelten über die «heutige Jugend».

Aber offensichtlich ist das zu kurz gedacht. Es sind die Zeiten und die Wertvorstellungen, die sich ändern. Dementsprechend ändert sich auch das Verhalten der Kinder. Im Grunde sind sie nicht besser oder schlechter als wir. Auch wenn wir Alten das anders sehen. Aber mit dieser sachlichen Überlegung ist es leider nicht getan. Denn jedes Mal, wenn ich den Fussball unten im Gestrüpp liegen sehe, möchte ich den Kopf schütteln über die heutige Jugend.