Gedankensplitter: Entbinden

Friedjung Jüttner

Wir wurden alle einmal entbunden. Nämlich damals, als irgend jemand unsere Nabelschnur durchtrennte. Was da körperlich an uns vollzogen wurde, hat sich nicht gleichzeitig auch seelisch ereignet.

Als Säugling fühlten wir uns nämlich zunächst noch ganz eins mit unserer Mutter. Langsam mussten wir aber die schmerzliche Erfahrung machen, dass dem nicht so war. Die Entbindung ging immer weiter. Die Pubertät half uns bei der Ablösung von den Eltern und der Familie. Aber in Beziehung blieben wir unser ganzes Leben lang. Vielleicht nicht zu unserer Stammfamilie, aber dafür zu einigen unserer Mitmenschen. Eigentlich ein gesundes Zeichen, wenn die ursprüngliche Familie an Bedeutung verliert und andere Menschen wichtiger werden. Ein etwas unverblümtes Beispiel dafür: Wenn ein Sohn die Bindung an seine Mutter nicht lockern kann, wird er sich an keine Frau binden können. Für unser Wohlbefinden bleiben Beziehungen wichtig. «Alles wirkliche Leben ist Beziehung», meint der Philosoph Martin Buber.

Aber man kann auch sagen: Leben ist eine ständige Entbindung. Diese Erfahrung haben wir alle schon gemacht: Leben ist immer auch mit Verlust verbunden. Mit dieser Tatsache wird man besonders im Alter immer häufiger konfrontiert. Wir verlieren Kräfte, Gesundheit, Selbstständigkeit, vertraute Menschen. Verlieren oder entbunden werden ist das eine, davon Abschied nehmen und den Verlust akzeptieren ist etwas anderes.

 

«Leben ist eine ständige Entbindung, es ist immer auch mit Verlust verbunden.»

Friedjung Jüttner, Dr. phil., Psychotherapeut

 

Ich weiss, dass dieser Prozess des Alterns ganz normal ist. Ich kann das auch anderen gegenüber ganz selbstverständlich so äussern. Aber wenn ich es bei mir beobachte, stört es mich manchmal doch. «Das hätte ja noch etwas Zeit», sagt eine Stimme in mir. Die Gebresten des Alters könnten ja wirklich noch etwas warten. Nein, können sie nicht, sollte ich dann antworten. Ich kann hadern mit meinem Alter, ich kann es aber auch annehmen. Das versuche ich, nur ist das anstrengend. Dabei ist das Leben im Alter ohnehin schon anstrengend genug. Die Natur hat ihre eigenen Gesetze, sie entbindet, damals und jetzt – ohne uns zu fragen.

Wir haben schliesslich die Entbindung in unserer Jugend verkraftet, wir werden sie auch im Alter überstehen. Aber – überleben werden wir sie nicht.