Gedankensplitter: Empörung
Wann haben Sie sich das letzte Mal empört? Ich tue es in letzter Zeit dauernd, das heisst vor allem dann, wenn ich gewisse Politiker reden höre oder von ihnen lese. Aber was ist das eigentlich, Empörung?
Laut Wörterbuch ist die Empörung «eine von starken Emotionen begleitete Entrüstung als Reaktion auf Verstösse gegen moralische Konventionen». Bei den moralischen Konventionen geht es um Verhaltensnormen, «die in einer Gesellschaft unbestritten und richtig gelten».
Nun hat es schon immer Menschen gegeben, die sich nicht an die in ihrer Gesellschaft gültigen Normen gehalten haben. Empören tun sich dann immer die, die diese Konventionen mit Selbstverständlichkeit gutheissen. Oder anders gesagt, ich empöre mich nicht über mich, sondern immer über die Zeitgenossen, die sich über die für mich gültigen Verhaltensregeln schamlos hinwegsetzen.
«Aus richtig oder falsch wird schnell gut oder böse. Und selbstredend stehe ich auf der Seite der Guten.»
Mit meiner Empörung verbinde ich die Ansicht, dass ich im Recht bin oder richtig liege und der andere nicht. Der Andere macht einen Fehler, während meine Meinung korrekt ist. Und vielleicht gerade, weil ich mich nicht für besonders schlau, sondern ganz normal einschätze, kann ich nicht verstehen, dass jemand so unmoralisch oder sogar so dumm sein kann, solche falschen Ansichten zu vertreten und sich so daneben zu benehmen.
Und da wir auch gerne bewerten, halten wir uns schnell für gut und den anderen für böse. Aus richtig oder falsch wird schnell gut oder böse. Und selbstredend stehe ich auf der Seite der Guten. Das hat schon – vor über einhundert Jahren – der bewundernswerte Wilhelm Busch so zusammengefasst:
«Das Gute – dieser Satz steht fest –
ist stets das Böse, was man lässt.
Ei, ja! Da bin ich wirklich froh!
Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!»