Gedankensplitter: Ein Auge zudrücken

Friedjung Jüttner

Benjamin Franklin war nicht nur einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, er hat auch den Blitzableiter erfunden; zudem stammen von ihm auch recht kluge Sätze. Einer davon ist dieser: «Es gibt Augenblicke, in denen man nicht nur sehen, sondern ein Auge zudrücken muss.»

So wie ich dieses Zitat verstehe, geht es um den Umgang von Recht und Ordnung und um dessen Gegenteil, die Fähigkeit, einmal alle Fünfe gerade sein zu lassen.

Menschen, die sich korrekt an die Regeln und die Gesetze halten, verdienen zweifellos unseren Respekt. Da aber diese Regeln allgemein gelten sollen, werden sie manchen speziellen Situationen nicht gerecht. Und in diesen Situationen ist es richtiger, sich nicht streng an das Recht zu halten und die Regeln nicht allzu streng auszu­legen.

 

Übrigens ist es wenigstens genauso wichtig, auch bei uns selbst, also bei unseren Fehlern, ein Auge zudrücken zu können.

Friedjung Jüttner, Dr. phil., Psychotherapeut

 

Ich habe mal einen Jugendrichter kennen gelernt, der mir den Blick für diese Haltung geöffnet hat. Es ist lange her, und ich kann ihn nicht mehr zitieren. So wie ich mich erinnere, war dies seine Meinung: Als Jugendrichter habe ich zwei Möglichkeiten: Ich kann mich auf die Seite des Gesetzes stellen und dem Rechtsstaat zu einem Recht verhelfen. Ich kann mich aber auch auf die Seite der jugendlichen Täter stellen und mich fragen: Was hilft diesem Menschen jetzt mehr – das Befolgen eines Gesetzes oder das Relativieren einer Handlung, wenn nicht gar das Hinwegsehen über einen Fehler? Also eine menschliche wohlwollende Toleranz.

Es geht letztlich darum, dass Ordnung, Gesetze und Vorschriften der Menschlichkeit untergeordnet bleiben. Dazu fallen mir zwei Zitate ein: «Man sieht nur mit dem Herzen gut» (Saint-Exupéry) und «der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen» (Markus 2,27).

Übrigens ist es wenigstens genauso wichtig, auch bei uns selbst, also bei unseren Fehlern, ein Auge zudrücken zu können.

Friedjung Jüttner, Dr. phil., Psychotherapeut