Filmreifer Heimabschied für Chälli
Filmreifer hätte der Heimabschied von Steve Kellenberger kaum sein können. Ausgerechnet die Klub-Ikone selbst produzierte in der Overtime die Vorlage zum 2:1-Heimsieg gegen Lugano. Es war der fünfte Assist und Skorerpunkt in seiner letzten Saison.
Die Zürcher Unterländer sicherten sich damit schon vor dem abschliessenden Qualifikationsspiel in Genf den 12. Rang und damit den Ligaerhalt. Es war ein emotionales Happy End in einer Partie, die lange auf Messers Schneide stand. Kloten konnte dabei auch das Glück des Tüchtigen beanspruchen, denn den Gästen wurden nach Video-Konsultationen zwei Tore aberkannt. Beide Male fiel der Entscheid bei enger Regelauslegung.
Bei der offiziellen Ehrung vor der Partie wurde der 39‑jährige Klotener Dauerbrenner und künftige U18-Junioren-Headcoach im Beisein seiner Frau und seines Sohnes Liam, der bei Klotens U16 spielt, würdevoll geehrt. Zahlreiche Weggefährten, aktuelle und frühere Teamkollegen sowie Funktionäre bis hin zu Präsident Jan Schibli erwiesen Chälli in salbungsvollen Worten oder mit amüsanten Anspielungen ihre Ehre und Hochachtung für seine aussergewöhnliche Karriere.
Die Teamkollegen wollten den Abschieds-Heimsieg für ihren Captain unbedingt holen. «Wir wollten ihm einen schönen Abschluss ermöglichen», sagte Mischa Ramel dem «Klotener Anzeiger». «Wir sind sehr glücklich für ihn. Und wir werden ihn im Team sehr vermissen.» 1057 Spiele in den obersten beiden Spielklassen zusammengerechnet sind es per Ende dieser Qualifikation von Kellenberger gewesen. In der National League kam er auf 840 Spiele, inklusive des Abschlusses am Montag in Genf.
Fast kitschiges Ende
Kellenberger selbst hatte schon vor Beginn des Heimspiels vom Samstag sichtlich bewegt gewirkt. Allein die Choreografie der Klotener Stehplatz-Fans war das Eintrittsgeld wert. Sie erinnerte an die vier Jahre in der Swiss League, als Kellenberger nach dem Abstieg aus der National League (2018) den Flughafenstädtern die Treue gehalten hatte. Auf dem Banner stand: «Au kämpft, wenn Ziite schwer xi sind. Danke!»
Die Nummer 19 der Flughafenstädter hatte schon in der Nacht vor seinem voraussichtlich letzten Heimspiel kaum schlafen können. Doch den Ausgang der Partie hätte er sich wohl selbst in seinen kühnsten Träumen kaum ausmalen können. In der letzten Minute der Verlängerung bei drei gegen drei Feldspielern bereitete er Simics Siegestreffer vor.
Das Stadion bebte. Die «Chälli»-Rufe wollten nicht mehr verstummen. Die Spieler stürzten sich in einer Jubeltraube auf die abtretende Identifikationsfigur.
Kurz darauf stellten sich die Teamkollegen zu einem Spalier für ihren Captain auf. Die Sympathiebekundungen berührten ihn sichtlich. Unter tosendem Applaus drehte Kellenberger eine Ehrenrunde nach der anderen und stimmte mit den hartgesottenen Klotener Fans die Welle an. Die Szene erinnerte auch an das letzte Heimländerspiel von Andres Ambühl auf Schweizer Boden im vergangenen Frühjahr in Kloten. Damals verabschiedete sich das spätere Schweizer Silberteam zur WM 2025.
Alle Teamkollegen in Chälli-T‑Shirts
Auf diesen Moment hatten sich Kellenbergers Teamkollegen schon lange vorbereitet. Sie trugen eigens kreierte T‑Shirts. Darauf ist unter anderem Kellenberger zu sehen, wie er beim Cupsieg 2017 die Trophäe nach dem Triumph vor eigenem Publikum in die Höhe stemmt.
Neben zwei Playoff-Finals vor gut eineinhalb Jahrzehnten und dem Wiederaufstieg 2022 zähle dieser zu den grössten Erfolgen von Kellenberger. «Es war eine extrem schöne Zeit, hier so lange zu spielen. Das war immer mein grosser Bubentraum», sagte Kellenberger. «Dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem es zu Ende geht, wusste ich natürlich.»
Als U18-Headcoach wird er Anfang Mai seine neue Tätigkeit bei den Flughafenstädtern beginnen. Zuletzt war er bereits zu 20 Prozent beim U16-Team als Assistenztrainer angestellt. Rund zwölf Stunden verbrachte Kellenberger danach noch mit der Reise zum abschliessenden Spiel nach Genf. Dass der Ligaerhalt bereits gesichert war, erleichterte vieles.
«Schon besser, dass wir den Ligaerhalt schon geschafft haben», sagte er. «Sonst wären das zwei sehr anstrengende Tage gewesen.» Am Samstag steht für ihn und das Team sowie den Staff des EHC Kloten noch das Abschlussfest an. «Danach bin ich noch ein paar Wochen hier, ehe ich gegen Ende April in die Ferien gehe.»
Simic bekam fast Tränen
Axel Simic, der das Siegtor nach der Vorlage von Kellenberger mit dem Schlittschuh ohne Kickbewegung erzielte und ab nächster Saison beim HC Lausanne unter Vertrag steht, zeigte sich tief beeindruckt. «Alle standen für Chälli auf. Ich bekam Gänsehaut, ja fast Tränen. Das hätte ich im Vorfeld nicht gedacht.» Für ihn sei Kellenberger in jeder Beziehung ein Vorbild gewesen. «Er gab immer alles. Ich denke nicht, dass ich in seinem Alter noch in einer solchen Verfassung sein werde.» Seit der Olympia-Pause habe Chälli fast in jedem Spiel in der Garderobe das Wort ergriffen. Besonders wichtig sei dies beim ersten Spiel danach in Bern gewesen, als Kloten im Startdrittel nur einen Torschuss zustande brachte und mit dem 0:1 noch gut bedient war. «Steve sagte uns, wir sollten alles geben, aber ruhig bleiben und zusammen arbeiten», erinnert sich Simic.
In den letzten Spielen sei Kellenberger tatsächlich etwas lauter geworden. «Er war immer noch erfolgshungrig. Und er machte das sehr gut. Wir spielten danach fast jedes Drittel gut und kamen in vielen Spielen wieder zurück.»
«Es war eine extrem schöne Zeit, hier so lange zu spielen. Das war immer mein grosser Bubentraum.»
Simic machte die vier Saisons nach dem Aufstieg mit und entwickelte sich nach seinem Wechsel vom HC Davos zu einem torgefährlichen und explosiven Stürmer in Kloten. Agil und kampfstark kam er während seiner Klotener Zeit auch zu Einsätzen im Nationalteam. In der zweiten Saison nach dem Aufstieg war er zweitbester Teamskorer hinter Jonathan Ang. In der Vorsaison brillierte er mit einem starken Saisonfinish und internen Topscoring-Werten – dies nach der Rückkehr von wiederholten Verletzungspausen. Simic hinterlässt in der Klotener Offensive eine Lücke. Diese soll unter anderem der finnische Rückkehrer Arttu Ruotsalainen schliessen, vor allem im Powerplay. Der 27‑jährige Simic zieht derweil eine positive Bilanz seiner vier Jahre in Kloten. Zweimal habe das Team die Pre-Playoffs erreicht und einmal sogar die Playoffs. Nur einmal sei man Vorletzter geworden und nun Zwölfter. Das sei eine gute Bilanz seit dem Aufstieg. Ajoie zum Vergleich habe fünfmal in Folge die Qualifikation auf dem letzten Rang beendet.
Der Greyerzer Simic freut sich nun auf die Rückkehr in die Romandie. Familie und enger Freundes- und Bekanntenkreis wohnen nur rund 30 Minuten von Lausanne entfernt. Eine gewisse Trauer kann er indes nicht kaschieren. «Ich habe hier sehr gute Kollegen gefunden.»
Weiterer Kabinen-Liebling geht
Mit Goalie Ludovic Waeber verlässt auch der zweite Freiburger den EHC Kloten. Der 29‑Jährige kehrt zu seinem Stammklub Fribourg-Gottéron zurück.
Während seiner zwei Jahre in Kloten wurde Waeber erstmals Vater. Beim Abschied auf dem Eis trug er seinen Sohn auf den Armen. Sportlich verabschiedete er sich im Saisonfinish mit so gut wie durchwegs starken Leistungen in den ersten fünf der letzten sechs Qualifikationsspiele nach der Olympia-Pause. Zum Abschluss bei dem für Kloten bedeutungslosen 0:7 in Genf war er noch Back‑up von Davide Fadani.
Wiederholt imponierte Waeber nach der Olympia-Pause mit seiner Ruhe und mit der grossen Fläche, die er dank starkem Stellungsspiel und seiner Postur abzudecken vermag. Mit dem 1,86 Meter grossen Waeber verlässt auch ein Spieler die Garderobe des EHC Kloten, der als enorm angenehmer und umgänglicher Teamplayer galt. «Es war eine sehr schöne Zeit hier», sagte Waeber. «Ich wurde vor zwei Jahren mit offenen Armen aufgenommen. Die Organisation verdient wieder mehr Erfolg. Ich hoffe, dass der Klub eines Tages wieder zu seinen goldenen Zeiten zurückfindet.»
Als Bub habe er die Klotener Goalies Ronnie Rüeger und Martin Gerber bewundert. Dass es mit seinem Nachfolger Reto Berra von Fribourg-Gottéron faktisch zu einem Goalie-Tausch kommt, überraschte ihn nicht wirklich. «Ich bestritt mit Reto viele Goalie-Sommercamps. In unseren Gesprächen war diese Möglichkeit schon mehrmals ein Thema. Ich wusste, dass es eine Option für ihn war.»
Für Kloten sei das Kommen von Berra sicher sehr gut. Zum Abschied von Kellenberger urteilte Waeber: «Er ist vergleichbar mit Gottérons Rekordspieler Julien Sprunger, den ich auch gut kenne. Beide gaben alles für ihren Klub.»
Über die Saison von Kloten sagte Waeber, die Play‑ins seien das Ziel gewesen. Viele Spiele habe man mit einem Tor Unterschied verloren. Oft hätten kleine Details entschieden. Die Teams in dieser Liga seien leistungsmässig sehr nahe beieinander. Dass zum Abschluss auch einmal ein Schiedsrichterentscheid zugunsten von Kloten ausfiel, zeigte sich im letzten Heimspiel bei den zwei annullierten Lugano-Toren.
Zur erfolgreichen Coaches Challenge sagte Waeber: «Nicht jeder Headschiedsrichter hätte wohl auf Torhüterbehinderung entschieden. Für einmal war der Hockey-Gott auf unserer Seite.»
Minutenlang hatten die Unparteiischen die Szene des vermeintlichen Siegestreffers von Luganos Santeri Alatalo geprüft und waren sich zunächst uneinig. Schliesslich annullierten sie den Treffer wegen einer Behinderung von Zach Sanford an Waeber. Sanford hatte im Verlauf der Aktion vor dem Tor nicht alles unternommen, um den Torraum zu verlassen, nachdem er von Klotens Max Lindroth nicht mehr blockiert worden war.
Hielt auch nach dem Abstieg den Flughafenstädtern die Treue, wofür ihm die Stehplatz-Fans mit einer eindrücklichen Choreo Respekt zollten: Steve Kellenberger, seine Frau und Sohn Liam, der in Klotens U16 spielt, betrachten die Dankesworte auf dem Würfel. Bilder Marcel kaul
Steve Kellenberger wird von Klotens Topskorer Dario Meyer gedrückt.
Chälli verabschiedet sich von Klotens Stehplatz-Fans.