Ein Leben lang gegen den Widerstand
Yves P. Honla kämpfte in Kamerun für Minderheiten und wurde dabei von der Polizei angeschossen. Er floh in die Schweiz und durchlief ein zermürbendes Asylverfahren. Heute lebt der 46‑Jährige in Kloten, hat zwei Bücher geschrieben und weiss genau, was im Asylwesen nicht gut läuft.
Es ist Nachmittag, die Sonne prallt unermüdlich auf die weissen Sonnenschirme des Gasthauses «Hans im Glück» in Kloten. Da sitzt der 46‑jährige Yves P. Honla vor seinem Glas Apfelschorle. Er trägt ein Dashiki, ein traditionelles westafrikanisches Oberteil mit V‑Ausschnitt und farbenfrohem Muster. Honla wirkt gelassen. Doch sein Leben verlief alles andere als gewöhnlich. Das Glück wurde ihm nicht in die Wiege gelegt.
Bevor es um Kamerun, Flucht und das Schweizer Asylwesen geht, erzählt Honla von einer seiner grössten Leidenschaften: dem Singen. Seit mehr als fünf Jahren singt er beim Oratorienchor Winterthur. «Es beruhigt die Seele», sagt er und fügt an: «Ich vergesse fast alles rundherum, wenn ich dort bin.» Die Musik habe ihn schon früh begleitet – auch in dem Land, in dem er aufgewachsen ist.
Kampf für die Minderheiten
Geboren wurde Honla 1980 in Duala. «Die Stadt kann man ein bisschen mit Zürich vergleichen: Es ist nicht die Hauptstadt, aber die wirtschaftlich wichtigste Stadt des Landes. Dort läuft das Geschäft», sagt der gebürtige Kameruner. Rund vier Millionen Menschen leben dort.
Honla wuchs als Zweitjüngster von sieben Brüdern auf. Die Familie gehörte zu den Privilegierten. «Wir hatten immer alles, was wir brauchten», erzählt er. Beide Eltern arbeiteten in guten Jobs. Was er als Kind besonders mochte, war der Trubel: Auch Tanten und Cousins wohnten mit ihnen. «Unser Haus war immer voll von Familienmitgliedern. Das war super.»
Nach der Matura ging er zum Studieren in die Hauptstadt Yaoundé, bewusst weg von zu Hause. «In der Pubertät hatte ich zu viele Freunde, ich war zu abgelenkt.» In Yaoundé studierte er Jura – zunächst, weil es die Eltern so wollten. Anwalt zu sein, das galt als Prestige. Doch während des Studiums veränderte sich etwas. «Langsam kam in mir der Wille auf, mich für Minderheiten in unserem Land einzusetzen.»
Er wurde Rechtsberater und hängte in Duala ein zweites Studium an: Kommunikation. Für ihn war das die logische Ergänzung zum Recht. Wer Menschen erreichen wolle, müsse sie zuerst verstehen, sagt der 46‑Jährige. «Man kommuniziert nicht nur, um ein Ziel zu erreichen, sondern um einander besser zu verstehen.»
«Dann dachte ich: Sie tun, als würden sie nicht verstehen. Also müssen wir lauter werden.»
Tourismus für vergessene Dörfer
Parallel dazu gründete Honla mit der Familie eine Firma: Agrotour Cameroun. Weil sich die Regierung vor allem um die grossen Städte kümmerte, wanderten die Menschen aus den Dörfern ab. Honla wollte diese Entwicklung zumindest teilweise aufhalten. Touristen aus Europa sollten nicht in Duala bleiben, sondern in die Dörfer reisen, dort übernachten und auf den Feldern mitarbeiten. «Die Städte haben ihre Originalität verloren, die Dörfer haben sie behalten. Dort kann man das wahre Kamerun kennenlernen», sagt er. Mit den Einnahmen investierte die Firma in genau jene Dörfer, die sonst kaum wirtschaftliche Einnahmen hatten: in Landwirtschaftsprojekte, kleine Schulen, kleine Spitäler.
Die Arbeit brachte ihn auch in Kontakt mit Konflikten zwischen den Stämmen. Die traditionellen Könige riefen ihn, wenn es Streit gab. «Sie sagten mir: Du bist neutral und hast ein Gespür für Kommunikation», erinnert er sich. Zunächst ging es um kleine Streitigkeiten unter Nachbarn. Doch aus dem Juristen wurde so nach und nach ein Konfliktmediator.
Mit der Regierung vermitteln
Eine Besonderheit Kameruns ist die sprachliche Aufteilung. Das Land besteht aus zehn Regionen, in zweien davon wird Englisch gesprochen, der Rest ist französischsprachig. Ausgerechnet die beiden englischsprachigen Regionen sind besonders rohstoffreich: Dort liegt das Erdöl, der Boden ist fruchtbar. Trotzdem gehören sie zu den ärmsten Gebieten des Landes. Schuld daran ist laut Honla die Zentralregierung, die zwar die Rohstoffe abschöpfe, aber nicht in Strassen, Schulen oder Spitäler investiere. «Die Regierung holt die Ressourcen und investiert nichts zurück», sagt er. 2016 gingen die Menschen dort auf die Strasse und forderten mehr Eigenständigkeit. Die Anführer der Bewegung riefen nach Honla. Er hatte in beiden Regionen mit Agrotour gearbeitet und war dort bekannt. Zudem hatte er als Aktivist und Mediator einen Namen und kannte als früherer Mitarbeiter der Regierung deren Kanäle. Für die Bewegung war er der ideale Vermittler: ein Frankofoner, der sich für die englischsprachige Minderheit einsetzte.
Sein Ziel war eine Mediation zwischen den beiden Regionen und der Regierung. Er schrieb zahlreiche Briefe nach Yaoundé und trat im Fernsehen und im Radio auf, um auf die Lage aufmerksam zu machen. Eine Antwort erhielt er nie. «Dann dachte ich: Sie tun, als würden sie nicht verstehen. Also müssen wir lauter werden.»
Vier Tage ohne Bewusstsein
Er organisierte Demonstrationen in Buea und Bamenda, den beiden Hauptstädten der englischsprachigen Regionen. Friedlich, darauf bestand er. Die Teilnehmenden trugen grüne Pflanzen – in Afrika ein Friedenszeichen, vergleichbar mit der weissen Fahne in Europa. Manche seien vehementer gewesen, sagt Honla. «Ich musste einzelne Leute in der Gruppe bremsen.»
Und dann passierte es. Der Klotener nimmt einen grossen Schluck Apfelschorle und atmet tief ein. Seine Stimme wird leiser, man merkt, dass ihn dieser Moment bis heute beschäftigt. Die Regierung schickte die Polizei. Die Polizisten schossen. Honla wurde am Fuss, am Arm und im Gesicht getroffen. Bis heute trägt er Metall im Körper, auf dem linken Auge ist er erblindet. Statt ins Spital brachte man ihn ins Gefängnis. Mitgefangene versorgten notdürftig seine Wunden, dann wurde er ohnmächtig. Erst Tage später erwachte er in einem Spital.
Eine Woche brauchte er, um zu fragen, was aus den anderen geworden war. «Die Freunde, die links und rechts von mir standen, sind gestorben», sagt er. Viele weitere seiner Mitstreiter starben an jenem Tag. Doch wer Honla kennt, weiss: Aufgeben kam für ihn nicht infrage. «Ich frage mich immer wieder, warum ich noch am Leben bin», sagt er. Und dann gibt er sich kämpferisch: «Sie haben ihr Leben für eine gute Sache geopfert. Ich werde sie nicht im Stich lassen.»
Bei der UNO bedroht
Im März 2018 lud ihn eine NGO nach Genf an die UNO ein. Honla, damals deren Leiter in Kamerun, sollte über Menschenrechtsverletzungen in Zentralafrika berichten. Schon die Ausreise war schwierig: Er musste sich verstecken und über Kontakte organisieren, dass er überhaupt aus dem Land kam. Im Saal sassen aber auch Vertreter der kamerunischen Regierung. In der Pause kamen sie auf ihn zu und sagten ihm, er täusche sich, wenn er glaube, in der Schweiz sicher zu sein.
Zwei Tage später brach die Polizei in Kamerun die Tür seines Hauses auf, nahm den Computer mit und zerstörte die Einrichtung. Seine drei Kinder, damals vier, sieben und zehn Jahre alt, waren dabei. Honla wollte sofort zurückkehren. «Wenn sie mich wollen, dann sollen sie mich nehmen. Aber nicht meine Kinder.» Seine Vorgesetzte nahm ihm unter einem Vorwand den Pass ab, sein Anwalt in Kamerun warnte ihn, er würde im Gefängnis verschwinden. Dann rief Honla seine Kinder an. «Daddy, wir wollen dich lebend», hätten sie gesagt. «Bitte bleib, wo du bist.» Da wusste er: Er wird nie wieder nach Kamerun zurückkehren. Er blieb und beantragte in der Schweiz Asyl.
«Es war eine Folter»
Von der Schweiz wusste er wenig: Berge, Kühe, Kälte. Die Sauberkeit und die Pünktlichkeit hätten ihn beeindruckt, «ein positiver Schock». Vom Asylverfahren hingegen wusste er gar nichts. «Ich dachte, es dauert eine Woche.» Es dauerte Jahre. Vallorbe, Chiasso, Kollbrunn, dann verschiedene Zentren in Winterthur. Niemand habe ihm gesagt, wie es weitergehe. «Ich wurde einfach hin und her geschoben.» Dazu kam die Sorge um die Familie in Kamerun. Ein Vater, der seine Verantwortung nicht wahrnehmen könne, sagt er, «das ist eine Katastrophe im Kopf».
«Ich habe viel von dieser Gesellschaft bekommen. Und ich kann einfach nicht nehmen, ohne zu geben.»
Für das Verfahren wählt Honla ein hartes Wort: «Es war eine Folter. Psychisch und physisch.» Um daran nicht zu zerbrechen, betrachtete er das System wie ein Beobachter von aussen, stellte Fragen und suchte nach Erklärungen. «So war ich nicht nur am Leiden, ich war in einem Denkprozess.» Genau daraus entstanden später seine Verbesserungsvorschläge. Am Vormittag lernte er bei Solinetz Winterthur Deutsch, am Nachmittag schrieb er in der Stadtbibliothek an einem Buch. Ursprünglich war dieses für seine Kinder gedacht (siehe blaue Box).
Das Wort, das ihn stört
Inzwischen hat Honla eine B‑Bewilligung. Diese Aufenthaltsbewilligung wird in der Regel für ein Jahr erteilt und kann verlängert werden. Sie erlaubt es, in der Schweiz zu wohnen und zu arbeiten. Honla studierte an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Soziale Arbeit, animiert dort ein Seminar und arbeitet für die Stadt Wädenswil im Sozialbereich. Damit sitzt er heute auf der anderen Seite des Schreibtischs.
Pauschal verurteilen will Honla das Schweizer Asylwesen aber nicht. «Die Schweiz macht vieles wirklich sehr gut. Doch man kann sich immer verbessern», sagt er. Ein Wort stört ihn dabei besonders: Fälle. So werde in der Politik, aber auch in seinem Arbeitsalltag über Asylsuchende gesprochen. «Durch die Wiederholung distanziert man sich. Man vergisst, dass es um Menschen geht.»
Doch Honla beschwert sich nicht einfach, er hat konkrete Vorschläge. Beim Empfang in den Asylzentren sollten keine Uniformierten stehen, sondern Fachleute mit sozialen Kompetenzen. Wer vor Armee und Polizei geflohen sei, werde beim Anblick von Uniformen sofort wieder an das Erlebte erinnert. Zudem brauche es eine psychische Triage – heute werde nur auf ansteckende Krankheiten geprüft. Und Asylsuchende sollten eine Tagesstruktur erhalten, statt monatelang untätig zu warten. «Wenn Menschen nichts tun dürfen, machen sie komische Sachen», sagt er.
Besonders am Herzen liegt ihm die Anhörung, in der über das weitere Leben entschieden wird und die bis zu sechs Stunden dauern kann. Honla wünscht sich vorher 15 Minuten für ein paar einfache Fragen: «Wie geht es Ihnen?» «Wie war die Reise?» «Wie sieht Ihren Alltag aus?» Das nehme den Druck ein bisschen weg.
Woher die Energie kommt
Egal wofür sich Honla einsetzt, er ist mit Feuer und Flamme dabei. Sein Kampf für die Minderheiten in Kamerun, seine Vorschläge zum Asylwesen, mehrere Studiengänge, zwei Bücher und nun vielleicht ein drittes. Zur Ruhe setzen möchte sich der Klotener jedenfalls nicht. Woher nimmt er die Energie? «Ich bin in Menschen verliebt», sagt Honla und lacht. Dann wird er wieder ernst und sagt uneigennützig: «Ich habe viel von dieser Gesellschaft bekommen. Und ich kann einfach nicht nehmen, ohne zu geben.»
Die Bücher von Yves P. Honla«Das Labyrinth – Der Weg eines Asylsuchenden in der Schweiz» (2022) Angefangen hat alles mitten im Asylverfahren. Yves P. Honla wollte seinen drei Kindern in Kamerun etwas hinterlassen. «Ich wollte einen Bericht schreiben, damit sie einmal sehen, was mit mir passiert ist», sagt er. Als er Deutsch lernte, machte er das Buch kurzerhand zum Übungsmaterial: Am Vormittag der Kurs bei Solinetz Winterthur, am Nachmittag das Schreiben in der Stadtbibliothek. «Das war die Theorie am Morgen und die Praxis am Nachmittag.» Begonnen hatte er in der Ich-Form, brach dann aber wieder ab. «Es war mir zu nah.» Also erfand er die Figur Opango Nloha. Aus dessen Sicht schildert das Buch den Weg durch das Schweizer System. «So konnte ich mich distanzieren.» «Träume – Die Realität aus einer anderen Perspektive» (2026) Sein zweites Buch ist im Juni 2026 erschienen, diesmal in der Ich-Form. Möglich sei das, weil er heute anders auf seine Vergangenheit blicke. «Ich habe sehr viel Distanz zu meinem Asylverfahren. Ich bin gelassen geworden», sagt er. Das Buch ist ein Blick auf die Gesellschaft aus den Augen eines Afrikaners. Im Hintergrund steht weiterhin Honlas eigene Geschichte, doch diesmal nicht das Asylverfahren, sondern die Gesellschaft, in der er heute lebt. Er vergleicht, wie man in Kamerun und in der Schweiz mit Problemen umgeht. Alles passiert dabei in seinen Träumen. «Vielleicht hilft das, Probleme anders zu betrachten», sagt er. Sozial engagiert sei das Buch, aber parteilos – und es solle Mut machen. |