Durch Estland streifen

Daria Semenova (Text und Bilder)

Schneebedeckte Moore, ehemalige Militärstädte und verwinkelte Altstadtgassen: Estland zeigt sich im Winter von seiner stillen, mystischen Seite. Zwischen Natur, sowjetischer Vergangenheit und lebendiger Gegenwart lässt es sich hier durch Landschaften und Geschichten reisen.

Ein Vogelschrei hallt über die Baumkronen, während der Pfad schmaler wird und schliesslich in eine Holzplanke übergeht. Unter der dicken Schneedecke liegt ein Hochmoor, dessen Vegetation erst im Frühling sichtbar wird: Torfmoose, Wollgras oder Sonnentau. Jetzt wirkt die Landschaft still und fast vollständig weiss. Der Weg führt durch den Lahemaa-Nationalpark, etwa siebzig Kilometer östlich von Tallinn.

Der Nationalpark wurde 1971 gegründet und war der erste der damaligen Sowjetunion. Heute gehört er zu den wichtigsten Schutzgebieten Estlands. Holzplanken führen mehrere Kilometer durch das Moor, ein Aussichtsturm öffnet den Blick über die weite Fläche. Hochmoore entstehen über Jahrtausende: Torfmoose speichern Wasser, abgestorbene Pflanzen bilden langsam Torf. Gleichzeitig sind sie wichtige Kohlenstoffspeicher und wirken wie natürliche Wasserspeicher der Landschaft.

Auch Tiere leben hier – Braunbären, Wölfe, Luchse, Elche oder zahlreiche Vogelarten. Im Winter bekommt man sie kaum zu Gesicht, höchstens ihre Spuren im Schnee. An manchen Stellen sind tiefe, eingesunkene Abdrücke zu erkennen, vermutlich von Elchen, die mit ihren schweren Schritten durch die weiche Schneedecke stolziert sind. Während man über die Holzplanken läuft, wirkt das Moor zugleich still und lebendig. Kein Wunder, dass solche Landschaften in estnischen Legenden eine besondere Rolle spielen.

Natur und Mythologie sind eng miteinander verbunden. Bäume galten traditionell als beseelt; besonders alte Eichen oder Linden wurden mit Respekt behandelt und manchmal mit kleinen Opfergaben um Schutz gebeten. Beim Gehen über die Holzplanken lässt sich gut nachvollziehen, warum solche Vorstellungen entstanden sind.

Paldiski – Ostsee undsowjetische Militärgeschichte

Etwa fünfzig Kilometer westlich von Tallinn endet eine Zugfahrt am Meer, neben einem grossen Holzlager, im scheinbaren Nichts. In Paldiski ziehen sich breite Strassen durch Blocksiedlungen aus der Sowjetzeit, dazwischen liegen grosse Innenhöfe und Metallspielplätze. Beim Aussteigen wirbeln Schneeflocken über den Bahnsteig, der Wind kommt direkt vom Meer.

Die Stadt hat eine ungewöhnliche Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Paldiski stark zerstört, viele Gebäude brannten nieder. In den 1960er-Jahren errichtete die Sowjetunion hier ein grosses Ausbildungszentrum für ihre Marine. Zwei landgestützte Reaktoren und ein Trainingsmodell eines Atom-U-Boots wurden gebaut, Tausende Menschen arbeiteten in der Anlage. Paldiski entwickelte sich zu einer streng abgeschirmten Militärstadt und war jahrzehntelang vollständig für Aussenstehende geschlossen. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Basis 1994 aufgegeben. Das nukleare Material wurde nach Russland zurückgebracht, die Reaktoren stillgelegt und in Schutzbauten eingeschlossen.

Heute wirkt die Stadt ruhig, teilweise fast leer. Viele Gebäude stammen noch aus dieser Zeit, während noch heute nach Möglichkeiten gesucht wird, ihnen neue Funktionen zu geben. Ein Spaziergang führt zum Meer: Schilf weht im Wind, Eisschollen treiben auf den Wellen, einige Schwäne ruhen darauf. Familien nutzen die Hügel am Strand zum Schlitteln.

Nach einer Weile stellt sich die Frage, wo sich die Menschen an diesem kalten Samstag eigentlich aufhalten, wenn sie nicht in der Natur oder zu Hause sind. Die Antwort findet sich ein paar Strassen weiter im Café Anne KoogiKodu: ein warmer Raum, in dem Familien bei Kaffee und Kuchen sitzen, Gespräche zwischen Estnisch und Russisch wechseln, während draussen der Wind über die Strassen zieht.

Rapla – sprechende Statuen und ein UFO

Südlich von Tallinn liegt die Kleinstadt Rapla. Rund um die grosse Rapla-Maarja-Magdaleena-Kirche führen kleine Brücken über den Fluss Vigala jõgi, Parks und Wege liegen unter Schnee verborgen.

Im kleinen Café Marju Kohvik scheint die Zeit langsamer zu laufen: Gäste kommen einzeln nach und nach hinein, setzen sich, essen ihr Mittagessen und gehen wieder – Gespräche sind die Ausnahme. Die Szene wirkt wie aus einem Stummfilm, beinahe eingefroren, nur das leise Klirren von Besteck durchbricht die Stille.

Als ich später wieder an der Bushaltestelle stehe, erklingt plötzlich eine Stimme auf Deutsch, die mir mitteilt, dass jetzt ein Uhr ist. Sie stammt von ­einer sprechenden Statue, die an den deutschbaltischen Gutsherrn Otto Gustav von Lilienfeld erinnert, auf dessen Ländereien die Stadt Rapla einst entstand.

Später führt eine Busfahrt hinaus an den Stadtrand zu einem ungewöhnlichen Gebäude: dem Okta Centrum. Der Bau aus dem Jahr 1977 folgt konsequent einer achteckigen Form – vom Grundriss bis zum Teich daneben.

Entworfen von den Architekten Toomas Rein und Aulo Padar, wirkt er mit seinem futuristischen Stil tatsächlich wie ein gelandetes UFO. Heute steht er grösstenteils leer und kann meist nur von aussen betrachtet werden und erinnert gerade dadurch an eine Phase sowjetischer Architektur, die auch in kleinen Städten ungewöhnliche Formen hervorbrachte.

Tallinn – wo Geschichte und Gegenwart zusammenkommen

Zurück in Tallinn verschiebt sich die Atmosphäre ins Lebendige. Die Altstadt gehört zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtzentren Europas. Eine lange Stadtmauer mit zahlreichen Türmen umgibt das historische Zentrum, enge Gassen führen zwischen hohen Giebelhäusern hindurch. Viele Restaurants greifen diese Vergangenheit bewusst auf: Mitarbeitende in mittelalterlichen Kostümen sprechen Passantinnen und Passanten an, vor den Türen stehen Holzschilder mit historischen Menüs.

Gleichzeitig wirkt die Stadt nicht nur wie eine touristische Kulisse. Auch unter der Woche sind Bars und Cafés gut besucht; Studierende, Reisende und Einheimische mischen sich auf den Plätzen. Zwischen Souvenirläden, Filzhüten, historischen Gebäuden, Buchhandlungen und Galerien liegt das Leben der Stadt wie ein feines Netz, in das man sich beim Schlendern einfügen kann.

Geheime Hotels und verbotene Bücher

Eine dieser Bars ist die DM Bar, von aussen unscheinbar, nur ein kleines Schild mit den Buchstaben «DM». Ein Kellerraum, in dem die Musik von Depeche Mode aus allen Ecken dringt. Fotos der Band, die die Bar nach Konzerten besuchte, hängen an den Wänden, Bildschirme zeigen Musikvideos, daneben eine kleine Sammlung von Souvenirs und Fanartikeln. Der Raum wirkt wie ein kleines, zufällig über die Jahre entstandenes Museum. Apropos Museen: Davon gibt es in Tallinn einige, gefühlt an jeder Ecke der Innenstadt.

An einer dieser Ecken liegt das Banned Books Museum: Hier stehen Bücher aus aller Welt, die verboten wurden, mit Kärtchen, die erklären, warum, wann und in welchem politischen Kontext. Besuchende dürfen die Bücher lesen, viele stammen aus privaten Spenden.

Nur wenige Schritte entfernt liegt die Raeapteek, eine der ältesten kontinuierlich betriebenen Apotheken Europas, erstmals 1422 erwähnt. Heute gibt es hier kleine Ausstellungsräume zu historischen Heilmethoden – von Kräutermischungen bis zu kuriosen medizinischen Praktiken.

Nicht weit davon erhebt sich das Viru Hotel, 1972 eröffnet als Interhotel, mit Gästen aus dem nicht-sozialistischen Ausland. Im ehemals geheimen 23. Stock des Hotels kann man heute noch die ausser Betrieb gesetzte Überwachungszentrale des KGB besichtigen, die damals Zimmer akustisch und visuell überwachte – ein spannendes Relikt der sowjetischen Kontrolle.

Ein Spaziergang Richtung Hafen führt schliesslich zum Lennusadam Seaplane Harbour. In den grossen Hangars für Wasserflugzeuge können Besuchende histo­rische Schiffe besichtigen, ein U-Boot ­betreten, interaktive Ausstellungen zur Seefahrt erleben oder selbst erfahren, wie Wasserdruck funktioniert.

Auf dem Rückweg entlang der Küste flüstert das Meer in leisem Wellenrauschen, die Eisschollen leuchten in den warmen Farben der letzten Sonnenstrahlen, und die Schwäne auf den Schollen bereiten sich bereits auf die Nacht vor.

So zeigt sich der Geheimtipp Tallinn als Stadt mit vielen Schichten: mittelalterliche Handelsstadt, sowjetische Vergangenheit und lebendige Gegenwart liegen eng nebeneinander. Besonders im Winter, wenn die Strassen eisig sind und eine Schneedecke über Mauern, Häfen und Geschichten liegt, entfaltet Estland eine mystische Atmosphäre, die zum Eintauchen einlädt.