«Diejenigen, die es am wenigsten brauchen, erreichen am meisten»
Erst Gold mit Fribourg-Gottéron, nun Heim-WM, dann Kloten: Reto Berras letzte Karrierejahre lesen sich wie ein Drehbuch. Der 39-jährige Goalie spricht im Interview über überwältigende Festlichkeiten, den Trainerwechsel im Nationalteam und warum er sich auf Kloten freut wie ein kleiner Bub.
Vom Meisterhelden zur Heim-WM: Reto Berra erlebt mit 39 Jahren gerade die intensivsten Wochen seiner Karriere. Als herausragender Keeper der abgelaufenen National-League-Saison und in den Playoffs hatte Klotens künftiger Goalie massgeblichen Anteil am ersten Meistertitel überhaupt von Fribourg-Gottéron. Nun richtet sich der Fokus des 39-Jährigen ganz auf das nächste Highlight zum Saisonabschluss.
56 Saisonspiele (davon alle 19 in den Playoffs) bestritt Berra. In der Regular Season imponierte er mit einer Fangquote von 92,00 Prozent und einem Gegentor-Durchschnitt von 1,99. Das war der zweitbeste Ligawert hinter Simon Hrubec (ZSC Lions). In den Playoffs betrug Berras Fangquote gar 92,26 Prozent. Liga-Spitze in der Regular Season war Berra auch bei den Siegen eines Torhüters mit seinem Team. Berra kam auf 27 Erfolge. Insgesamt gewann Fribourg-Gottéron mit Berra 39 Spiele, davon 12 in den Playoffs.
Der «Stadt-Anzeiger» sprach ein weiteres Mal exklusiv mit dem Sieggaranten.
Wie erlebten Sie die Feierlichkeiten nach dem ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte von Fribourg-Gottéron? Wie war Freiburg im Ausnahmezustand?
Es war unglaublich. Wunderschön, enorm viele Emotionen. Jetzt bin ich aber im Nationalteam und konzentriere mich voll auf diese Heim-WM, deshalb ist dieses Kapitel für Freiburg für mich momentan geschlossen. Doch ich werde nach Saisonende nochmals alles reflektieren, was ich auf dem Weg zu diesem Titel Schönes erlebt habe. Aber es war natürlich überwältigend.
Wie schnell mussten Sie den Fokus bereits wieder auf die Heim-WM richten?
Den Schalter muss ich nicht gross umlegen. Als ich am Dienstag vor einer Woche einrückte, war mir klar, dass sich die Heim-WM nun wie eine lange, neue Playoff-Serie anfühlen wird. Und diese WM ist ein Riesenhighlight für uns Schweizer. Ich möchte bestmöglich vorbereitet sein. Deshalb sagte ich mir, dass ich die Erinnerung nun nochmals in einen Schrank tue und diese dann im Sommer nochmals hervorhole und in vollen Zügen geniessen werde.
Es ist ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist für Sie. Und nun erfüllen Sie sich gleich den nächsten Traum?
So ist es. Es war die letzte Möglichkeit für mich, mit Fribourg-Gottéron den Meistertitel zu holen. Und dass ich nun erstmals in meiner Karriere auch noch eine Heim-WM spielen kann, dafür bin ich ebenso enorm dankbar.
Was ist die Zusatzmotivation, die eine solche Heim-WM bedeutet, wenn man sie mit Ihren anderen WM- und Olympia-Teilnahmen oder auch Ihren NHL-Erfahrungen vergleicht?
Ich gewann schon drei WM-Silbermedaillen mit der Schweiz. Und zuletzt habe ich mit Fribourg-Gottéron nun eine Goldmedaille gewinnen dürfen. So betrachtet ist diese Heim-WM eine unglaubliche Motivation.
Wie beurteilen Sie die Umstände rund um den vorzeitigen Trainerwechsel von Patrick Fischer zu Jan Cadieux?
Ich bin ein riesiger Fan von Patrick Fischer. Aber ich liess mich auch während der Playoffs nicht davon ablenken. Ich bin Profi genug. Meine Aufgabe ist es, Hockey zu spielen. Nichts anderes. Und zu allem anderen kann und will ich nichts sagen.
Haben Sie Veränderungen bemerkt, was der vorherige Assistenztrainer Jan Cadieux nun anders macht als PatrickFischer?
Es haben sich höchstens Details geändert. Der Teamgeist entsteht ja auch durch die Spieler, die schon lange dabei sind. Von daher sind es nur Details, die anders sind. Taktische Nuancen. Vom Personal und von den Abläufen her ist alles geblieben.
Und in den Teamansprachen unterscheiden sich Cadieux und Fischer inwiefern?
Das werde ich erst nach der WM beurteilen können. Dafür ist es noch zu früh.
Auch in Kloten gibt es mit Michael Liniger einen neuen Trainer, der überraschend die Nachfolge von Lauri Marjamäki antritt, der zum EV Zug wechselte.
Ich bekam dies während des Playoff-Finals schon mit. Ich kenne Liniger sehr gut, ebenso Marcel Jenni als einen seiner neuen Assistenten. Für mich schliesst sich ein Kreis. 2009 holten wir mit Davos den Meistertitel im Playoff-Final gegen Kloten. Die Serie ging damals über sieben Spiele. Und ich weiss noch genau den Ausgang von Spiel 6 in Davos, als ich bei Davos im Tor stand und wir in der Verlängerung die Partie 0:1 verloren, als Liniger einen Pfostenschuss-Abpraller von Marcel Jenni verwertete.
Liniger wand damals Jenni ein Kränzchen für dessen Lauf, «den er hundertfach macht».
Ich freue mich auf beide. Liniger ist ein megaruhiger Typ, so wie ich ihn kenne. Das ist super für Kloten. Ich hatte jetzt noch keinen Kontakt mit ihm. Das hat Zeit für nach der WM. Genauso auch bei Jenni, auch wenn ich ihn jetzt als Nationaltrainer-Assistenten täglich sehe. Doch wir sind beide Profis und sind momentan völlig auf die WM ausgerichtet. Deshalb rede ich auch mit Marcel aktuell nicht gross darüber, was in Kloten ist oder was sein wird.
Was spricht nun trotz der Causa Fischer für eine erneute Top-Performance des Nationalteams an der WM?
Unsere Fans sind unglaublich und können uns enorm viel Energie geben. Und von den Spielern her verfügen wir über ausreichend Talent und Qualität.
Was lässt sich zu den Gruppengegnern sagen und insbesondere zum Auftaktspiel gegen Titelverteidiger und Olympiasieger USA?
Für mich als Torhüter spielt es keine Rolle, gegen wen wir spielen. Ich als Torhüter versuche, meine Leistung zu bringen und meinen Job so gut wie möglich zu machen. Und der Mannschaft eine Chance auf den Sieg zu geben.
Dies gelang Ihnen ja in dieser Saison mit Fribourg-Gottéron exzellent. Wie erklären Sie sich Ihre enorm hohe Leistungsfähigkeit und Konstanz bis zum letzten Saisonspiel?
Ich hatte extrem viel Vertrauen. Und ich hatte jeden Schritt genossen. Ich lernte, dass ich kein Resultat benötigte, um so richtig happy und glücklich zu sein. Sondern ich lernte, jeden Tag in die Garderobe zu kommen und mit den Teamkollegen eine gute Zeit zu haben. Dies war das Schönste am Ganzen. Klar, will man auch gewinnen. Doch die Lockerheit ist bedeutsam. Ich sage mir immer: Diejenigen, die es am wenigsten brauchen, erreichen am meisten. Und diejenigen, die es am meisten brauchen, erreichen am wenigsten. Die tägliche Arbeit mit all den Menschen um mich herum genoss ich extrem. Und ich glaube, dass dies ein grosser Faktor war.
Worauf freuen Sie sich nun am meisten mit Blick auf die Heim-WM und Ihren voraussichtlichen Karriereabschluss in Kloten, wo Sie für zwei Jahre unterschrieben haben?
Auf alles. Es gibt nicht etwas, worauf ich mich mehr freue: auf die Heim-WM, auf die Fans. Dass es im eigenen Land ist und es für Familie und Freunde einfach ist, die Spiele besuchen zu können. Das finde ich megaschön. Und ich freue mich extrem auf Kloten. Dass ich nach 20 Jahren, in denen ich überall auf der Welt unterwegs war und noch gesund und gut genug bin, das Privileg erhalte, doch noch für diesen Verein zu spielen, mit dem ich als Bub so stark mitgefiebert ha-be.