Die Glatt rückt näher an die Natur
Zwischen Glattbrugg und Rümlang erhält die einst kanalisierte Glatt wieder ein naturnahes Flussbett. Ein Jahr nach Beginn der Bauarbeiten zeigen sich erste Erfolge. Ob und wann das Projekt als Ganzes abgeschlossen wird, ist aber noch offen.
Vor rund 150 Jahren erhielt die Glatt ihren schnurgeraden Verlauf. Nun darf sie wieder mäandern – zumindest auf einem Teil der Strecke: Der Flughafen hat dem Fluss im Auftrag des Kantons ein ganz neues Bett gegraben. In dieses führte kürzlich ein Abendspaziergang des Naturschutzvereins Mittleres Glattal, der in Opfikon und Wallisellen tätig ist.
Rund 40 Mitglieder versammelten sich an einem warmen Sommerabend beim Installationsplatz in der Nähe der Rümlanger Holzbrücke, um sich das Zwischenresultat dieser Revitalisierung anzusehen. Dabei sieht alles noch sehr nach Baustelle aus: Noch immer stehen Baumaschinen auf dem Gelände, ein Zaun aus rot-weissen Latten grenzt es sowohl zur nahen Flughofstrasse als auch zum früheren Uferweg ab. «Dort oben kommt noch ein Lärmschutzwall hin», erläutert Mirjam Marty mit Blick auf die stark befahrene Strasse. Die stellvertretende Projektleiterin und Umweltexpertin bei der Firma TBF + Partner unterstützt die Bauherrin, die Flughafen Zürich AG, als Bauherrenunterstützung und in Umweltfragen bei der Umsetzung des Projektes.
Wohin mit den PFAS?
Dabei wurde die Projektorganisation auch mit Unvorhergesehenem konfrontiert. Nach der ganzen Planung, die am Flughafen schon seit 14 Jahren vorangetrieben wird, fand man auf den Landwirtschaftsflächen ausserhalb des Flughafenperimeters die «Ewigkeitschemikalien» PFAS. Sie stammen zwar nicht vom Flughafen und die Belastungswerte liegen auch deutlich unter jenen im Kanton St. Gallen, wo Landwirte ihre Erzeugnisse nicht mehr verkaufen können. Da gemäss Bodengesetz jeder Bauherr verpflichtet ist, abgetragenen fruchtbaren Boden zu verwerten und beanspruchte Fruchtfolgeflächen zu kompensieren, sollte die Erde vom Glattufer im Furttal weniger ergiebige Felder aufwerten. «Doch im Moment fehlen noch klare gesetzliche Vorgaben zu den PFAS-Grenzwerten und zum Umgang mit belastetem Material», erläuterte Marty. Bis das geregelt ist, werden die rund 30 000 Kubikmeter Erdreich auf dem Projektperimeter zwischengelagert. Auch Liegenlassen wäre übrigens keine Lösung gewesen: Die angestrebten, naturnahen und ökologisch besonders wertvollen Riedwiesen sind Magerwiesen, die nicht auf nährstoffreicher Ackererde gedeihen können.
Altes und neues Holz
Ein ebenfalls überraschender, aber weniger problematischer Befund war die wasserdichte Lehmschicht im Boden. «Sie ist deutlich weiter verbreitet, als wir erwartet hatten», erzählt Marty. Zusammen mit eigens angelegten Weihern dürfte das Regenwasser somit reichen, die 18 000 Quadratmeter Riedwiesen neben der verlegten Glatt zu bewässern. Im Lehm hat man ausserdem einen Baumstamm gefunden, der dort vermutlich während 4000 Jahren konserviert worden ist; eine genauere Altersbestimmung ist jedoch noch nicht geglückt. Er bildet nun eine der vielen Strukturen des neuen Lebensraumes.
Aber auch «neues» Holz hilft bei dessen Gestaltung: Wenn grosse Bäume gefällt werden mussten, schnitt man im Winter – wenn weder Vögel noch Fledermäuse sich darin aufhalten– zuerst nur die Baumkronen bis auf fünf Meter Höhe ab. Die verbliebenen Stämme wurden samt den Wurzelstöcken dann als Buhnen halb im Boden eingegraben, um das neue Glattufer zu befestigen. «Ausserdem sind sogenannte Eichenpyramiden geplant», fährt Marty fort: Dabei werden weitere geschlagene Stämme und Äste zu Pyramiden aufgeschichtet. Die bereits darin lebenden Kleintiere – zum Beispiel auf Eichenholz spezialisierte Käfer – können diese weiter als Lebensraum nutzen. Trotz dieser «Zweitverwertung» habe man versucht, möglichst viele alte Eichen zu erhalten «und dafür auch einen geplanten Veloweg verlegt», sagt Marty. Weitere Lebensräume entstehen durch ein Substrat aus Kies in der Flusssohle, das später eingeplant und extra herangeführt wurde: Es bietet kleinen Wasserlebewesen wie der Köcherfliegenlarve Lebensbedingungen, die auf dem natürlich vorkommenden Lehm nicht gegeben wären. Davon profitieren auch die Fische im Fluss.
Beim Rundgang zeigte sich zudem, dass sich die neue Flusslandschaft auch bei hohem Wasserstand bewährt. «Wir hatten ein Hochwasser, das nur alle 20 Jahre zu erwarten ist, schon nach dem ersten Winter, Ende Juni», erzählt Marty. Dabei sei zwar viel von der kurz davor ausgebrachten Direktbegrünung weggeschwemmt worden. Die Strukturen und der Flusslauf hätten sich aber gut gehalten. «Vielleicht werden wir an den jetzt kahlen Stellen in den Folgejahren noch einmal nachsäen müssen», stellt Marty in Aussicht.
Eisvogel und Flussregenpfeifer
Dabei sind dem Standort entsprechende Pflanzen nicht im Gartencenter erhältlich: Biologinnen und Biologen haben deshalb mit Erlaubnis des Kantons in anderen Naturschutzgebieten entsprechende Samen und im Reppischtal sowie am Greifensee Hunderte Weidenstecklinge gesammelt, die nun an der Glatt Wurzeln schlagen. «Hätten wir die Weiden in einer Gärtnerei bezogen, würden sie vermutlich von zwei oder drei Pflanzenindividuen stammen und wären genetisch sehr ähnlich», begründet Marty den Sammelaufwand. Insgesamt sollen gut 11 600 Sträucher und 345 Bäume gepflanzt werden. Erste Erfolge haben sich auch schon eingestellt: Beobachtet wurde etwa der Eisvogel, der Uferwände aus Lehm oder Sand für seine langen Bruthöhlen braucht, und der Flussregenpfeifer, der seine Eier, die Steinen täuschend ähnlich sehen, auf dem kiesigen Boden legt. Im Projekt hätten beide dieses Jahr jedoch noch nicht gebrütet. Die hier typischen Libellen schwirren umher, und auch der Biber machte sich bemerkbar: «Über den Winter hat er einige junge Weiden gefressen», erzählt Marty. Man werde deshalb erst nächsten Frühling neue pflanzen und teils mit Zäunen schützen.
Da Ausbau, dort Naturschutz
Der Flughafen revitalisiert nicht ganz aus freien Stücken: Wenn er ausbauen will, muss er für die beanspruchten Lebensräume andernorts Ersatz erstellen. «Nach 10 Jahren kontrollieren Fachleute, ob das anvisierte Ziel erreicht wurde», erläuterte Marty, «erst dann werden die Ökopunkte gutgeschrieben.»
Nächsten Sommer sollen die Arbeiten in diesem mittleren Abschnitt des Gesamtprojektes abgeschlossen sein. Dann wird auch der Radweg wieder von der Flughofstrasse ans neue Glattufer verlegt.
Naturschutz braucht Menschen
Der Naturschutzverein Mittleres Glattal NVMG engagiert sich in Opfikon und Wallisellen für die Natur. Und er sucht eine Co-Präsidentin oder einen Co-Präsidenten aus Opfikon, damit beide Städte vertreten sind. Wer Interesse hat, meldet sich bei Co-Präsidentin Nikola Repke.
Informationen bei Nikola Repke, Co-Präsidentin, https://nvmg.ch