Der Zürichsee ist fürs Trinkwasser zentral

Pascal Turin

Der Zürichsee bildet das Rückgrat der Wasserversorgung in der Region. Damit jedoch weiterhin sauberes Trinkwasser aus dem Hahn ins Glas läuft, plant die Stadt Zürich Millioneninvestitionen. Eine grosse Herausforderung sind zudem die Quaggamuschel und die Ewigkeitschemikalien PFAS.

Ein bisschen Regen sorgte rechtzeitig zum Ende der Sommerferien für etwas Linderung und Abkühlung. Die Temperaturen diesen Sommer machten vielen Menschen zu schaffen. Dass die Hitzewellen immer heftiger ausfallen, hatte nicht nur Auswirkungen auf unseren Nationalfeiertag, an dem wegen der anhaltenden Trockenheit auf Feuerwerk und Höhenfeuer verzichtet werden musste.

Ist es zu lange zu trocken, dann steigt die Waldbrandgefahr, die Pegelstände der Flüsse sinken, und den Bauern fehlt das Wasser. Pfungen rief zum Beispiel schon im Juni zum Wassersparen auf. Eine Zeit lang reihte sich Hiobsbotschaft an Hiobsbotschaft. Da kam die Medienkonferenz der Wasserversorgung Zürich inklusive Besuch in der Steuerzentrale in Altstetten gerade recht.

Die gute Nachricht gleich vorweg: Der Stadt Zürich und ihren 67 Partnergemeinden, zu denen auch Kloten, Opfikon und Wallisellen gehören, wird das Wasser in nächster Zeit nicht ausgehen. Denn neben Grundwasser oder Quellwasser steht den Glattaler Gemeinden und ihren jeweiligen Wasserversorgern über die Gruppenwasserversorgung Vororte und Glattal der Zürichsee zur Verfügung.

 

«Wir müssen unsere Ressourcenschützen.»

Adrian Rieder, Leiter Verteilung, Wasserversorgung Zürich

 

In der Stadt Zürich liefert der See rund 70 Prozent des benötigten Trinkwassers, je 15 Prozent stammen aus Grund- und Quellwasservorkommen. Und weil das Wasser im See in einer Tiefe von 35 Metern gefasst wird, sorgt der ungewohnt tiefe Wasserstand der letzten Tage nicht für Probleme. «Zürich hat ein geografisches Glück wegen des Zürichsees», sagte FDP-Stadtrat Michael Baumer vor den zahlreich erschienenen Medien.

Versorgungssicherheit nicht gratis

Damit die Versorgung mit Trinkwasser trotz des Bevölkerungswachstums und des Klimawandels in Zukunft klappt, stehen allerdings Investitionen an. «Eine funktionierende Infrastruktur ist nicht nur einfach angenehm, sondern die Grundlage für eine erfolgreiche und lebenswerte Stadt Zürich», erklärte Baumer. Er ist Vorsteher des Departements der ­Industriellen Betriebe und damit Chef der Verkehrsbetriebe Zürich, des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich sowie auch der Wasserversorgung.

Baumer stellte den neuen Masterplan mit dem etwas sperrigen Namen «Generelles Wasserversorgungsprojekt» vor. Das Dokument soll als Planungsinstrument dienen. Es enthält Prognosen bis 2040 sowie 2070. Fazit: Wenn Werke, Reservoire und Leitungen rechtzeitig erneuert werden, dann sollte die Trinkwasserversorgung auch bei Hitzewellen, Trockenperi­oden oder technischen Ausfällen sicher sein. Als grösseres Vorhaben steht laut der Wasserstrategie der teilweise Ersatz der rund 30 Kilometer langen Quellwasserleitung aus dem Sihltal und dem Lorzental im Kanton Zug bevor.

Zudem werden laufend zum Teil sehr alte Leitungen ersetzt, pro Jahr sind es ­gemäss Planung rund 25 Kilometer. Ebenfalls vorgesehen ist der Neubau des 1914 erbauten Seewasserwerks Moos in Wollishofen. Es könnte voraussichtlich 2040 in Betrieb genommen werden. Anschliessend soll die Modernisierung des 1960 erbauten Seewasserwerks Lengg im Kreis 8 folgen.

Die jährlichen Ausgaben belaufen sich nach aktuellem Stand auf etwa 35 bis 45 Millionen Franken. Davon sollen rund 25 bis 30 Millionen Franken in die Erneuerung des Leitungsnetzes fliessen. Und der Neubau des Seewasserwerks Moos werde wohl mehrere hundert Millionen Franken kosten, führte Adrian Rieder, Leiter Verteilung bei der Wasserversorgung, aus. Im Moment sind Variantenstudien in Erarbeitung. Am Horizont zeichnet sich deshalb eine Gebührenerhöhung ab. Die Wasserversorgung ist zwar nicht gewinnorientiert, sollte aber kostendeckend finanziert sein.

Wasserverbrauch nimmt wieder zu

Für viele überraschend dürfte sein, dass trotz Trockenheit und Hitze der Wasserverbrauch bis Ende der 1970er-Jahre in Zürich viel höher war als heute. Grund war die damals stärker vorhandene Industrie. Klassische Fabriken gibt es zwar kaum mehr in der Limmatstadt, aber durch das Bevölkerungswachstum und die Verdichtung steigt der Verbrauch nun langsam wieder an.

2026 lieferte die Wasserversorgung Zürich bisher am 25. Juni mehr Wasser als an allen anderen Tagen in diesem Jahr, nämlich rund 242 000 Kubikmeter, was 242 Millionen Litern oder etwa 161 Millionen 1,5‑Liter-Cola-Flaschen entspricht. Bis Ende Juni waren es an einem durchschnittlichen Tag rund 160 000 Kubik­meter, also 160 Millionen Liter oder rund 107 Millionen 1,5‑Liter-Cola-Flaschen.

Für die Stadt Zürich und ihre Vertragspartner prognostiziert die Wasserversorgung bis 2040 einen durchschnittlichen Tagesverbrauch von rund 190 000 Kubikmetern. Der maximale Tagesverbrauch könnte dann 300 000 Kubikmeter betragen. Zum Vergleich: Die maximale Werkskapazität beträgt heute 500 000 Kubikmeter Wasser pro Tag.

PFAS-Rückstände als Problem

Doch nicht nur die Erneuerung der Anlagen und der langsam steigende Wasserverbrauch beschäftigen die Wasserversorgung Zürich. Eine grosse Herausforderung ist die schädliche Quaggamuschel. Sie verdrängt einheimische Tierarten und kann Wasserfassungen für Trinkwasser verstopfen. Die Wasserversorgung desinfiziert die Seeleitungen darum mit Stosschlorungen. Dabei wird die Seeleitung mit einer chlorhaltigen Lösung gespült, um die Larven der Muscheln abzutöten.

Zunehmend problematisch sind ausserdem die Ewigkeitschemikalien PFAS (per- und polyfluorierte Alkylverbindungen). Sie sind in der Umwelt nahezu nicht abbaubar, wie das Bundesamt für Umwelt auf seiner Website schreibt. Das Aufbereiten des Trinkwassers wird durch PFAS immer teurer. Die Zeche zahlen am Ende die Verbraucherinnen und Verbraucher.

Immerhin: Die Chance ist sehr gering, dass der Zürichsee dereinst als Trinkwasserressource komplett ausfällt, weil er gravierend verschmutzt wäre und das Seewasser gar nicht mehr aufbereitet werden könnte. Zu diesem Schluss kommt eine Risikoanalyse. Aber: «Wir müssen unsere Ressourcen schützen», betonte Rieder. Sei es der See, das Grundwasser oder die Quellen. «Wasser ist nicht ersetzbar.»