Der Kanton tritt aufs Velopedal
Mountainbiken boomt, doch wer im Kanton Zürich legal unterwegs sein will, hat wenige Optionen. Offizielle Trails gibt es nur vereinzelt. Ein neues Konzept regelt nun erstmals die Rechtslage und will bis 2042 ein dichtes Netz schaffen.
Neu dürfen grundsätzlich alle Wege, die auf der Swisstopo-Karte eingezeichnet sind, auch mit dem Mountainbike (MTB) befahren werden – sofern vor Ort kein Verbot signalisiert ist. So hält es ein unabhängiges Rechtsgutachten fest, das der Kanton Zürich im Rahmen seines neuen Mountainbike-Konzepts in Auftrag gegeben hat. Was auf den ersten Blick nach einer einfachen Regel klingt, kommt im Kanton einem eigentlichen Paradigmenwechsel gleich.
Der Sport hat sich zwar längst etabliert, doch die Strukturen in Zürich hinken hinterher. Während im Wallis oder in Graubünden ein dichtes Netz an Trails und Infrastruktur entstanden ist, trat der Kanton Zürich lange auf der Stelle. Mountainbiken zählt hier zu den Top-15-Sportarten – rund 5,6 Prozent der Bevölkerung, also über 150 000 Personen, fahren im Schnitt 25-mal pro Jahr aus. 2022 gab es im gesamten Kanton gerade einmal sechs offizielle Trails, zwei signalisierte MTB-Routen und einen einzigen Bikepark, wie eine Erhebung zeigte, die das Amt für Mobilität und das Sportamt 2023 bei Allegra Trails in Auftrag gegeben hatten. Über den gesamten Kanton verteilt wurden 36 Hotspots identifiziert, an denen jährlich mehr als 5000 Fahrten stattfinden – nur sechs davon verfügten über ein offizielles Angebot.
Ein Postulat als Auslöser
Das Mountainbike-Konzept, das der Regierungsrat im November 2025 verabschiedet hat, ist nicht aus dem Nichts entstanden. Es brauchte einen Anschub aus dem Parlament: Ein Postulat aus dem Kantonsrat, das Anfang 2024 überwiesen wurde, forderte den Regierungsrat auf, die rechtlichen Grundlagen zu klären und ein auf Koexistenz ausgerichtetes Konzept zu erarbeiten. Parallel dazu sorgte das seit 2023 gültige nationale Veloweggesetz für den nötigen gesetzlichen Rückenwind: Es verpflichtet die Kantone, bis 2027 ein Mountainbike-Netz zu planen und bis 2042 umzusetzen.
Erstmals wurde damit eine gemeinsame Grundlage geschaffen. Denn wie das Konzept festhält, fehlte bis dahin «ein klarer Auftrag mit einem gemeinsam vereinbarten Ziel, wie mit dem Thema MTB im Kanton Zürich in Zukunft umgegangen werden soll». Fünf kantonale Ämter hatten zwar seit 2020 eine gemeinsame Arbeitsgruppe geführt, waren dabei aber immer wieder hängengeblieben – weil, wie es im Konzept heisst, «die bisherigen Versuche aufgrund der unterschiedlichen Interessen und der fehlenden Rechtsgrundlagen kein Ergebnis brachten». Das Rechtsgutachten schafft nun Klarheit: Erlaubt ist, was kartiert ist. Rückegassen, Trampelpfade und das Fahren querfeldein bleiben tabu (mehr zum Konzept in der blauen Box).
Zusammen auf demselben Weg
Mountainbiker, Wandernde, Joggerinnen und andere Waldnutzende sollen dieselben Wege teilen – Koexistenz ist eines der Grundprinzipien des Konzepts: «Rücksichtnahme und gegenseitiger Respekt bilden die Grundlage für die sichere und gemeinsame Nutzung des Strassen- und Wegnetzes.» Fussgänger haben dabei grundsätzlich Vortritt. Dass das Konzept auf Koexistenz setzt, hat auch einen einfachen Grund: Im Kanton Zürich sind nur 14 Prozent aller Strassen und Wege als Wanderwege klassiert, in Graubünden ist es die Hälfte. Für ein eigenständiges Mountainbike-Netz fehle schlicht der Platz. Das MTB-Angebot solle deshalb «primär aus vorhandenen Infrastrukturen bestehen und nach Bedarf mit neuen MTB-Strecken und MTB-Anlagen ergänzt» werden. Dies mit dem Ziel, «eine lenkende Wirkung zu erzeugen und dadurch das übrige Strassen- und Wegnetz zu entlasten».
Laut der Erhebung, die das Amt für Mobilität und das Sportamt 2023 in Auftrag gegeben hatten, dürfte Koexistenz kein Problem sein: Zwischen 85 und 91 Prozent der befragten Mountainbikenden hielten sie auf schmalen Wegen für grundsätzlich möglich.
Abwarten im Hardwald
Der Hardwald gehört nicht zu den 19 Fokusräumen des Konzepts. Dennoch sind auch dort Mountainbiker unterwegs und teilen sich die Wege mit Joggern, Spaziergängerinnen und Hunden. Offizielle MTB-Infrastruktur gibt es im Gebiet zwischen Kloten, Bassersdorf, Dietlikon, Wallisellen und Opfikon bislang keine. Die Gemeinden sind im Zweckverband Forstrevier Hardwald Umgebung zusammengeschlossen.
Die Stadt Kloten ist im Zweckverband nicht dabei. Auf ihrem Gemeindegebiet zeigt sich laut Stadt ein verträgliches Bild: Die Mehrheit der Bikenden bewege sich auf Waldstrassen, Konflikte hielten sich in Grenzen. «Das Prinzip der ‹Koexistenz› wird begrüsst und funktioniert im Hardwald grundsätzlich gut», schreibt die Stadt. Sperrungen seien nicht vorgesehen, Projekte für MTB-Infrastruktur plane man derzeit keine. «Sollten die Standortgemeinden jedoch stark wachsen, werde der Druck auf den Wald steigen – und die Situation müsste dannzumal neu beurteilt werden», schreibt die Stadt weiter.
Aus Wallisellen, wo der Zweckverband seinen Sitz hat, heisst es in Koordination mit dem Forstrevier: «Mit der Festsetzung des Konzepts durch den Regierungsrat hat sich unmittelbar noch nichts an der aktuellen Situation geändert.» Die Umsetzung erfolge schrittweise, das Forstrevier stehe im Austausch mit den kantonalen Stellen. Ähnlich tönt es aus Opfikon: «Da uns das Konzept derzeit noch nicht ausreichend bekannt ist, können wir zum jetzigen Zeitpunkt keine fundierte Stellungnahme abgeben.»
Langer Weg bis 2042
Dass es im Hardwald heute schwierig ist zu beurteilen, welche Wege legal befahren werden dürfen und welche nicht, bestätigt Revierförster Güst Erni: «Die Umsetzung ist sehr schwierig, deshalb erhoffen wir von der neuen Regelung mehr Klarheit.» Dabei mahnt er auch zur Rücksicht gegenüber der Tierwelt: «Die Wildtiere haben leider kein Sprachrohr.» Christian Trafelet, Inhaber der Velolounge in Kloten und regelmässiger Nutzer des Hardwalds, sieht das im Alltag ähnlich: «Mit etwas Rücksicht und reduziertem Tempo kommt man gut aneinander vorbei.»
Das Konzept steht auf dem Papier. Netzplanungen müssen erarbeitet, Wegleitungen erstellt, Signalisationen aufgebaut werden. Bis 2027 soll das kantonale MTB-Angebot geplant, bis 2042 umgesetzt sein. Flurin Dörig, Co-Präsident der IG MTB Zürich, sieht das Konzept als Schritt in die richtige Richtung, mahnt aber: «Das Konzept ist ein guter Start – entscheidend ist jedoch seine Umsetzung. Dafür braucht es nachvollziehbare Berechnungen, genügend Ressourcen und einen konkreten Plan, sonst lassen sich die Ziele der Strategie nicht erreichen.»
Das steht im Mountainbike-Konzept des Kantons Zürich
Der Regierungsrat hat das Mountainbike-Konzept im November 2025 verabschiedet. Es legt den Grundstein für ein bedarfsgerechtes MTB-Angebot im Kanton und gilt bis Ende 2042. Das Konzept definiert 19 Fokusräume, in denen das Angebot gezielt ausgebaut werden soll – darunter Gebiete wie «Uetliberg-Felsenegg», «Lägeren-Regensberg» oder «Bachtel». Neue Infrastrukturen sind grundsätzlich ausserhalb von Schutzgebieten anzulegen. Regierungsrat und Baudirektor Martin Neukom (Grüne) schreibt zum Konzept: «Das Zauberwort lautet Koexistenz – von Natur und Sport, von Bikerinnen und Bikern mit anderen Waldnutzenden.»
Der Regierungsrat wolle die Infrastruktur gezielt dort ausbauen, wo die Nachfrage besonders gross sei – um sensible Gebiete besser zu schützen und Konflikten vorzubeugen. Die Umsetzung ist eine gemeinsame Aufgabe von Kanton und Gemeinden. Der Kanton plant und finanziert die Routen, die Gemeinden legen ihr lokales Angebot in den kommunalen Richtplänen fest und arbeiten bei der Planung in den Fokusräumen mit. Konkret bedeutet das: Die Gemeinden müssen prüfen, ob sie in einem Fokusraum liegen, und sich frühzeitig mit der MTB-Netzplanung auseinandersetzen. Für den Bau von MTB-Anlagen können sie Beiträge aus dem kantonalen Sportfonds beantragen. Sowohl für den Kanton als auch für alle Gemeinden zusammen ist mit einem Investitions- und Unterhaltsbedarf von jeweils rund 800 000 Franken pro Jahr zu rechnen. Erste Umsetzungen sind frühestens ab 2028 zu erwarten.
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