Der gute Rat: Wenn Nähe eng wird – warum Krisen in Beziehungen Entwicklung ermöglichen

Katrin Lukas

In jeder Beziehung kommt der Moment, in dem die Vertrautheit brüchig wird. Paare, die zuvor selbstverständlich miteinander durchs Leben gingen, geraten plötzlich in Konflikte, fühlen sich zurückgewiesen oder eingeengt oder verlieren die Leichtigkeit im Umgang miteinander. Was sich schmerzhaft und bedrohlich anfühlt, ist aus Sicht der Paartherapie kein Zeichen des Scheiterns, sondern ein natürlicher Schritt in der Entwicklung einer Partnerschaft.

Beziehungen bewegen sich immer im Spannungsfeld zwischen Nähe und Eigenständigkeit. Menschen wünschen sich Verbundenheit, wollen sich aufeinander einlassen und zueinander gehören – und gleichzeitig frei bleiben, eigene Bedürfnisse verfolgen und sich selbst im Blick behalten. Diese Dualität lässt sich nicht auflösen; sie ist ein Grundprinzip menschlicher Bindung. Solange beide Partner ähnliche Wünsche und Ziele haben, bleibt dieses Spannungsfeld unsichtbar. Doch sobald Unterschiede auftauchen – und das tun sie früher oder später immer –, beginnt es zu knirschen. Konflikte treten an dieser Stelle auf, nicht weil etwas schiefgelaufen ist, sondern weil die Beziehung sich weiterentwickelt, also in eine neue Phase übergeht.

In der Paartherapie ist ein erster Schritt in Richtung Differenzierung, die Klienten vom «Wir» zum «Ich» zu führen. Ein zentraler Schritt in der Therapie besteht deshalb darin, diesen Blick nach innen zu lenken. Statt über das gemeinsame «Wir» zu sprechen, wird gefragt: «Was fühle ich? Was brauche ich? Wovor habe ich Angst? Wie reagiere ich, wenn es schwierig wird?» Die Fähigkeit, die eigene Position zu erkennen und auszudrücken, ist ein Kernelement der Selbstdifferenzierung. Nur wenn die Partnerpersonen ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche kennen und austauschen können, entsteht ein ehrlicher Umgang und so auch Verbundenheit. Wenn beide es aushalten lernen, dass das Gegenüber andere Bedürfnisse hat, dies nicht mehr bedrohlich für das eigenen Selbst ist, kann auch Interesse für die andere Position entstehen. Solange Angst vor den Unterschieden und hohe Spannung da sind, ist dieses wohlwollende Interesse am anderen schwer möglich, und so bleibt das Gegenüber und der Unterschied zwischen den zwei Liebenden bedrohlich.

Wenn Paare unter Spannung ihre Stabilität verlieren und die Reaktion des anderen das eigenen Verhalten lenkt, dann sind die Partnerpersonen emotional miteinander verstrickt. Der US‑amerikanische Therapeut David Schnarch beschreibt diese Verstrickung als «emotionale Fusion» – ein Zustand, in dem das eigene Selbstgefühl stark davon abhängt, wie der andere reagiert. Ein Blick, ein Seufzer oder ein Schweigen genügt, um Unruhe auszulösen. Wer sich nur dann sicher fühlt, wenn der andere zustimmt, verliert leicht seinen eigenen Standpunkt. Was ursprünglich als Nähe empfunden wurde, kippt dann in das Gefühl von Einengung oder Abhängigkeit. Einige erleben ein Gefühl, sich selbst zu verlieren, wenn sie in die Nähe gehen. Häufige Reaktionen, wenn es schwierig und emotional zu angespannt wird, sind Rückzug, Anpassung oder Angriff – Muster, bei denen das Paar sich emotional ­immer weiter voneinander entfernt, weil keiner sich wirklich gesehen oder frei fühlt.

 

«Denn Liebe auf Dauer entsteht, wenn zwei Menschen sich nahe sind – nicht weil sie sich brauchen, sondern weil sie sich wollen. So wie sie sind.»

Katrin Lukas, Paarberaterin und Mediatorin

 

In der Paartherapie wird sichtbar, wie hartnäckig Paare an ihren gewohnten Reaktionsmustern festhalten. Manche geraten sofort in Streit, andere ziehen sich demonstrativ zurück oder schweigen. Doch hinter diesen Mustern stecken keine bösen Absichten, sondern Versuche, emotionale Spannung zu regulieren. Erst wenn Paare erkennen, welche Dynamiken sie unbewusst ausgelöst haben und wie sie ineinandergreifen, kann Veränderung beginnen. Ein hilfreiches Werkzeug ist dabei die gemeinsame Betrachtung des «Problemlöse-Kreislaufs»: Wann wird es für mich schwierig? Worunter leide ich? Wie reagiere ich darauf? Welche Wirkung hat das auf die andere Person? Und was löst deren Reaktion wiederum bei mir aus? Durch das Sichtbarmachen dieser Abfolge wird klar, dass nicht die Partnerperson die eigenen Emotionen verursacht, sondern dass jeder Verantwortung für seine Reaktionen trägt.

Schnarch betont vier zentrale Fähigkeiten, die Menschen in schwierigen Momenten stabil halten: ein klares, stabiles Selbst; die Fähigkeit, sich unter Druck zu regulieren; innere Ruhe; und die Beharrlichkeit, unangenehme Gefühle auszuhalten, statt sie zu vermeiden. Reife Liebe, so beschreibt er, entsteht nicht dadurch, dass Partner sich gegenseitig beruhigen oder Bestätigung liefern, sondern dadurch, dass jeder lernt, sich selbst zu regulieren und in der Nähe des anderen authentisch zu bleiben.

Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang das Phänomen des ungleichen Begehrens, das in fast allen Beziehungen vorkommt – sei es im Alltag, in emotionalen Bedürfnissen oder im sexuellen Kontakt. Fast immer gibt es jemanden, der mehr möchte, und jemanden, der weniger möchte. Interessanterweise steuert diejenige Person, die weniger will, die Dynamik, weil die andere Person sich anpassen muss. Wenn eine Partnerperson weniger Sex will, muss die andere Partnerperson sich notgedrungen anpassen. Doch auch hier eröffnet die Differenzierung eine Chance: Statt den Partner verändern zu wollen, geht es darum, die eigene Unsicherheit zu erkennen und auszuhalten, wenn das Gegenüber andere Bedürfnisse hat. In der Paartherapie werden diese Spannung betrachtet und es wird geschaut, wann die Partnerpersonen die eigene Stabilität verlieren und die Verbindung zu ihrem Lieblingsmenschen dadurch kappen, dass sie in die Anpassung, den Rückzug oder den Angriff gehen.

Krisen und diese Spannungsmuster fordern also beide heraus, Klarheit über sich selbst zu gewinnen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Paare, die diesen Prozess durchlaufen, berichten nicht nur von weniger Konflikten, sondern von einer tieferen, reiferen Form der Verbundenheit. Denn Liebe auf Dauer entsteht, wenn zwei Menschen sich nahe sind – nicht weil sie sich brauchen, sondern weil sie sich wollen. So wie sie sind.

Katrin Lukas, Paarberaterin bei Paarberatung im Kanton Zürich, Beratungsstelle Bülach

Neue Paar‑Sessions in Bülach: Impulse für eine stärkende Beziehung

Gemeinsam aus dem Alltag ausbrechen und der eigenen Partnerschaft neue Energie schenken – dazu laden die «Paar‑Sessions Bülach» ab März 2026 ein. An drei Donnerstagabenden erhalten Paare inspirierende Impulse, die helfen, Kommunikation, Nähe und Distanz sowie den Umgang mit Konflikten besser zu gestalten.

Die Sessions richten sich an Paare jeden Alters, die ihre Beziehung reflektieren und vertiefen möchten. Vermittelt werden alltagsnahe Inputs, die direkt vor Ort ausprobiert werden können.

19. März – «Knack’ den Liebescode»

Der Auftakt widmet sich der Paarkommunikation: Was fördert gegenseitiges Verständnis? Wie lassen sich Missverständnisse entschärfen? Die Teilnehmenden erhalten leicht umsetzbare Ideen für gelingende Gespräche.

Donnerstag, 9. April – «Schieflage?!»

Am zweiten Abend geht es um die Balance zwischen Nähe und Distanz. Bindung und Autonomie sind grundlegende Bedürfnisse – wie finden Paare hier ein gesundes Gleichgewicht?

Donnerstag, 7. Mai – «Wer hat denn da angefangen…?!»

Zum Abschluss dreht sich alles um Konflikte. Gezeigt wird, wie Paare aus Eskalationsspiralen aussteigen und Streit konstruktiv gestalten können.

Die Veranstaltungen finden jeweils von 19 bis 21 Uhr im Bistro «Im Guss», Schaffhauserstrasse 106 in Bülach, statt. Die Teilnahme kostet CHF 40.– pro Paar und Abend, inklusive eines Freigetränks pro Person.

Die Leitung inne haben Katrin Lukas und Werner Klumpp von der Beratungsstelle Bülach der Paarberatung Kanton Zürich.Da die Plätze begrenzt sind, wird um rechtzeitige Anmeldung gebeten: paarberatung.zuerich oder 044 252 80 70.  

Ein Beziehungsratgeber auf 404 Seiten (exkl. Anmerkungen) von Julie Schwartz Gottman & John M. Gottman. Auf Deutsch erschienen 2024 im Ullsteinverlag.

Informationen: paarberatung.zuerich