Der gute Rat: Warum Paare streiten – und daran wachsen können
Streit gehört zu jeder Beziehung: Zwei Menschen – oft zwei unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse, unterschiedliches Wollen und Gebenwollen. Auch wenn viele Paare ihn vermeiden möchten, Konflikte sind kein Zeichen für eine schlechte Beziehung, im Gegenteil. Oft sind sie Ausdruck dafür, dass uns die andere Person wichtig ist.
Wer streitet, zeigt: «Du bedeutest mir etwas, und mir ist nicht egal, was zwischen uns passiert. Ich setze mich ein für das, was mir wichtig ist.» Doch warum sind manche Konflikte emotional so schwierig? Warum verhalten sich Paare dabei verletzend und fies miteinander? So kann es vorkommen, dass nach einem Konflikt eisige Kälte herrscht und die Partner*innen mehrere Tage nicht miteinander sprechen. Bei anderen Paaren hingegen muss die Versöhnung möglichst schnell folgen. Die Uneinigkeit und die daraus entstehenden Spannungen werden kaum ausgehalten. Einer oder beide machen dann Kompromisse und Zugeständnisse, die sie später bereuen und dem anderen übelnehmen. So setzt sich die Streitspirale fort.
Menschen gehen sehr unterschiedlich mit Konflikten um. Grundsätzlich lassen sich drei typische Arten des Streitens beobachten. Manche Paare vermeiden Streit so weit wie möglich. Diese «harmonischen Vermeider» sprechen unangenehme Themen nur kurz an oder gar nicht. Das wirkt zunächst friedlich, birgt aber ein Risiko: Ungesagte Dinge stauen sich an und können irgendwann zu Frust oder Misstrauen führen. Andere schauen genauer hin. Die «verständnisvollen Verhandler» diskutieren ausführlich, wägen Argumente ab und versuchen, gemeinsam eine faire Lösung zu finden. Solche Gespräche können zwar lang werden, führen aber oft zu mehr Klarheit und gegenseitigem Verständnis. Und dann gibt es die «leidenschaftlichen Verfechter». Hier wird laut, direkt und emotional gestritten, manchmal schon über Kleinigkeiten. Gleichzeitig wird die Versöhnung ebenso intensiv gelebt. Das kann verbindend sein, birgt aber auch die Gefahr, auf Dauer verletzende Spuren zu hinterlassen.
Schwierig wird es besonders dann, wenn zwei sehr unterschiedliche Streitstile aufeinandertreffen, etwa wenn eine Person Konflikte vermeiden möchte, während die andere sie aktiv austrägt. Es ist deshalb hilfreich, die eigenen Muster und Reaktionen zu kennen, wenn es emotional schwierig wird. Entscheidend ist nicht, ob Paare streiten, sondern wie sie streiten. Bestimmte Verhaltensweisen wirken besonders zerstörerisch. Dazu gehören vor allem persönliche Angriffe, ständiges Verteidigen und Rechtfertigen, abwertende Bemerkungen oder Spott, Rückzug und Schweigen. Der amerikanische Paarforscher John Gottman bezeichnete diese Verhaltensweisen als die «vier apokalyptischen Reiter». Sie können eine Beziehung auf Dauer erheblich schädigen und langfristig sogar zerstören. Solche Muster führen dazu, dass sich die Fronten verhärten. Statt einander zuzuhören und sich wirklich für den anderen zu interessieren, geht es nur noch darum, Recht zu behalten, den anderen kleinzumachen oder den eigenen Kopf zu retten.
«Entscheidend ist nicht, ob Paare streiten, sondern wie sie streiten.»
Viele Paare geraten in ihren typischen Reaktionskreislauf. Wir nehmen unser Gegenüber wahr und interpretieren dessen Verhalten, geprägt durch unsere eigenen Erfahrungen, Erwartungen und Überzeugungen: «Du nimmst keine Rücksicht, dir ist es egal, was ich fühle.» Diese Gedanken lösen Gefühle aus: Ärger, Wut, Traurigkeit. Daraus entsteht eine Reaktion: Sie schreit: «Du nimmst nie Rücksicht, du bist so chaotisch.» Diese hat eine Wirkung auf die Partnerperson und löst dort eine Reaktion aus: Türknallen und rausgehen. Dies wiederum wirkt zurück und bestätigt die Interpretation: «Er geht einfach, ihm ist es egal, wie ich mich fühle.» Anders gesagt: Ein Verhalten des einen löst beim anderen eine Reaktion aus, diese verstärkt wiederum das ursprüngliche Verhalten und so weiter. Was den einen beruhigen soll, bringt den anderen erst recht auf. Dabei steigt die emotionale Spannung, spürbar im Körper. Diese Spannung hat einen enormen Einfluss auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Ein System unter Spannung nimmt anders wahr und reagiert auf einer anderen Ebene als ein ruhiges System.
Ein System unter Spannung bedeutet: Das Nervensystem befindet sich im Alarmmodus. Die vier typischen Reaktionen eines alarmierten Nervensystems werden heute meist als die 4 Fs bezeichnet. Gerät unser Nervensystem in Alarmbereitschaft, greifen wir meist auf erlernte Überlebensstrategien zurück. Typische Reaktionen sind Kampf (Fight), Flucht (Flight), Erstarrung (Freeze) oder Anpassung (Fawn). Der eine wird laut und konfrontativ, die andere zieht sich zurück, eine dritte Person schweigt und blockiert, während jemand anderes rasch nachgibt und die eigenen Bedürfnisse zurückstellt. Diese Reaktionen sind keine bewusste Entscheidung, sondern automatische Schutzmechanismen unseres Nervensystems. Genau deshalb reagieren Paare in Konflikten oft immer wieder nach denselben Mustern.
Steigt die innere Spannung auf einer Skala von 0 bis 100 über etwa 75, wird konstruktives und wohlwollendes Verhalten zunehmend schwierig. Dann übernehmen Emotionen und die erlernten Überlebensstrategien die Führung, und die Fähigkeit, auf Augenhöhe in Kontakt zu bleiben, nimmt deutlich ab. Die erste wichtige Veränderung ist deshalb die Selbstberuhigung. Ohne eine Beruhigung des eigenen Nervensystems bleiben Paare in ihrer Konfliktspirale gefangen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Es braucht viel Energie, sich in einer emotional aufgeladenen Situation selbst zu regulieren. Wesentlich einfacher in dem Moment ist es, den gewohnten Mustern zu folgen.
Ein erster Schritt kann die Selbstbeobachtung sein. Zu beobachten, wann trifft mich was und wann steigt die Spannung. Die Wahrnehmung im Körper kann helfen, auf sich zu fokussieren, und dies bringt schon etwas Beruhigung. Sie hilft dabei, zwischen Reiz und Reaktion einen Raum zu schaffen. Einen Raum, in dem wir etwas Abstand zum Verhalten des Gegenübers gewinnen können. Hilfreich kann auch sein, in einem ruhigen Moment hinter die eigenen Gefühle zu schauen. Was genau hat beim Anblick der chaotischen Garderobe diesen heftigen Ärger ausgelöst? Wut ist oft nur die Oberfläche. Dahinter liegen häufig Enttäuschung, Angst, Verletzlichkeit oder das Bedürfnis nach Nähe, Wertschätzung und Anerkennung.
Wer diese Gefühle bei sich selbst erkennt, bewegt sich auf einer anderen Ebene. Man ist mehr bei sich selbst, kann eigenverantwortlich mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen umgehen und für diese einstehen. Dadurch wird auch ein anderer Kontakt zum Gegenüber möglich. Statt Vorwürfe zu formulieren wie: «Du machst immer ein Chaos in der Garderobe. Dir ist nicht wichtig, wie ich mich dabei fühle», kann man aus der eigenen Bedürfnislage heraus sprechen und Verantwortung für sich selbst übernehmen: «Ordnung in der Garderobe ist mir wichtig. Ich weiss, dass du dazu eine andere Haltung hast, nicht um mich zu ärgern, sondern weil du anders bist als ich. Ich möchte mir überlegen, wie ich besser damit umgehen kann, und gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir gemeinsam eine Lösung finden.»
Ein konstruktiver Konflikt zeichnet sich dadurch aus, dass beide Seiten gehört werden. Es geht nicht darum, zu gewinnen oder einverstanden zu sein, sondern darum, dem anderen zuzuhören. Neugier und die Bereitschaft, die Sichtweise des Gegenübers nachzuvollziehen, sind dabei entscheidend. Sich nicht von der Aufgebrachtheit des anderen anstecken zu lassen, ohne sich total zu distanzieren, ist zudem eine wichtige Komponente beim Streiten. Ebenso wichtig ist es, sich zu zeigen mit den eigenen Wünschen: Was brauche ich? Was wünsche ich mir? Und was bin ich bereit, selbst einzubringen? Auch in guten Beziehungen kommt es zu Verletzungen. Entscheidend ist, wie Paare danach miteinander umgehen. Fehler einzugestehen, sich zu entschuldigen und dem anderen zu verzeihen, sind zentrale Schritte für eine gelingende Beziehung. Beziehungen entwickeln sich durch gemeinsame Erfahrungen, insbesondere durch schwierige.
Katrin Lukas, Paarberatung und Mediation im Kanton Zürich, Beratungsstelle Bülach