Buchtipp: «Der letzte Sommer der Tauben» von Abbas Khider
Ein eindringlicher Roman über Kindheit, Freiheit und das Leben unter einer brutalen Gewaltherrschaft.
Noah ist vierzehn Jahre alt und verbringt jede freie Minute auf dem Dach seines Onkels Ali. Dort kümmert er sich um seine Tauben, beobachtet ihren Flug und geniesst die seltenen Momente von Freiheit. Doch eines Tages wird diese Freiheit bedroht: Über der Stadt kreisen Helikopter, bewaffnete Mudschaheddin übernehmen die Macht und rufen ein Kalifat aus. Schritt für Schritt verändert sich das Leben der Menschen. Frauen müssen einen Niqab tragen und dürfen das Haus nicht mehr allein verlassen. Musik, Freude und jede Form von unbeschwerter Lebensfreude werden unterdrückt. Selbst die Tauben geraten ins Visier der neuen Machthaber.
Mit seinem Roman «Der letzte Sommer der Tauben» erzählt Abbas Khider eindringlich von einer Gesellschaft, die zunehmend von Angst, Kontrolle und Gewalt bestimmt wird. Im Mittelpunkt steht der junge Noah, der miterleben muss, wie die Welt seiner Kindheit zerbricht. Sein Vater passt sich den neuen Verhältnissen an und schwärzt Frauenkörper auf Werbefotos, sein älterer Bruder macht Karriere in einer Sicherheitsbehörde des Regimes. Noah dagegen findet Halt bei seinem Onkel Ali, der sich der allgegenwärtigen Unterdrückung auf leise, aber entschlossene Weise widersetzt.
Ohne einen konkreten Ort oder eine bestimmte Zeit zu nennen, erinnert Khiders Erzählung an die Schreckensherrschaft islamistischer Regimes wie des sogenannten Islamischen Staates oder der Taliban. Gerade diese Offenheit verleiht dem Roman eine universelle Dimension. Er handelt nicht von einer bestimmten Region oder Epoche, sondern von den Mechanismen jeder Diktatur: von Anpassung und Widerstand, von Angst und Hoffnung, vom Versuch, Menschlichkeit zu bewahren, wenn Freiheit und Selbstbestimmung verloren gehen.
Khider erzählt mit grosser sprachlicher Klarheit, feinem Humor und bemerkenswerter Zartheit. Besonders berührend ist die Perspektive des jugendlichen Protagonisten, dessen Blick die Grausamkeit der Ereignisse ebenso sichtbar macht wie die kleinen Momente des Mutes und der Solidarität. Die Tauben werden dabei zu einem starken Symbol für Frieden, Freiheit und die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben.
Ein bewegender, nachdenklich stimmender Roman über den Verlust der Kindheit und die Kraft des Widerstands – erzählt mit grosser Menschlichkeit und literarischer Intensität.
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