Bronze im Herzen, Draft im Blick

Richard Stoffel

Eine Woche ist seit dem imponierenden Bronzemedaillen-Gewinn der Schweizer Eishockey-Frauen bei Olympia vergangen. Doch der Moment, als die Schweizerinnen mit der Medaille um den Hals bei der Schlussfeier einliefen, wirkt noch immer nach – auch bei der Klotenerin Andrea Brändli.

Wie schon beim ersten Medaillengewinn in Sotschi 2014 holte die Schweiz Bronze mit einem Sieg gegen Schweden. Und erneut war Alina Müller die entscheidende Torschützin: Diesmal erzielte sie das 1:0 in der Verlängerung, 2014 hatte sie als 15-jähriges Team-Küken das 4:3-Siegtor geschossen. Müller, die an der Schlussfeier die Schweizer Flagge trug, und Andrea Brändli wurden ins Olympia-Allstarteam gewählt. Die 28-jährige Klotenerin Brändli wurde zudem als beste Torhüterin des Turniers ausgezeichnet. Eine Ehrung, mit der sie selbst nicht gerechnet hatte.

Im Gespräch mit dem «Klotener Anzeiger»/«Stadt-Anzeiger» blickt sie auf emotionale Tage zurück. Gleichzeitig richtet Brändli den Fokus gleichzeitig bereits wieder nach vorne. Wegen einer Norovirus-Infektion hatte sie die Eröffnungsfeier verpasst. Umso bedeutender wurde für Brändli der Moment der Schlussfeier. Nachfolgend das Exklusiv-Interview.

Wie erlebten Sie nun die Schlussfeier?

Das Speziellste war sicher, dass wir mit einer Medaille um den Hals einlaufen konnten. Dieses Gefühl war einfach unglaublich. Und das konnte nicht jeder Athlet.

Zur persönlichen Auszeichnung als beste Torhüterin des gesamten Turniers. Es ist eine Wahl, die sie selbst überraschte.

Das erwartete ich nicht. Ich dachte, dass die amerikanische Torhüterin diese Auszeichnung erhalten würde (die USA gewannen sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen Gold – Red.). Die Auszeichnung war eine Wertschätzung auch für das Team. Denn ein guter Torhüter kann dies nicht ohne das Team schaffen.

Welche Reaktionen erhielten Sie darauf?

Die kamen von überall her. Aber besonders überraschend und berührend war, dass die Gratulationen von den anderen Teams des Olympia-Turniers kamen. Oft wurde mir gesagt, dass ich dies sehr verdient hätte. Das war fast noch die grössere Auszeichnung, wenn die Gegnerinnen so viel Respekt zeigen und es einem auch so sehr gönnen. Das ist unglaublich.

Was hat sich in Ihrem Leben seither verändert?

Per se hat sich nichts verändert. Die Aufmerksamkeit und der Erwartungsdruck sind sicher gross nun. Gestern Mittwoch stand ich bereits wieder mit Frölunda Göteborg im zweitletzten Qualifikationsspiel der Saison im Einsatz. Am Freitag ist das letzte Spiel der Regular Season. Ab nächstem Montag spielen wir die Playoff-Viertelfinals. Unser Ziel ist klar: Wir wollen schwedischer Meister werden.

 

«Das Speziellste an der Schlussfeier war sicher, dass wir mit einer Medaille um den Hals einlaufen konnten.»

Andrea Brändli, Nati-Torhüterin

 

Der Blick geht also bereits wieder nach vorne. Ein grosses Ziel steht dabei im Raum: die Professional Women's Hockey League (PWHL) in Nordamerika, gegründet 2024. Dort spielt unter anderen ja Alina Müller in Boston.

Ja, ein Thema ist es und es ist sehr präsent. Ich sondierte es bereits mit meinem Agenten. Das heisst, ich habe nun noch etwas Zeit, ehe im März die Anmeldung für den Draft erfolgt. Die Angebote kommen erst, wenn der Draft offiziell offen ist. Erst dann beginnen die Gespräche offiziell. Aber ja, die PWHL ist mein Ziel. Ost- oder Westküste spielt dabei keine Rolle. Es ist überall schön dort. Informationen zur Liga erhalte ich von Alina. Aber auch aus meiner College-Zeit kenne ich noch ­einige Spielerinnen, die jetzt dort engagiert sind.

Ein prägender Begleiter der vergangenen Jahre war Nationaltrainer Colin Muller. Nach sieben Saisons und fünf Top-4-Vorstössen an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen verlässt er das Schweizer Team.

Ich finde es für uns schade, dass er geht. Aber auch cool für ihn, dass er nach so einem Erfolg gehen kann. Es ist aber auch die Chance für neue Leute, neue Inputs und das Weiterarbeiten mit dem, was er aufgegleist hat. Dies betrachte ich auch für jemanden Neuen als Chance.

Soll es wieder ein Mann sein oder doch besser eine Frau?

Das spielt für uns keine Rolle, innerhalb des Teams gibt es keine Präferenzen. So lange es jemand ist, der weiss, was er oder sie macht. Und vor allem uns zur nächsten Medaille führt, dann ist das Geschlecht egal.

Ein wesentlicher Faktor bei einem Turnier wie Olympia mit eng getaktetem Spielplan ist der Kopf und die Gedankenwelt. Mentaltrainer Corsin Camichel war deshalb eine zentrale Figur im Hintergrund.

Er besass einen sehr grossen Anteil. Er war ja auch Hockeyprofi. Er weiss, wie es ist, auf einer grossen Bühne zu stehen. Er gab uns viele Techniken, um fokussiert, aber auch ruhig und gelassen zu bleiben. Vor allem gab es Tipps, um herunterzufahren und rascher einschlafen zu können. Nach dem Viertelfinal-Sieg gegen Finnland folgte bei uns nach den Interviews keine grosse Feier und kein grossartiger Jubel, sondern die Entspannung stand im Vordergrund. Die Entspannungsübungen begannen jeweils schon in der Garderobe nach den Spielen, was auch zu besserem Schlaf führte. Auch die Fokussierung war ein Element, für das er uns sensibilisierte. Es war nicht weltbewegend, was er uns vermittelte. Aber es tat uns gut, dass wir aufgrund der vielen aufeinanderfolgenden Spiele rasch diese Ruhe finden konnten. Es tat uns gut, dass jemand da war, der uns half.

Dass Sie sich intensiv mit mentalen Prozessen auseinandersetzen, passt zu ­Ihrem akademischen Weg. Sie studierten Psychologie und spezialisierten sich später auf Kriminalpsychologie.

Mich faszinierte schon immer die Macht der Gedanken. Einfach, was der Kopf macht und welchen Einfluss dies auf den Sport und den Alltag hat. Auch als Athlet muss man den mentalen Bereich trainieren, sonst kann man nicht erfolgreich sein. Deshalb studierte ich Psychologie im Hauptfach. Dann hatte ich im ersten College-Jahr eine Klasse im Kriminalbereich. Das fesselte mich. Ich machte den Bachelor in Psychologie in Columbus im amerikanischen Bundesstaat Ohio und später den Master in Kriminalpsychologie in Boston sowie schliesslich das Zertifikat online an der Uni Essex. Mich interessierte, weshalb jemand kriminell wird. Man kann es nicht pauschal erklären. Die Gründe dafür zu eruieren, faszinierte mich. Es ist wie sonst auch in der Wissenschaft, wo es keine hundertprozentige Gewissheit ohne Ausnahme gibt.

Florence Schelling war 2014 die herausragende Torhüterin beim Schweizer Bronze-Gewinn. 2018 standen Sie beide gemeinsam im Schweizer Aufgebot. Auch diesmal tauschten Sie sich aus.

Wir telefonierten am Montag noch lange. Auch nach dem Bronze-Spiel hatte sie mir einen langen Text geschrieben, wie sie selbst damals den Gewinn der Bronzemedaille erlebte. Und sie will mich einmal zum Pancakes-Essen einladen, sobald ich wieder in der Schweiz bin.