Auf den Spuren des Bibers

Daria Semenova

Der Biber ist definitiv im Kanton Zürich zurück – aber nicht überall gleich stark. Wie es dem heimlichen Wasserbaumeister entlang der Glatt geht, zeigt das aktuelle Monitoring. In Opfikon gibt es zwei Biberreviere.

Zwischen Baumwurzeln, die wirken wie gespitzte Bleistifte, platt getretenem Schilf und feuchten Uferstellen mit glatter Rutschspur lässt sich der Biber nicht direkt beobachten – aber seine Präsenz ist mit geschultem Auge unübersehbar. Überall finden sich Hinweise: Schlipfe, über die er ins Wasser gleitet. Dämme, die das Ufer neu modellieren. Kanäle im Dickicht, Fällplätze, Trittsiegel, Nagespuren. Manche Bauten sind so kunstvoll geschichtet, dass man an Menschenhand glauben möchte. Selbst das «Bibergeil», eine duftende Substanz zur Reviermarkierung, lässt sich manchmal entdecken.

Von Dezember 2024 bis April 2025 waren im Kanton Zürich über siebzig Freiwillige unterwegs, um genau solche Zeichen zu dokumentieren. Über 900 Kilometer Ufer wurden abgeschritten, das Vorkommen kartiert. Der neue Bericht zum Bibermonitoring 2025 liefert nun eine dichte Momentaufnahme der Verbreitung – und zeigt: Der Biber ist definitiv zurück. Aber nicht überall gleich stark.

Biberbestand auf Höchststand

Kantonsweit hat der Biber einen neuen Höchststand erreicht: Insgesamt konnten 165 Reviere mit rund 521 Tieren kartiert werden. Das entspricht einem Zuwachs von etwa 80 Bibern in nur drei Jahren. Erstmals seit Beginn des systematischen Monitorings im Jahr 2008 wurden mehr Einzel- und Paarreviere (87) als Familienreviere (78) festgestellt – ein Zeichen dafür, dass sich die Populationsstruktur im Wandel befindet. Dazu kommt eine deutliche Verlagerung in kleinere Nebengewässer, etwa Bäche oder künstlich geschaffene Kanäle. Zwei Drittel aller Reviere befinden sich mittlerweile an solchen Nebenarmen – was die Tiere näher an die Siedlungsräume bringt und häufiger zu Nutzungskonflikten führt.

Rückgang entlang der Glatt

Anders sieht es entlang der Glatt aus. Dort ist die Zahl der Reviere seit dem letzten Monitoring rückläufig: von zwölf auf acht. In Opfikon wurden zwei Reviere dokumentiert – eines davon ein Familienrevier. In Wallisellen ebenfalls zwei, in Kloten ein Einzelrevier beim Nägelimoosweiher. Laut Caroline Nienhuis von der Biberfachstelle des Kantons betrifft der Rückgang in erster Linie den Unterlauf zwischen Bülach und Glattfelden. Im Abschnitt zwischen Niederglatt und Greifensee hingegen sind viele Reviere bereits seit mehreren Jahren stabil – teils seien in diesem Bereich sogar neue hinzugekommen.

Die genauen Ursachen für den Rückgang lassen sich laut Nienhuis nicht eindeutig benennen. «Die Reviere sind dynamisch», sagt sie. «Ein Familienrevier bleibt nicht über Jahrzehnte am gleichen Ort. Ein Biber wird mit etwas Glück etwa zehn Jahre alt. Wenn ein Revier leer wird, verschieben sich die Biber – oder sie werden von Jungtieren neu besiedelt.» Dass ältere Reviere aufgegeben wurden, sei also kein Zeichen für einen generellen Rückzug. Vielmehr werde erwartet, dass frei gewordene Gewässerabschnitte bald wieder besiedelt werden. Denn das Muster sei überall ähnlich: Wo Platz entsteht, kommen neue Tiere.

Lebensraum wird aktiv gestaltet

Der Biber braucht keine perfekten Bedingungen – er schafft sie sich. Wenn das Wasser zu flach ist, baut er Dämme. Wenn das Ufer zu steil ist, gräbt er Wege. «Es kommt dem Biber nicht darauf an, ob der Lebensraum optimal ist», erklärt Nienhuis. «Er gestaltet ihn um.» Die Herausforderung besteht gerade darin: Wo andere Arten zurückweichen, verändert der Biber seine Umgebung aktiv. Damit trägt er zwar zur ökologischen Vielfalt bei, kann aber auch bestehende Infrastrukturen beeinträchtigen.

Ein Beispiel ist das Himmelbächli in Kloten. Dort staut ein Biber das Wasser in einem Naturschutzgebiet – ein Gewinn für manche Amphibienarten, aber ein Risiko für seltene Pflanzen, die an trockene Bedingungen angepasst sind. Gemeinsam mit der Fachstelle Naturschutz wurden hier Lösungen erarbeitet. «Wenn der Wasserstand zu hoch wird, kann ein Drainagerohr helfen, ihn gezielt zu regulieren», so Nienhuis. «Der Damm bleibt – aber seine Höhe ist fixiert.» In anderen Fällen wird der Damm abschnittsweise geöffnet oder verlagert. Manchmal bleiben dann die Tiere, manchmal ziehen sie aber auch weiter.

Bestehendes Konfliktpotenzial

Besonders in landwirtschaftlich genutzten Gebieten kommt es immer wieder zu Konflikten. Dämme stauen Drainagen, Bauten unterhöhlen Flurwege, Grabaktivitäten beschädigen Uferzonen. Die Biberfachstelle berät in solchen Fällen Gemeinden und Grundeigentümer. «Bei Eingriffen in einen Biberdamm stellt die Jagd- und Fischereiverwaltung eine Bewilligung für Massnahmen aus», erklärt Nienhuis.

Dabei wird nicht nur reagiert – auch präventive Massnahmen werden umgesetzt. Renaturierungen, wie sie in den letzten Jahren entlang der Glatt vorgenommen wurden, helfen nicht nur der Biodiversität allgemein, sondern können auch Konflikte mit dem Biber entschärfen. Wenn Flurwege zurückgebaut, Grabgitter eingesetzt oder Uferzonen breiter gestaltet werden, lassen sich Reibungspunkte verringern, ohne dass die Tiere verdrängt werden müssen.

Auch wenn die Revierzahlen an der Glatt derzeit leicht rückläufig sind, bleibt der Biber im Zürcher Unterland fest etabliert. Und die Dynamik der Revierwechsel ist Teil seines ökologischen Systems. Der Biber kommt, verändert, geht – und kehrt meist zurück. Die Glatt bleibt ein wichtiger Lebensraum, auch wenn er sich im Detail ständig wandelt.