«Alleine Berra ist wie ein Lotto-Sechser»

Richard Stoffel

Marcel Jenni (52) war als Spieler einer der schillerndsten und elegantesten Schweizer Stürmer seiner Spielergeneration. Der heutige Assistenztrainer des Schweizer Nationalteams nimmt in diesen Tagen seine neue vollberufliche Tätigkeit als Assistenztrainer beim EHC Kloten auf.

 

Für Kloten stürmte Jenni von 2005 bis 2015 und beendete bei den Zürcher Unterländern vor elf Jahren auch seine Spieler-karriere. Jenni bildete einst mit Patrick Fischer und Gian-Marco Crameri beim HC Lugano und beim Schweizer Nationalteam eine Top-Sturmlinie. Mit Lugano wurde Jenni Schweizer Meister (1999). An der Heim-WM von 1998 in Zürich und Basel wendete Jenni das Vorrundenausscheiden von Gastgeber Schweiz mit zwei Treffern zum 5:1-Sieg gegen Frankreich in einer dramatischen Schlussphase ab.

Die Schweiz besiegte dann in der Zwischenrunde in Basel bei einem Gala-Auftritt Russland mit 4:2 und erreichte am Ende des ersten Amtsjahres von Ralph Krueger den damals nicht für möglich gehaltenen 4. Rang an der Heim-WM. Eine Generation später ist nun Alltag, was damals nur erträumt werden konnte: dass die Schweiz nicht nur um Medaillen spielt, sondern diese auch regelmässig holt – zuletzt dreimal Silber in Folge. Jenni war als Assistent des Nationalteams daran beteiligt. Nun bringt er etwas von diesem Erfolgsflair zum EHC Kloten, der sich nach dem 12. Rang der Vorsaison wieder in die Top Ten der Liga zurückkämpfen will.

Im Exklusivinterview mit dem «Stadt-Anzeiger» blickt Jenni unter anderem auf die Heim-WM und die Causa Fischer zurück, analysiert Klotens Leader Dario Meyer und erklärt, was er selbst bei den Flughafenstädtern als neuer Assistenztrainer einbringen kann.

Wie sind die Gedanken nach dieser Heim-WM? Was wird ewig haften bleiben?
Marcel Jenni: Es ist immer noch eine gewisse Enttäuschung da wegen des verlorenen Finals. Auf der anderen Seite war es eine unglaubliche WM. Die Fans waren megacool, die Euphorie riesig. Was da rundherum abging, war ein absolutes Highlight. Dafür sind wir vom Staff und vom Team sehr dankbar. Natürlich hätten wir lieber Gold gewonnen. Aber so ist der Sport. Wir haben alles gegeben, deshalb überwiegt mit ein bisschen Abstand trotz der Enttäuschung auch der Stolz.

Durch die Causa Patrick Fischer schien das Team nochmals näher zusammengerückt zu sein .
Das ist so. Alle wollten wegen dieser Sache für ihn einen guten Eindruck machen und den Weltmeistertitel holen. Unabhängig davon hatte es das Team extrem gut unter- und miteinander. Es herrscht ein Höchstmass an gegenseitigem Respekt. Man schaut zueinander. Der Umgangston ist sehr gut sowie motivierend und aufbauend. Es sind einfach gute Werte, die nach aussen getragen werden. Man lebt als und für die Mannschaft. Jeder freut sich für den anderen. Und daraus ist ein Auftreten mit viel Herz für die Schweiz entstanden.

Drehen wir das Zeitrad noch ein wenig zurück. Es war zum Auftakt der WM-Vorbereitung, als sich das Nationalteam unter anderem noch ohne Playoff-Finalisten und NHL-Legionäre in der Slowakei aufhielt, als Patrick Fischer vorzeitig entlassen wurde.
Es war damals für uns alle ein Riesenschock. Fischer hat als Headcoach des Nationalteams in den letzten zehn Jahren enorm viel geleistet und die Nati geprägt. Sein plötzlicher Abgang traf uns als Trainerstab und Team hart, und wir mussten das zuerst verarbeiten. Wir waren traurig und hätten uns für die Zusammenarbeit mit ihm natürlich ein anderes Ende gewünscht (er wäre ohnehin nach der Heim-WM zurückgetreten – Red.).

In der Slowakei war auch noch Klotens Topskorer und Teamleader Dario Meyer im Kampf um die Plätze für die Heim-WM dabei. Wurde da auch schon über die künftige Zusammenarbeit bei Kloten zwischen Ihnen und ihm geredet?
Schon auch. Aber in erster Linie ging es um Dario als Spieler. Ich konnte ihn da auch ein wenig besser kennenlernen, das war natürlich auch spannend. Er ist ein guter Spieler und Typ und hat einen guten Charakter. Ich freue mich auf die künftige Zusammenarbeit mit ihm.

Auch wenn klar war, dass angesichts der beträchtlichen Substanz und hochkarätigen Konkurrenz im Schweizer Nationalteam Dario Meyer kaum Aussichten auf einen WM-Platz haben konnte: Was fehlt ihm aus Ihrer Sicht für dieses absolute Top-Level und das Überstehen von zwei weiteren Kader-Cuts?
Er hat unglaublich viele Qualitäten, auch im Powerplay. Aber in der Offensive hat es mit Spielern wie Denis Malgin und Sven Andrighetto Akteure, an denen es sehr schwer ist vorbeizukommen. Gleichzeitig ist es für Dario wichtig, dass er die internationale Erfahrung sammeln konnte. Er kann unheimlich schnell und gut adaptieren. Er sieht dabei natürlich auch, in welchen Bereichen er selbst noch arbeiten muss, beispielsweise noch ein wenig am Rhythmus, ein wenig am Speed. Es ist alles noch ein wenig intensiver auf diesem Level.

Ein Jahr davor war Mischa Ramel als letzter Klotener in der WM-Vorbereitung etwa auf gleicher Höhe aus dem Kader gestrichen worden. Er hatte zuletzt eine schwierigere Saison gehabt …
Mischa ist ein wichtiger Spieler für die Zukunft in der Schweiz. Und es ist ein normaler Prozess für junge Spieler, dass es nicht immer nur nach oben geht. Man muss auch die Erfahrung machen, was es heisst, eine gute Saison zu bestätigen und eine gewisse Konstanz hineinzubringen. Damit muss man umgehen können. Das sind Erfahrungen, die er macht. Er wird sicher in den nächsten Jahren den nächsten Schritt machen. Gegen oben ist alles möglich für ihn. Mischa ist ein sehr guter und wichtiger Spieler für die Zukunft.

Kommt Mischa Ramel sogar der Trainerwechsel in Kloten von Lauri Marjamäki zu Michael Liniger entgegen?
Das wird man sehen. Auf jeden Fall ist Mischa ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft. Er ist ein Leader, der viel Verantwortung übernehmen muss beziehungsweise darf. Er hat sicher die Unterstützung dazu vom gesamten Trainerstab. Es wird so betrachtet sicher eine gute Geschichte. Wir brauchen ihn.

Welchen Kontakt hatten Sie schon mit Michael Liniger?
Bis zuletzt war ich noch voll im Prozess mit dem Nationalteam involviert. Doch ich hatte dennoch bereits einen längeren Austausch mit Lini. Demnächst werden wir aber natürlich noch länger zusammensitzen.

Seit Ihren Tagen als Spieler von Kloten: Wie haben Sie die Entwicklung des Klubs in den letzten Jahren von aussen erlebt, und wie beurteilen Sie diese?
Ich habe Kloten schon seit längerem beobachtet, schon in der Swiss League. Was sehr positiv bei Kloten ist: In den letzten Jahren ist Ruhe im Umfeld eingekehrt, was gerade auch dem neuen Präsidenten Jan Schibli zu verdanken ist. Er brachte Ordnung und gute Strukturen hinein. Dann auch CEO Anjo Urner, der den Verein in den vergangenen Jahren erfolgreich weiterentwickelt und wichtige Impulse gesetzt hat, und Sportchef Ricardo Schödler, der vor zwei Jahren gekommen ist und einen unheimlich guten Job macht. Kloten ist ein Klub mit einem der tiefsten Budgets der Liga. Unter diesem Aspekt holt man extrem viel heraus. Und man versteht es, Junge aufzubauen und zu integrieren, und ist dennoch gleichzeitig fähig, konkurrenzfähig zu sein. Und der Klub hat eine DNA mit Speed, Intensität und offensivem Hockey und guten Teamzusammenhalt, ein wenig wie eine Familie.

Die Perspektiven für die nächste Saison scheinen verheissungsvoll. Es kommt mit Reto Berra der beste Torhüter der Liga. Dann dürfte die Produktivität der Imports mit Offensivverteidiger Simon Johansson, Rückkehrer Arttu Ruotsalainen und einem gesund bleibenden Brandon Gignac deutlich erhöht werden können. Und wenn auch ein Mischa Ramel wieder an seine vorletzte Saison anknüpfen kann und die Neuzugänge Raphael Prassl sowie Michael Hügli oder der fast die gesamte letzte Saison ausgefallene Simon Meier einschlagen.
Es sind viele Spieler mit Potenzial, das es auszuschöpfen gilt. Sie können alle noch ein wenig produktiver werden. Es wurden gute Transfers gemacht. Es ist eine gute Mischung zwischen erfahrenen und jungen Spielern vorhanden. Man hat nun mehr Tiefe und mehr Stabilität als auch schon. Und ein unglaublich guter und erfahrener Goalie wie Berra hilft natürlich. Es sind sehr positive Anzeichen und Voraussetzungen. Berra alleine ist wie ein Lotto-Sechser. Da hat Sportchef Ricardo Schödler einen Topjob gemacht, ihn zu engagieren. Gleichzeitig ist es für Reto natürlich eine spannende Herausforderung. Seine Erfahrung und seine Leader-Qualitäten kann er als Meister mit Fribourg-Gottéron nun in Kloten einbringen.

Was reizt Sie an der Herausforderung Kloten, und welchen Zuständigkeitsbereich werden Sie als Assistent haben?
Ich war nun sechs Jahre im Verband und habe dort die U18 sowie die U20 als Headcoach begleitet. Ich bringe da viel Erfahrung und Wissen mit. Zudem wollte ich einmal die Kluberfahrung machen. Gleichzeitig bleibe ich aber auch Trainerassistent im Nationalteam mit Headcoach Jan Cadieux. Es wird eine intensive Saison. Aber ich bin bereit. Und ich habe schon in vielen Bereichen gearbeitet. Bei der WM deckte ich als Assistent zuletzt die Bereiche Powerplay, Forechecking und Face-offs ab. Im Vorjahr war es das Penaltykilling. Ich habe einen gut gefüllten Rucksack. Und ich bin für alles offen. Mein Aufgabenbereich in Kloten wird noch definiert. Vielleicht übernehme ich auch die Verteidiger und defensive Aufgaben. Die Rollen werden noch verteilt.

Sie kennen mehrere Klotener aus den U-Nationalteams.
Das sind viele, beispielsweise Lorenzo Hausheer, Noah Delémont, Kimi Körbler, Rafael und Simon Meier, Cyril Keller etc. Ich kenne mich bei den Nachwuchsjahrgängen in der Schweiz sehr gut aus.

Wem trauen Sie ganz viel zu?
Das ist sehr schwer zu sagen. Es gibt viele Kandidaten. Die beiden Meiers oder Körbler, um nur einige zu nennen. Gewisse Voraussetzungen sind vorhanden, dass es der eine oder andere eines Tages ins Nationalteam schaffen könnte. Gleichzeitig braucht es einiges dazu. Und darauf muss hingearbeitet werden. Es braucht Wille und Durchhaltevermögen und den Antrieb h für Zusatzschichten.

Was glauben Sie, ist es, was Kloten von anderen Klubs unterscheidet?
Sicher der Zusammenhalt und das Integrieren von jungen Talenten und eine läuferisch starke Mannschaft mit viel Speed und attraktivem Eishockey.

Ursprünglich hatten Sie sich aber zum Zeitpunkt Ihrer Unterschrift beziehungsweise bis dahin noch mit Lauri Marjamäki ausgetauscht, der nun aber als Headcoach nach Zug wechselt.
Das hat sich verändert, ja. Woran ich mich bei Michael Liniger als Mitspieler erinnern kann? Er war ein zuverlässiger, guter und solider Zweiwegcenter, der Verantwortung übernahm. Er war ein guter Teamkamerad, der immer alles für das Team gab.

Sie haben nur für ein Jahr in Kloten unterschrieben. Ist Kloten einfach eine Weiterbildung für Sie?
Ich bin nun schon elf Jahre Coach. Ich habe über 20 Weltmeisterschaften als Coach auf diversen Stufen erlebt. Aber ja, Erfahrungen sammelt man immer wieder neu. Gleichzeitig ist es gegenseitig, auch ich werde mich einbringen. Und dabei ist die Chemie in der Zusammenarbeit wichtig. Es braucht ein gutes Team im Team.

Die Zusammenarbeit mit Jan Cadieux funktioniert für Sie anscheinend auch nach dem Abgang von Patrick Fischer vergleichbar gut wie vorher, als Sie beide Assistenten waren.
Ich hatte mit Jan auch die U20-WM schon gemacht. Zuletzt war es sehr intensiv, wir lernten uns immer besser kennen. Ich unterschrieb zuletzt wie Jan für zwei weitere Jahre beim Verband. Es war schon eine richtige Herausforderung, als wir in der Vorbereitung auf diese Heim-WM lange Zeit zu zweit das Team führen mussten, da Rikard Franzén noch mit Fribourg-Gottéron als Assistenztrainer bis zum Ende des Playoff-Finals engagiert war. Doch wir lösten dies zusammen sehr gut. Aber wir vermissten Patrick Fischer beide schon. Wir wären gerne mit ihm an die WM gegangen. Er hätte es verdient gehabt. Es ist einfach extrem schade gewesen, dass es so gekommen ist.

Jan Cadieux und Sie befanden sich auch während der Heim-WM weiter im Austausch mit Fischer.
Ja, dies war der Fall. Wir durften und konnten auch auf Fischers Erfahrungen zurückgreifen. Es wäre ein Fehler gewesen, wenn wir dies nicht getan hätten. Das half uns auch. Es war nicht einfach für Patrick. Er freute sich extrem auf diese A-WM im eigenen Land. Dass er sie nicht machen durfte, war nicht einfach für ihn. Dennoch war er immer da für uns im Trainerstab.

Was zeichnet Jan Cadieux aus?
Jan ist sehr intensiv. Er lebt für seinen Job. Er kann komplett darin eintauchen. Ich weiss gar nicht, ob er dabei überhaupt zum Schlafen kommt (lacht). Er hat einen guten Umgang mit der Mannschaft, ist mehrsprachig. Und mit seiner grossen Energie ist er ansteckend für sein Team.

Im Halbfinal gegen Norwegen mussten Sie ihn zurückhalten, als er sich beim Stand von 6:0 für die Schweiz über die unzimperliche Gangart der Nord­länder bei aussichtslosem Hintertreffen enervierte.
Ja, da musste ich ihn etwas bremsen. Er lebt sehr intensiv mit. Aber so aufgebracht hatte ich ihn noch nie erlebt. Ich beruhigte ihn, er solle ruhig bleiben. Wir hätten schliesslich gewonnen. Alles andere würde nur unnötige Unruhe bringen. Zum Glück wurden die Wogen danach geglättet. Und darüber bin ich froh.

Was fehlte der Schweiz zum WM-Titelgewinn? Es war nun der dritte Final in Folge, in dem man ohne Torerfolg blieb.
Ein WM-Final hat nochmals andere Gesetze. Der Gegner ist nochmals defensiver eingestellt. Es gibt fast keine Fehler. Die Finnen mit ihren zwölf NHL-Spielern waren natürlich qualitativ schon sehr gut. Wir fanden nicht so den Rhythmus, wie wir wollten. Mit Silber geben wir uns mittlerweile nicht mehr zufrieden. Wir feierten diese Medaille auch nicht mehr wie früher, denn unser Ziel war der ganz grosse Coup. Und das ist schon mal ein erster Schritt dazu.

Was sind Ihre Ziele mit Kloten?
Das Ziel ist, dass das Team erfolgreich sein wird und dass die Spieler und die Organisation besser werden. Es geht dabei nicht um mich, sondern um das Team. Wir wollen, dass die Zuschauer Freude an den Heimspielen von Kloten haben und dass die Resultate kommen.