40 Jahre Tschernobyl: Ein Verein kämpft weiter

Dennis Baumann

Vergangenen Sonntag jährte sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 40. Mal. Doch die Hilfeleistung des Vereins Tschernobylhilfe Hardwald ist heute schwieriger denn je.

Fast ein Dutzend Vereinsmitglieder versammelten sich am vergangenen Sonntag auf einem Spazierweg oberhalb des Opfiker Dorfes. Dort steht ein Apfelbaum, den der Verein 1999 gemeinsam mit den ersten belarussischen Kindern gepflanzt hatte, denen er einen vierwöchigen Ferienaufenthalt in der Schweiz ermöglichte. Das neue Schild ist auffälliger als das bisherige und mit einem QR-Code versehen, damit Passanten sich direkt über den Verein informieren können. Nach der Einweihung hielt Mitgründerin Veronika Reuschenbach im Forum der St.-Anna-Kirche einen Vortrag über die Geschichte des Vereins.

Unter anderem ging es um die Schicksale der Kinder aus den belarussischen Orten Luninez und Djatlowitschi, den beiden Patenorten des Vereins. Dort sind die Folgen der Reaktorkatastrophe von 1986 bis heute spürbar. «Die Strahlung ist immer noch gesundheitsschädlich, vor allem was Lebensmittel betrifft», sagt Vereinspräsident David Eicher.

Fast zwei Jahrzehnte  Kinderaufenthalte

Seit seiner Gründung ermöglichte der Verein jährlich rund 30 Kindern aus den Patenorten einen vierwöchigen Aufenthalt in der Schweiz. Die Kinder wohnten bei Gastfamilien, lernten sich in einem gemeinsamen Lager kennen und unternahmen Ausflüge, etwa in den Zoo Zürich, an den Rheinfall oder auf den Uetliberg. Der Apfelbaum in Opfikon, von dem der Verein bis heute Äpfel erntet und am Chlausmärt als Apfelstücke verkauft, ist ein Symbol für diese Tradition. Seit den Anfängen des Vereins waren rund 800 Kinder zu Besuch in der Schweiz. Noch heute pflegen viele der Gasteltern und auch Mitglieder aus dem Vorstand gute Kontakte zu den zwischenzeitlich erwachsenen Gästen von damals.

Doch seit der Coronapandemie ist es nicht mehr möglich, Kinder aus Belarus in die Schweiz zu holen. Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat sich die Lage weiter verschärft. Geldüberweisungen sind unmöglich geworden, selbst für humanitäre Zwecke.

Projekte in den Patenorten

Mit den Sponsoringgeldern finanziert der Verein aktuell unter anderem ein ­Diabetes-Projekt in den Patenorten. Spezialisierte Fachleute und die Verantwortlichen aus der Stiftung vor Ort schulen Kinder und Eltern im Umgang mit der Krankheit: Blutzucker messen, den Zuckerspiegel stabil halten, Tipps für eine ausgewogene Ernährung. Aufgrund vonMangelernährung ist Diabetes ein weit verbreitetes Problem. Die verstrahlten ­Böden zwingen die Familien, ihre Ernährung anders auszurichten, was zu Mangelerscheinungen führt. «Das wird in hundert Jahren noch ein Problem sein», sagt Eicher.

Neben dem Diabetes-Projekt unterstützt der Verein über die Partnerstiftung auch Schulprojekte: Beschaffung von Schulmaterial, eine Rollstuhlrampe für eine Familie, ein neuer Tischtennistisch für eine Schule.

Sie halten am Auftrag fest

In den letzten Jahren konnte der Verein zudem Kindern Aufenthalte im ­belarussischen Erholungszentrum Nadeschda ermöglichen – als Alternative zu Reisen in die Schweiz. Inzwischen hat der Verein seinen Fokus jedoch neu ausgerichtet: Statt solcher Aufenthalte setzt er verstärkt auf die direkte Unterstützung der Stiftung vor Ort sowie in den Patenorten und hat die Programme entsprechend an­gepasst.  Ob die Kinderaufenthalte in der Schweiz je wieder möglich sein werden, ist ungewiss. Als der Ukrainekrieg ausbrach, fragten Mitglieder, ob man das Geld nicht für Kriegsbetroffene einsetzen solle. Doch die Statuten sind klar: Der Verein hilft Kindern, die von der Tschernobyl-Katastrophe betroffen sind. «An dem möchten wir festhalten», sagt Eicher. «Selbst wenn es nur kleine Dinge sind, mit denen wir mithelfen.»

Derweil gehen die Spenden zurück, und das Thema Tschernobyl rückt zunehmend aus dem öffentlichen Fokus. Noch verfügt der Verein über Reserven aus der Zeit der Kinderaufenthalte, die jeweils rund 40 000 Franken kosteten – doch diese Mittel sind begrenzt. Eicher blickt deshalb mit gemischten Gefühlen nach vorn: «Gedanklich bin ich oft bei den Kindern, die wir früher für einen Aufenthalt in die Schweiz holen konnten», sagt er. «Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ist das jedoch nicht mehr realistisch. Unser Engagement wird sich künftig stärker auf die Unterstützung vor Ort konzentrieren.»

Verein Tschernobylhilfe Hardwald